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(31) <Die Interviewerin spricht mit einem leichten amerikanischen Akzent, die Interviewte mit einem leichten polnischen Akzent> INT: 3.08.2000, Marthe [Martha] Ciecierski, Geburtsname: Lange, Interviewer: Marilyn Schapiro, Gütersloh, Deutschland, Sprache: Deutsch. KAM: Und bitte. INT: Ich heiße Marilyn Schapiro, heute ist 8. März 2000, ich führe ein Interview mit Frau Martha Ciecierski durch, wir sind in Gütersloh,


Segment [1]
Zur Person
Zum Interview
Martha Ciecierski
* 12.05.1921 in Polen - Tarnów
Überlebende Zeugen Jehovas
Lager und Ghettos
Auschwitz II-Birkenau (Polen)
Bergen-Belsen (Deutschland)
interviewt am 08.03.2000 in Gütersloh - Bundesrepublik Deutschland
Sprache Deutsch
Länge 01:59:58
Interviewer(in) Marilyn Schapiro
Kamera T. Stein
Transkription Joanna Garbarczyk
Code 50687
(31) <Die Interviewerin spricht mit einem leichten amerikanischen Akzent, die Interviewte mit einem leichten polnischen Akzent> INT: 3.08.2000, Marthe [Martha] Ciecierski, Geburtsname: Lange, Interviewer: Marilyn Schapiro, Gütersloh, Deutschland, Sprache: Deutsch. KAM: Und bitte. INT: Ich heiße Marilyn Schapiro, heute ist 8. März 2000, ich führe ein Interview mit Frau Martha Ciecierski durch, wir sind in Gütersloh,
Nordrhein-Westfalen, Deutschland. (4) KAM: O.K. Und Kamera läuft. INT: Wie heißen Sie, bitte? MC: Ciecierski, Marta. INT: Können Sie bitte den Name(n) buchstabieren? MC: Z-I-E-Z-I-E-R-S-K-I [Anm. d.T.] INT: Und Vorname? MC: M-A-R-T-A INT: Und was war Ihr Geburtsname? MC: Lange, Lange, // INT: Buchsta-_ /// L-A-N-G-E // INT: <flüstert> Danke. /// [Anm. d.T.] INT: und wann werden Sie geboren? MC: zwölften fünften tausendneunhunderteinundzwanzig [12.05.1921] INT: Und Wo? MC: Tarnowa, Polen. INT: Und wie alt sind sie heute? MC: Heute bin ich (-) neunundsiebzig. INT: <ganz leise> Danke schön. <wieder normal> fingen [fangen] wir an mit ihrer Kindheit, äh, wie heißen Ihre Eltern? MC: Lange, natürlich,
Edward, die Mutter Lange=Olga, Olga Lange. INT: Was für einen Beruf hat Ihr Vater gehabt? MC: Landwirt. Bauer. INT: Können Sie Ihr Elternhaus beschreiben, die Familie? MC: Ach, das ist da schon bisschen neu, es waren Ho-, von Holz gebaut, na, das andere war gemauert, die andere Gebäude, was es alles heute_, heute sieht das alles schon anders aus. INT: Und wie viel Kinder waren in die Fam-_? MC: Sieben. INT: Brüder, Schwester? MC: Drei Jungs, vier Mädchen. INT: Und sind Sie_, was für ein_, ähm, waren Sie die erstes Kind, wie, was war die_? MC: Nein, ich war die vierte. INT: Vierte. Und wie war Ihr(e) Kindheit, ähm, wo sind Sie zur Schule gegangen? MC: Auch in Polen. INT: Und wie war das in der Schule für Sie? Für mich war es schön in der Schule gewesen. Hm, (ich) hab gelernt und die Lehrer waren
mit mir zufrieden und ich war zufrieden. Bei Gymnastik war ich immer die erste, also, wo ich jung war, voller Leben. INT: Und was für ein(e) Religion hat die (-) Familie? MC: Familie, evangelisch. INT: Und was für eine Rolle hat diese Religion gespielt damals? MC: Das ist so ähnlich wie katholisch, aber doch bisschen anders schon. Luther hat das schon, hat ein helleres Licht gehabt in der Bibel, hat sich sehr (damit) beschäftigt, er wurde ja auch verfolgt, aber (es) ist doch schon anders. INT: Hmhm. Sind Sie oft in die Kirche (-) gewesen? MC: Ja, manchmal mit dem Vater, manchmal mit Schwestern zusammen, aber nicht so oft. Das war(en) vier Kilometer dann zu Fuß, mit die Kinder(n) war es auch nicht so_. INT: Und könnten Sie (sich) an bes-, bestimmte Feiern erinnern, das Sie mit der Familie gefeiert haben? MC: Speziell, nicht, so wie, äh, so wie die Feiertage waren, Pfingsten, Weihnachten,
Ostern, es war bei den Familien so und das waren_, das feiert (man), aber sonst_ (-) INT: Und was war Ihr Interesse oder Hobbys als Kind? Was hatten Sie gern (-) gemacht? MC: (4) <flüstert> (Da) muss ich nachdenken, hm, <wieder normal> Gymnastik, (--) naja, was soll man da als Kind, mit den Kindern, so besonders weiß ich nichts. INT: Können Sie den Ort ein bisschen beschreiben, wo Sie gewohnt haben? MC: Das ist bei Poddebice [Polen, Woiwodschaft Lodz, 1943-45 Wandalenbrück], (---) es ist bei, hinter Lodz, kann ich sagen, aber gehörig zu Poddebice [Polen, Woiwodschaft Lodz, 1943-45 Wandalenbrück], heute ist (es) Leczyc [Deutsch: Lenczyca/Lentschitza], (der Name wurde) schon paar Mal geändert da, das müsste man immer wieder von neuem_ (lernen). INT: Wie groß war dieser (-) Ort? MC: Poah, was ich als Kind da_ <lächelt> und heute weiß ich gar nicht. (Es) waren schon etliche Tausend, aber nicht so viel wie_, jetzt ist es überall größer, das ist klar. INT: Hmhm.
Und was für Menschen wohnen dort? MC: Da wohnen jetzt meist Polen. Früher waren (da) evangelische (Einwohner), aber jetzt wohnen Polen, Nordpolen (dort). Da sind keine Deutsche mehr. Also evangelisch, das waren Deutsche und katholisch, das waren Polen. INT: Welche Sprache haben Sie zu Hause gesprochen? MC: Sehr viel Deutsch, aber auch Polnisch, deswegen kann ich Polnisch und zur polnischen Schule musste ich auch gehen, war ja keine deutsche (da), ich hab nicht eine Minute Deutsch gelernt, nur Polnisch. INT: Und die Nachbarn, sprechen Sie auch Deutsch, oder_? MC: Na, das waren meine Tante(n) gewesen, die haben gesprochen Deutsch und mehrere weite Ve-, Nachbarn waren auch wieder deutsch. Es waren acht Familien in einer Gegend so, so dass wir hatten Gelegenheit zu sprechen Deutsch. INT: Und haben Sie die Eindruck gehabt, dass Sie in Minderheit da in (-) Polen waren? MC: Äh, ob || das Gefühl=ne? // INT: Die Deutschsprechende(n). ||| Ja. /// Na, meist haben sie Polnisch gesprochen,
aber die Eltern zu Hause haben doch Deutsch gesprochen. (--) Auch, Polnisch auch, aber (-), besser=äh Deutsch, mehr Deutsch ha=wurde gesprochen. INT: Könnten Sie (Ihr) Familienleben ein bisschen beschreiben, wie das war? So_ MC: <lächelt, säufzt> Was soll ich da, was soll ich da sagen. INT: Haben Sie mit dem Geschwister viel gespielt, oder_? MC: Ja, das schon. Eis und Eis gefahren (Schlittschuh, Schlitten gefahren?) und so, (--) so wie Kinder, Versteck gespielt, ist normal, wie Kinder (so) spielen. INT: Und wie lange waren Sie in der Schule? MC: Vierzehn, bis vierzehn Jahre und weiter war dann, äh, da, wo ich in der Gegend (war), da war keine Schule und musste man weiter erst und dann bis vierzehn Jahre. Also, ich hab, die Volksschule hab ich beendet. Dann bin ich noch_ INT: Was war Ihr Lieblingsfach in der Schule? MC: <lächelt> Rechnung. Äh, Religion nich-, äh, Religion ebend auch, aber <überlegt, macht einen Laut der Ungeduld> die=äh, warte, wie heißt
denn das, Politik, über Kriege, da war ich so ärgerlich, dass die Menschen sich so do-, (da) war ich von Kind auf [an] eine Gegnerin, dass die Menschen sich so hinschlachten. <lächelt/lacht> Wenn es da kam, wenn ich da solche (Sachen) lern(t)e, da war mir schon schwer, ich war direkt ärgerlich über, dass die Menschen so gehässig sind. Da, das=da werd- (waren) dann wohl Siege, oder was, das interessierte mich nicht so sehr. INT: Haben die Eltern erzählt vom Ersten (-) Weltkrieg, oder_? MC: Ja, der Vater war auch paar Tage weg, aber nicht lange, da kam er zurück, (war) wieder da, is- noch am Leben_, war kurz verheiratet und da musst er schon, war er nur vier oder was Worte erzählt, aber viel wu-, auch nicht, kann ich nicht sagen. INT: Wie ist es gekommen, dass Sie so diese(s) Gefühl gegen Krieg (-) bekommen haben? MC: Wie es gekommen ist? Es war wohl irgendwas, dann muss ich sagen, dass die Zeugen Jehovas, die gehen doch von Haus zu Haus. Und mit einmal waren zwei männliche Gestalten bei meinen Eltern. Und unsere Eltern waren
auch religiös, die waren ganz gut ein(-)gestanden, sie hatten gerne zugehört, da waren die wiedergekommen und die, die haben eben von den, von die Kriege und von dem Ganzen erzählt und was die Bibel sagt, dass=äh alle Religionen haben doch dieselbe(n) Ge=Gebote, auch katholisch, evangelisch, ich sprech ich von die zwei Religionen, ne?, die kennen alle: "Du sollst nicht töten, du sollst nicht morden, du sollst den Nächsten lieben als sich selbst" und dann hat er, der Zeuge Jehovas, vorgelesen, dass Jesus hat gesagt: "Ihr werdet meine Jünger erkennen, wenn sie werden Liebe untereinander haben". Und da hat der Zeuge Jehovas erzählt, der Streicher, was ich schon mal erwähnt hab, dass=hm es keine Liebe nich(t gibt) [Anm. d.T.], wenn die Menschen sich hinschlachten. Und da haben die Zeugen Jehovas sich entschlossen, in Krieg eben nicht zu ziehen, weil sie gehalten haben die Gebote Gottes auf erster Stelle. Und Jesus wurde ja sehr viel verfolgt, wenn man die Bibel liest, was Jesus, wo_, die dreißig Jahre,
drei, drei=dreiunddreißig Jahr und halb war er auf Erden, was er für Wunder gemacht hat und trotzdem (wurde er verfolgt), wir haben gestern auch gelesen, wie verfolgt war Jesus gewesen. Weil er hat sich richtig an den Geboten Gottes gehalten, er hat ja die Gebote von Gott bekommen. Was der Mensch soll tun_, er ist ja auf Erden gekommen, er war als Geistesperson in die Maria durch ein großes Wunder und er kam zum, zu Welt, gna-, so geboren wie alle Menschen, als Kind und ist herangewachsen, die=äh Eltern haben ihn erzogen in der jüdische(n) Religion, aber hat dann, er hat gekannt die wahre Religion und er hat dann gezeigt den Jüngeren, seinen Aposteln, was, was die wahre Religion ist. Und da fangt sich [fängt] da schon an der Streit, die Gegner, die Pharisäer, die waren doch gegen Jesus sehr gewesen_ INT: Hm, kö-, können wir_, wann haben Sie zum ersten Mal von die=äh Zeugen Jehovas gehört? MC: (--) Da war
ich 13, 14 Jahre (alt). Aber war ich, hab ich noch nicht könn(en) so entscheiden, ne?, aber ich hab schon gehört von_ INT: Und die haben Ihre Eltern besucht, haben Sie gesagt? // MC: Ja. /// Und Sie waren auch dabei? MC: Ja, ich war mei-, immer dabei. INT: Und was haben die Eltern darüber gesagt? MC: Die Eltern haben sich gefreut, dass es so gute Menschen (waren), die haben auch=äh, die waren gastfreundlich, die hatten immer was übrig für die, für_, dann kam einer nur, da=ha-, haben nicht immer beide Zeit gehabt, nicht?, da kam nur der Streich, der Herr Streich kam immer zu meinen Eltern und dann haben wir uns näher und näher kennengelernt und die haben_ INT: Und wie war Herr Sch-, wer war das, Herr Schrei [Streich]? MC: Das war ein fremder Mensch, für uns war er fremd. (--) Aber später, bei uns waren eben sieben Kinder, und er war, die hatten keine Kinder, er mit seiner Frau, die waren kinderfrei, kinderlos, oder wie man da(s) sagt. Ähm, der hat immer wieder (gesagt): "Ach, meine Tochter, du könntest doch meine Tochter sein",
da war ich ab und zu mal bei denen da, da hab ich dann immer viel noch gelernt bei denen. Bei die Familie Streichs. INT: Was haben Sie gelernt? MC: Über die Bibel, was=äh die Bibel sagt über unsere Zukunft um [und] was passieren wird, was noch in der Welt vor is(t) (folgt), die haben mir vorgelesen aus Timotheus 2, dass es werden kritische Zeiten sein, mit denen die Menschen werden schwer fertig werden, die werden keine Liebe haben zum Nächsten und=und so weiter, das müsste man nehmen die Bibel und lesen. Und da hat, da hat Jesus auch wieder erwähnt, der sagt: "Und daran werdet ihr erkennen, wa-, wer die wahre(n) Christen (sind), ob sie so handeln, wie die Bibel schreibt". INT: Und wann haben Sie die Schule (-) verlassen? MC: Da war ich schon 15. INT: In welchem Jahr war das denn? MC: Poah, da müsste ich wieder <lacht> rechnen, 21, 36 [1936]? INT: Was haben Sie dann (-) gemacht? MC: Dann hab ich, // INT: Nach de-_ /// dann hab ich geholfen so
beim Kochen, bei_, ich hab keine Schule weiter gelernt. INT: Hm. Haben die Eltern damals über Politik (-) gesprochen? MC: Bei uns wurde wenig über Politik gesprochen. Der Vater kannt sich da nicht aus und er war auch ein Gegner gewesen, dass das so viel Unheil in der Welt ist, er hat sich mit Politik nicht viel beschäftigt. INT: Wann haben Sie zum ersten Mal was über Hitler gehört? MC: Oh, über Hitler hat man schon gehört. Wo, als 39 [1939] zu_, da hat man schon gehört, nicht?, da hat er_, war gleich die Verfolgung und der Sieg und die waren ja auch_, nicht lange hat's gedauert, da kamen ja, die ja auch nach Polen rein. (-) 39 [1939] waren sie schon ja in Polen drin, (-) der Hitler. Da hat man das gesehen, was_, die arme(n) Soldaten und das alles, wie das alles getrieben wurd(e) und_ INT: Was für einen Eindruck hatten Sie damals? MC: Das war furchtbar, auch für meine Eltern, für alle. Ein Mensch lebt, wenn für lange, hundert Jahre.
Hitler wollte ein tausendjähriges Reich aufrichten. Und das ist so_, in=in der Bibel sagt [steht], die Bibel schreibt: "Das Heil sei dem, der auf dem Stuhl sitzt, unserem Gott und dem Lamm". Und das Heil hat er [Hitler] sich an sich gezogen und ich sehe d=heute noch, wie die Menschen strömen, auch heute im Fernsehen, wie man sieht, wie die, wenn sie sch- Heil Sieg und Heil Sieg, ein, ein(em) Menschen zugejubelt, der, der, äh, ko=o-, der hat doch keine Kraft in sich, dass er ein tausendjähriges Reich soll aufrichten. Und das hat uns alle so ins Herz geschlagen [getroffen], dass ein Mensch will (ein) tausenjähriges Reich aufrichten und die Menschen jubelten ihm auch zu, Tausende, auch die Deutschen ärgerten sich manche, dass es so ein, so eine Ehre auf sich genommen hat. Aber die Menschen sehen wir, die sind so schwach_, <nimmt ihre Brille ab> ich muss die Brille doch unten_ oder nein, <setzt die Brille wieder auf> ich sehe so besser. Das blendet doch bisschen.
Und das, dass die Menschen eben so s-, (-) die haben überhaupt kein(en) Glaube(n), keine Ehrfurcht vor Gott, (-) wenn die solche Sachen machen. Und die einzige Religion, und das war für mich wichtig, da hab ich so viel Bekannte gehabt, äh, wir waren da in einer Gegend, waren nur Deutsche, dann später, bei die Familie Streich, da waren nur Deutsche gewesen. Alle, die haben in Krieg, zum Krieg, die=ähm, Einberufung bekommen, oder wie man das sagt, die sind alle in Krieg gezogen. Pfingstler waren (da), hab ich gekannt, Pfingstler, so junge Menschen, alle fromme F=Familien, eine und die andere und die_, und wo er bekommen hat so'n (Einberufungsschreiben), Berthold hieß er, da wie die anderen, wie sie gehei=hießen, die sind alle in Krieg gezogen. Und die kannten genau die Schriften, so wie auch Streich. Und über die Zeugen Jehovas, damals Bibelforscher wurden sie genannt, weil die haben=fangen an zu forschen in der Bibel, die haben das entdeckt,
wie das eben, was die Bibel schreibt, dass die Religionen haben so verfälscht alles, darüber ist viel zu erzählen_ // INT: Lassen Sie mich jetzt kleine Pause machen, für die Tonband. /// // KAM: Ja, 'tschuldi-_ /// INT: O.K. Wo waren Sie, als Sie (-) erfahren habe(n), dass Hitler kommt nach Polen und Krieg angefangen (hat)? MC: Da war ich noch bei meinen Eltern. Nein, war ich eben bei Familie Streich. Aber ich war so hier, bisschen hier=aber, aber ich war || meist(ens) bei_ INT: Könnten Sie ||| ein bisschen zurück erklären, wie das ist, dass Sie zu Familie Streich gekommen (-) sind? MC: Also, ich hab schon gesagt, dass sie, die hatten keine Kinder, nicht?, und der hat_, (er) kam da zu den meinen Eltern und so hat (er) gesehen, wie ich da beschäftigt immer bin, voller Leben, "Oh, so ne Tochter möcht ich gerne haben" und so und da haben die mich hingenommen zu sich und haben sie_, da bin ich wieder paar Tage geblieben, nicht?, und hab ich mich mit den Leuten so, äh, wie sagt man, v=v-, als Familie verbunden mit denen. Ich hab sie sehr gern gehabt, auch seine Frau war eine sehr liebe Frau gewesen und_
INT: Und der=er heißt mit Vorname(n)? MC: Wilhelm und sie Else, seine Frau. INT: Und in welchem Alter sind Sie (-) zu ihnen gekommen, dann? MC: Da war ich 13. 13 Jahre (alt), aber dann war ich immer noch zu Hause und bei denen, ne?. INT: Und wann sind Sie dann bei ihnen geblieben? MC: Ich bin ge-, ja, ich war schon dann, später war ich schon meist bei denen, aber wo ich verhaftet war und bin zurückgekommen, (-) am Leben, dann_, und er ist nicht mehr (da) ge(wesen)_ INT: Aber Sie waren noch im Elternhaus, ähm, zu wohnen, oder haben Sie dann_? MC: Nein, ich hab_, dann war ich schon umgemeldet, bei denen. INT: Ich meine mit 13? MC: Vielleicht war ich 15, no (na) [Anm. d.T.], so ungefähr. INT: Und Sie haben bei Familie Streich gewohnt? MC: Dann hab ich da am meist(en) gewohnt, verbunden mit die Eltern auch, aber_ INT: Wie weit war das vom Elternhaus? MC: 8 Kilometer. // INT: <leise> Ach so. /// <flüsternd> Vielleicht weniger, so ungefähr. INT: Und können Sie ein bisschen das Leben zusammen mit Familie Streich beschreiben? MC: Ja,
die hatten auch ihre Landwirtschaft und sie hatten ja kein Kind, nicht?, da war ich v=hinten und vorne, ich war_, seine Frau war mehr so ne ganz ruhige, ne ganz langsame Frau, ich war lebhaft, überall wo_, w=war ich überall bei denen, wie es nötig war, da wo es nötig war, war ich mit bei, hab ich mit geholfen und (-) war so wie ihre_ INT: Was, was für Tätigkei-, bei welche(n) Tätigkeiten haben Sie geholfen? MC: Na, das war ne Landwirt-, äh, war ne Landwirtschaft, ne, n Bauer-, kleiner Bauer(nhof). INT: Was haben Sie gemacht zum Beispiel? MC: Naja, wie auf dem Land, gepfanzt, äh, Kartoffel oder Salate gesät, so, und das muss man ja bearbeiten, nicht, dass das sauber ist, Ukraut ist gewachsen, ist normal, muss man bei dem a-_, aber das war nicht so viel i [Polnisch für "und"] die hatten nicht so ne_, dass man da so musst da schuften, das war sowieso ne Freude daran, im_, zu arbeiten. INT: Und w=wie war (es) in (der) Familie, als (der) Krieg angefangen hat in 1939?
Was haben die, Familie Streich, darüber gesagt? MC: Ja, die haben sich eben sehr interessiert, weil er hat ja gelesen die Bibel schon vordem und er hat sich entschlossen, dass er nicht wird_, wenn, wenn er kriegt (die) Einberufung in Krieg, dann sagt er nein. Und wo er die Karte hat bekommen, oder die Papiere, wie ich da soll sagen, da ist er auf die Knie gegangen und hat gebeten zu Gott, er will sich da_, hat in seinem Herzen geschworen, er wird nicht mehr kämpfen, er war ja auch als Soldat vordem. Dann hat er gesagt: "Ich, jetzt hab ich die Wahrheit kennengelernt, was die Bibel sagt übers Wort Gottes und ich nimm das Schwert nicht mehr in der Hand, ich will, will treu bleiben, ich will nicht Blut vergießen, ich will Menschenblut_, ich kann kein Leben Menschen geben und ich kann es auch niemand geben [nehmen]. Was ich nicht kann gut machen, kann ich auch nicht schlecht machen". Und er (sagte): "Ich werd das Schwert in die Hand nicht nehmen". Und dann
hat er gewartet, wo_ INT: Und was für einen Eindruck hat das auf (-) Sie gemacht? MC: Ja, das, für mich war das, ich weiß nicht, ich hab irgendwas, ich war da so eifrig drin, b=w-, ich hab sofort gesehen, dass das die wahre Religion (war). Wenn die Pfingstler gehen (in den Krieg), die katholische, evangelische gehen (in den Krieg), alle, und die kennen alle dieselbe(n) Gebote und die ziehen alle in (den) Krieg. Dann haben sie alle vergessen_, alle haben geschworen in der Kirche, die werden treu bleiben. Vor wem haben sie geschworen? Vor die Mauern, aber nicht vor Gott. Wenn man das_, und wenn der Mensch ein Gewissen hat und der w=denkt wirklich über Gott nach, dass (-) sein(e) Gesetze sind so wunderbar und hier die Menschen machen ve-, tun sich so hinschlachten, wie man jetzt immer wieder sehen (kann). Was ich für Tote hab gesehen_. Und dann hab i=war ich doch sicher, dass das ist richtig, was die Zeugen Jehovas machen. Und ich war sofort einverstanden, ich geh diesen Weg genauso, was auch kommt <flüstert> über mir.
INT: Und haben Sie_, (--) wie haben Sie sich, (wie hat sich) Ihr eigene(s) Leben verändert, nach dieser, äh, Überzeugung? MC: Na, ich w=w-, was, man muss ja_, ich hab nicht gehandelt so wie manche (in) die Welt, dass sie da, äh, ich hab, äh, ich war ein sauberes Mädchen, ich bin in der Ehe eingegangen für einen Mann und damals war ich auch so_. Ich war ja noch jung, ich war einverstanden, ich hab diese Wege nicht_, ich war sehr eine große Gegner(in) gegen Hurerei. Das war ich sofort, das war (nichts für) mich. Hm und d=dann aber, manchmal war ich eingeladen (irgend)wo, da hab ich auch getanzt, so ist es bei den Zeugen Jehovas, (es) ist auch nicht so_, wir sollen normal leben, aber wir sollen, haben Grenzen, was den Menschen ist erlaubt und was nich(t). Aber ich, so hab ich auch, bin (irgend)wo zum Tanzen gegangen, wenn ich (irgend)wo eingeladen bin, ich, war ich auch gewesen, aber nicht so, wie die, wie die andere Be-, Mädchen und die andere, meine jugendliche(n), die_
Und die haben mich auch verfolgt, sie haben auch gelacht manchmal über mir [mich], aber wenn was_. "Ah, wenn du nur so'ne Frau möchstest kriegen, <lacht> wie die ist", wenn manch einer hatte gesagt: "Oh, das ist doch ne Bibelforscherin, die will_, du hörst doch was die_, die will doch eine Bibelforscherin sein, wenn du nur so ne Frau möchtest kriegen, <lacht> wie die ist". INT: Äh, sind Sie zu, ähm, ähm, Treffen mit andere(n) Bibelforscher(n) zusammengekommen? MC: Ja, das war damals, heut, heute haben wir, äh, zweimal Versammlung in der Woche, zwei Stunden und eine Stunde, zweimal zu zwei St(unden), aber damals war es ja noch nicht so, da=es waren wenige. Nur, wir haben die Bibel gelesen, wir haben auch schon Literatur bekommen, aber ich war noch jung, ich konnt das auch noch nicht so alles verstehen, aber die Bibel haben wir schon gelesen immer. Ich hab jeden Tag, wir haben, das Wort Gottes und die Psalmen und wenn man die liest, das ist alles wunderbar. INT: Und wie hat sich, wie hat Ihr Leben, das Leben sich geändert
nach 1939 mit, mit die Deutschen nach Polen gekommen sind, was hat (sich) für Sie (-) geändert? MC: Nein, das hat sich nicht v=v-, wir haben ge-, so bis die, bis die Deutsche(n) eben denn die Streichs verhaftet haben. Und da war ich mit bei und (da) haben sie_, INT: Und wann war das? MC: Das war 41 [1941]. INT: Wissen Sie n Monat, oder_? // MC: Mai. /// Wie ist das (-) passiert, was ist passiert? MC: Das ist passiert, weil der sollt=äh, das war so, die=äh, die Menschen, das war ja große Not. Aus der Stadt sind die Menschen, die haben geschmuggelt, mit Wa-, mit Essen, mit Esswaren und so und da sollte (Streich) aus=als Wächter auf der Straße sein und den Menschen Brot oder Butter oder was, das war in Polen so, nicht?, und da sollt er die Menschen_ und die andere(n) Deutsche(n) haben das gemacht. Und er hat gesagt: "Nein, wenn ich die_, wenn ich einer Mutter, die das Brot schon versteckte oder die paar Eier oder das Stückchen Butter und ich nehm ihr das weg, das ist so, als wenn ich ihr, wenn die das für die=ihres Kind
in die Stadt rival-", in der Stadt war ja so ne große Not, "dann ist (es) so, (als) wenn ich ihr das Leben mich nehm(e), ich kann das nicht, mein Gewissen erlaubt das nicht". Und da haben die Gestapo immer wieder ihn gerufen und immer wieder und er hat gesagt, nein, ich werd das nicht machen. Und da war, eines schönen Montags kamen die und die=denen, sie zu verhaften, die Familie Streich. INT: Können Sie beschreiben, wie das passiert (ist)? MC: Ja, die waren da, die haben alles wieder vorgestellt, dass wenn sie sie nicht werden unterschreiben, die werden keine Zeugen Jehovas sein, dann müssen sie (sie) heute mitnehmen und das ist dann auch passiert und ich war mit bei, ich hab auch viel über die Bibel mit denen gesprochen, ich hab denen ges(agt)_, ach, da war so viel über die Bibel gesprochen_, ja die sagen, sie haben auch gesagt: "Ja, das ist ja wahr, das wär ja schöner so, aber wenn jetzt doch Hitler ist da und wir, wir wollen doch=äh, äh, die ganze Welt besiegen" und das war auch (so). Die sind gegangen, wie, pff, in Russland, überall in Polen, überall haben sie gesiegt, aber auf einmal war es Klappe. INT: Wie viel(e) Menschen
sind gekommen bei, beim Familie Streich (-) dann vom Gestapo, wie viel(e) waren da? MC: Zwei, zwei Gestapomänner. INT: Können Sie (sich) erinnern genau was sie gesagt (-) haben? MC: Na, die sagen, die haben gewollt brechen unseren Glauben, nicht, dass sie sollen unterschreiben und sollen in (den) Krieg ziehen und sollen alles mitmachen. Und der Streich, Herr Streich hat gesagt: "Nein, ich werd das nicht machen", Onkel Streich hab ich damals schon <lacht> gesagt, also er wird nicht mitmachen, er unterschreibt nich(t), er will Gott treu bleiben. "Was Gutes, werde ich machen, aber wa=das Böse nicht. Kein Schwert, kein_" (sagte er). Und dann haben sie ihn verhaftet und mich mit. INT: Und die Frau? MC: Und seine Frau auch. INT: Wo sind Sie dann gekommen? MC: Hm, in, in Lodz, in Gefängnis, ein halbes Jahr und dann haben sie uns_ INT: Wie sind Sie nach Lodz gekommen dann? MC: Hm, da haben die Gestapo, die haben a=angenommen da jemand, die sind gekommen, ich weiß (nicht) mit die Fahrräder(n) oder ich weiß (nicht) mit was sie sind_, ohne, || ohne Fahrzeug. INT: Sie sind doch mit, ||| mit Auto dort_ MC: Ja, und da
haben sie uns mit=äh, mit Au-, nein mit so'm Pferdewagen haben sie uns in die Stadt (gebracht) und dann sind (wir) da mit der=der Straßenbahn nach Lodz, haben sie uns gebracht. I [Polnisch "und"] wir haben_ INT: Und wie lange (-) war die Strecke? MC: Die mussten alle aussteigen, die Menschen, nur wir haben (da) gesessen, (mit denen,) was sie uns verhaftet haben, d=zwei Gestapo-Männer. INT: Und haben sie eine(n) Verhaftungsgrund (-) (ge)geben? MC: Na, dass, dass wir Zeugen Jehovas sind. Wir sollen unterschreiben, (dann) kommen wir raus. INT: Und was haben Sie selbst gesagt? MC: Ich hab gesagt, ich unterschreib nich(t), weil das ist die Wahrheit, das ist das Wort Gottes und das ist eine, hm, Religion, (es sind) ganz wenig Menschen da und die Bibel sagt auch: "Der Weg ist schmal, wenige won=(von euch)=werden darauf gehen", weil hier muss man als Christ sein. Al-, wenn wir Gott anerkennen und wir wollen glauben, dass er da ist und seine Gesetze, er hat uns doch das Leben geschenkt, er hat alles für den Menschen geschaffen, er ver=verlangt nur eine Treue für de-_ und wenn wir fangen uns an, an zu schlachten [abzuschlachten], dann warum_, hm, wer ist_, das_, die Kirche hat auch
geschworen: "Du sollst nicht töten, du sollst nicht morden" un=und trotzdem haben sie gebrochen die Gebote. Und das haben, das ist die einzige Religion, die nicht mitgemacht hat. Und da war ich mit auch einverstanden. (-) Und da haben sie uns nicht mehr frei(gelassen), bin ich rein ins Gefängnis und hab n halbes Jahr da gesessen_ INT: Wie war das denn, als Sie nach Lodz gekommen (-) sind? Wo, wo sind Sie, ähm, ge=gekommen? MC: Na, ins Gefängnis. INT: Und wie ha-_, was ist dann passiert? MC: Hm, und da haben sie uns gehalten, jeden Tag haben sie zugemacht, jeden Tag || rausgelassen zu-_. INT: Waren Sie alle ||| zusammen, oder_? MC: Nein, jeder in seiner Zelle. Aber nicht einglizig (nach Gehör) [einzeln], wo ich war, waren fünfzehn und da hatten nur Platz, da haben sie so'n, so'ne Couch war da, von Bretter(n) gemacht und da war ein Strohsack drauf, der, (es) hieß, dass wir (den) sollen unterm Kopf haben und=äh da hat man dadrauf geschlafen, es war || so'ne graue Decke_ INT: Und mit wem waren Sie denn zusammen ||| im Gefängnis? MC: Die Frau Streich, seine, war mit. INT: Und andere Gefangene || waren_? MC: Und andere waren ||| auch mit bei,
andere Gefängnisfrauen, nicht nur Zeugen Jehovas, da war ein Gefängnis, da waren, haben ja mehrere_ INT: Was für Frauen waren die dann? MC: Katholisch und evangelisch, ähm, aber Juden waren damals noch (keine da), da waren keine Juden. Juden waren erst in Auschwitz (da). Mit mir denn in, in Lodz in Gefängnis waren keine. INT: W=welche, w=welche, aus welche(n) Gründe(n) waren die andere(n) verhaftet? MC: Hm, die haben auch da_, eine ist gef-, zum Beispiel auf dem Friedhof hat sie, äh, ne Kanne gehabt und da, hm, hat sie ne Tasche, die wollt Blumen einkaufen und die g-, die Deutsche(n) haben sie da schon (irgend)wo erwischt, dass sie vielleicht eine Gegner(in) oder <macht ein paar Zischlaute>, da war halbe Gasse, es waren so viel Menschen verhaftet, der Hitler hat so Angst gehabt, also er hat das nicht gemacht, er hat ja (den) Befehl gegeben, hal weg wo, wo haben, hat jemand was gesprochen oder, oder waren zwei Frauen zusammen oder dreie und die haben_, da war schon jemand da und da war er schon weg. Die mussten so aufpassen. Die haben Angst gehabt, weil es waren ja viel(e) Gegner
gewesen. Sie sind nach Polen reingekommen und=äh und da hat's gar nicht lange gedauert, da war's ganze Militär, die=s, die gingen ja nach vorwärts, rasch, das war alles kaputt und (-) die haben alle verhaftet und in=in Gefangenschaft genommen, die polnische So-, Militär, aber da kenne ich mich ja auch wenig aus. Aber so war es, ne? INT: O.K., ich glaube, jetzt müssen wir Pause machen. Danke. KAM: Danke. <Tape 1, Ende>
<kein Ton, 34 Sek.> INT: _ von, äh, Gefängnis in Lodz da_, was für Gedanken hatten Sie damals, als Sie dort im Gefängnis (-) war(en)? MC: Ich wollte treu bleiben. Ich hab=äh, was auch über mich kommt, ich hab mich entschieden, diesen Weg zu gehen, weil er der beste Weg, es gibt keinen besseren Weg, nicht?, und wenn ich in der Bibel lese, dass Jesus wurde so verfolgt und es, ich ni=nicht nur allein, viele Zeugen Jehovas
waren damals schon verhaftet und so, es sind paar Menschen, die der_, heut sind es schon Millionen, es geht schon an sechs Millionen, aber damals waren (es) noch nicht viele. Und mir hat der Weg sehr gefallen, ich he=habe eine Ehrfurcht vor Gott gehabt. INT: Und hab(en) die Leute von der Gesta=Gestapo mit Ihnen gesprochen während dieser Zeit? MC: Doch, die haben_, ich war zur Verhörung gewesen, paar mal haben sie mich genommen da, ich musste_, die wohn(t)en ja extra, nicht?, oder die sind zu uns gekommen, ähm, ins Gefängnis und haben da uns, s=da waren wir schon zwölf, zwölf Zeugen Jehovas gewesen. Und die haben sie uns wieder auch so ausgehorcht und die wollten uns brechen, nicht?, und was für Rechte sind und_, aber die Zeugen Jehovas sind standhaft, für Gerechtigkeit sind sie standhaft, da geben sie lieber ihr Leben ab. INT: Und wie war der normal(e) Tagesablauf da im Gefängnis, was es (unverständlich) _? MC: Na, sie haben ge-_, (es) hat gegeben Essen, Rüben,
ähm, so'ne, Bruken <brukiew Polnisch für "Kohlrübe"> heißt (es), polnisch-deutsch, (ich) weiß nicht mehr, so Kohlrabi oder so in Stückchen und da paar Kartoffelchen drin, Pferdefleisch, Pferde sind am, doch gefallen auf'm, an der Front viel, ab und zu war ein Stückchen Pferdefleisch drin, anderes nicht, nur Pferdefleisch. Und=äh Brot gab's, so'n rundes Zweikilobrot, da gab's von [am] Anfang, äh, sechs Stückchen <INT hustet> für vier bis sechs Personen, später war es wieder verkleinert, sieben, aber wenn man keinen Mittag hat gegessen, hat man das Stückchen Brot immer so, da das Brot so rund war, da hat man_, hab ich halt später, haben sie mich zur Arbeit genommen, da in der Küche hab ich auch Kartoffeln helfen schälen und Brot geschnitten für die Häftlinge, aber ich hab immer so ein Stückchen bekommen, das hat man gerne aufgegessen sofort, aber_, ein Stückchen Margarine manchmal, aber (-) Wurst denke ich [Anm. d.T.] gar nicht mehr, ob da mal war, ich weiß es nicht mehr.
INT: Und hatten die Zeugen Jehovas Gelegenheit zu religiöse(n) Aktivitäten da im Gefängnis? MC: In der=in der=äh, mit den=mit den Menschen, in, wo wir gesessen haben, aber auch mit dem, wenn sie uns verhaftet haben, mit der Gestapo haben wir sofort ge=gesprochen, (es) war kein anderes Gespräch (als vorher), weil die wollte(n) uns ja überzeugen: "Ach, Gott kümmert sich doch nicht, das sind doch_". Sie wollten uns durchaus überzeugen, dass es_, wir können, wir sollen fürs Vaterland kämpfen. Aber Gott hat doch die ganze Erde geschaffen, sein ist die Erde. Und das später Grenzen sind geworden und Russland und Deutschland, jeder schlägt sich jetzt um das Stückchen, sagen wir (mal) so, um das Stückchen Erde und zuschlä-, so wie jetzt in Jugoslawien und=und die andere(n) Länder. Ist doch furchtbar. Ne=keine Zeugen Jehovas nicht einer, in kein Land, nicht in Russland, nicht in Amerika, nicht in Deutschland, nicht in Frankreich, nirgends. Wo Zeugen Jehovas sind, da ist Frieden. (-) Wenn alle möchten so sein, möcht
kein Krieg nicht sein. Denn die Erde gibt genug E=Essen, wenn_, und die Arbeit ist genug da, wenn sie möchten nur treu arbeiten, aber was_, Ungerechtigkeit nimmt Überhand. INT: Können Sie auch Literatur lesen während dieser Zeit im Gefängnis, war_? MC: Hm, da war, war (es) schlecht, aber ne Bibel hatten wir aber heimlich da, (die) hatten uns nicht_, die haben ja nicht erlaubt, die wollten uns ja brechen. Aber heimlich haben (wir sie) doch bekommen. INT: Und wie lange waren Sie da im || Gefängnis? MC: Hal- |||, halbes Jahr, sechs Monate, von Mai bis, äh, (-) November. INT: Im Jahr? MC: November (-) sind wir nach Auschwitz. INT: Und das war im Jahr? MC: 21 [1921] <ein Versprecher>, 41 [1941]. INT: Und wie ist es gekommen, dass Sie denn weg von (-) diese(m) erste(n) Gefängnis, äh_ ? MC: Ja, die haben uns aus_, wir wollten ja nicht unterschreiben und dann haben_, war=äh ein Transport vorbereitet, da wussten wir schon, dass ein Transport ist und da, wir kommen
nach_, wir müssen entscheiden, heute ist der letzte Tag, da waren etliche gekommen mit Akten da und haben uns vorgelesen die Rechte, was für Deutsche Rechte sind, wir sollen fürs Vaterland kämpfen und Hitler will Sieger sein und tausendjähriges Reich wird aufgerichtet werden und wenn die Gegner, was, was gegen Hitler sind, müssen, müssen von der Oberfläche weg, von der Erde. Und uns (er)wartet Auschwitz. "Und was in Auschwitz vorgeht, wenn Sie nicht unterschreiben, dann werden Sie sehen, wenn Sie hinkommen." INT: Und hat jemand von dieser Gruppe, äh, unterschreib-, (-) übersch-_? MC: Nein, zwei Schwestern haben da, aber ich, ich weiß da nicht später, zwei=äh, das, die haben da was_, aber ich weiß nicht, ob die_. Die sind eher (irgend)wie rausgekommen. Was da war genau, weiß ich nicht. Es sind manchmal so (Leute gewesen), aber die, ich kannte sie nicht. INT: Und was für ein Transport war das nach Auschwitz? Wie war der? MC: Mit Zu-, mit dem Zug. INT: Äh, wie war das denn im Zug, was für Verhältnisse? MC: Ah, wir haben gesessen, hmhm,
so, ich weiß (nicht) wie viele, fünf, äh, fünf von [auf] einer Sei(te) Häftlinge und dann_. Unterwegs haben sie uns auch ein Stückchen Brot gegeben. (--) INT: Und wie lange hat diese Reise (-) gedauert? MC: Puh, die war_, sind wir abends, das war schon dunkel, sind wir raus, wie spät, kann ich nicht sagen, und dann waren wir nachts schon da. So gegen Morgen waren wir schon da, das war alles wieder grau, wo wir nach Auschwitz seien (sind) reingekommen. INT: Und waren Sie_, mit wem waren Sie zusammen im Zug? MC: Mit die Schwester, mit die Frau Streich und da waren fünf Männer auch, Zeugen Jehovas, und die anderen waren aber nicht alle in einer Abteilung, weil das waren ja mehrere, ne? INT: Und war Herr Streich auch dabei? MC: Ja. Und was hab ich erfahren. Der, der (-) SS-Mann oder da, das waren noch keine SS, das waren andere. Die nannten sich erst SS in Auschwitz und hier, die nannten sie sich nicht so, aber Polizei oder wie ist das_. Die_
INT: Was war die, was für Nationalität hatte die Polizei? MC: Deutsch, na alles || deutsch. // INT: Deutsch, ||| hmhm. /// Ja, Deutsche, natürlich, wenn Deutschland geherrscht hat, waren ja nur Deutsche (da). Und da kam er rein und hat geguckt, weil er brauchte Hilfe. Und da guckt er so, hat er mich genommen. Und ich komm, ich guck, <lächelt> der Streich ist da und die anderen Be=Bekannte(n). Und da war ich ganz ruhig, ich hab mir nichts_ (anmerken lassen), aber das war so ein guter Mensch. Wo das Essen war verteilt, bin, bin ich an ihn ran, sag ich: "Ich hab eine, eine tiefe Bitte an Sie, wenn Sie das möchten erle=erledigen", sag ich, "in meiner (-) Abteilung sitzen zwei Frauen, was ihre Männer da sitzen, Streich und Jabasai, und wenn Sie möchten erlauben, dass wir möchten zu denen rein, ich werde Ihnen so dankbar (sein)" und ich hab von Herzen mit Tränen gebeten und der hat das_, aber so heimlich, ganz ruhig aufgemacht_ INT: Wer hat das gemacht? MC: Der Polizist. Und hat uns da reingelassen.
Und da haben wir noch mit Streich sich gesehen und dann ha-, haben wir uns viel unterhalten, nicht?, und die andere Fr=Ehefrau auch mit ihrem Mann und ich war auch mit drin, in dem, in die Abteilung, wo die Männer haben gesessen, die Zeugen Jehovas. Und dann, wo wir nach Auschwitz an(kamen), haben wir_ INT: Haben Sie vorher was von Auschwitz gehört? MC: Nein. INT: Hatten Sie eine || Vorstellung (davon)? MC: Nur_ ||| Nein, hatte ich keine Vorstellung, aber die haben mir dann gesagt, ne?. Die, die Gestapo, wo wir verhört wurden, wo (sie) die ganzen Akten da gebracht haben, da haben sie uns gesagt, wir werden bedauern, wir wissen nicht_. Dann die Aufseher, die wussten schon, die Aufseher im Gefängnis, die haben auch gesagt, dass, dass es eine Änderung da ist. Da ist mehr, mehr Tote wie Lebende, da gibt's kein Wasser, da gibt's_, ist nicht_, da gibt's oft kein Strom, nicht, und so war es auch. INT: Und wie lange waren Sie im Zug? MC: Im Zug, sag ich, von abends bis morgens. (Es) war noch ganz grau, (da) waren wir schon in Auschwitz. INT: Und was war Ihr erste(r) Eindruck,
als Sie dort angekommen (-) sind? MC: Was hab ich, na_, nachts, kein Licht, fremde Blocks und da mussten wir, da haben sie uns nur manchmal so'n Blitz gemacht, dass wir w(ussten) wo was, alles war dunkel, wenn Alarm ist, Fliegeralarm, durft nirgends kein Licht sein. Ja, da haben wir in, so'ne Dreibetten waren, nicht?, in die Blocks_ // INT: Aber ganz am Anfang, || was haben Sie gesehen? /// Ganz am Anfang. ||| // INT: Sie sind vom Zug runtergekommen_ /// Ja, na da sind wir, da haben sie uns hingeführt zu die Blocks. Da geht einer vorne an und wir hinter nach. INT: Haben Sie so=besondere Kleidung bekommen? MC: Kleidung haben wir noch nicht (bekommen), (da) war ich noch in meinen. Aber in Auschwitz, das geht weiter dann. Dann wo-, sind wir entkleidet (worden) von unser eigene(n) und da haben wir gestreif-, streifige [gestreifte] bekommen, Streifkleider [Sträflingskleider]. INT: Irgendwelche besondere Kennzeichen (-) drauf? MC: Kennzeichen, (-) Haare haben sie (uns) abgeschnitten, aber die Zeugen Jehovas in 42 [1942] früher mal,
vielleicht schon, aber 42 [1942], weil_, die Frauen haben sie die Haare nicht geschnitten, die Zeugen Jehovas, weil die haben sie genommen für ihre Kinder. Die Kinder haben Angst gehabt, so'ne mit die streifige (gestreifte Sträflingskleider), die Sachen mussten sie (ihnen) geben, was wir manchmal <deutet auf etwas im Zimmer> (im Fernsehen) sehen. INT: Aber Sie haben so ein(e) Uniform bekommen? MC: Ich hab auch so'n Uniform und da waren lauter Läuse drine, Nisse, sowas, die, wo Läuse Nisse machen. Ich hab gedacht, verrückt. INT: Und mit wem sind Sie denn zusammen (gewesen), als Sie in'n Block gekommen sind? MC: Da waren Zeugen Jehovas, aber später haben sie uns verteilt, da waren, waren noch die, was wir a=auch in=in, im Zug, was wir noch zusammen waren. Und die Frau S-, aber mit auf einem Bett war ich schon nicht mit Frau Streich. Die war auf einem anderen, aber in demselben Block. INT: Haben Sie gesehen, wo Herr Streich gekommen (-) ist? MC: Ä=na, der war in'n anderes Gefängnis, war (im) Männergefängnis, in Lodz. Und die sind ja, die sind, die haben sie dann
woanders_, weil dann waren wir schon auseinander, da durften wir nicht mehr hin. Die durften uns nicht mehr sehen. Die Männer hat man extra genommen und uns extra. INT: Und war(en) andere Gefangene schon im Block, als Sie angekommen (-) sind? MC: Hm, wie meinen (Sie)? INT: Ich meine, Sie kommen in'n Block, waren andere Menschen schon da? MC: Ja, schon. Schon voll, da war man, sollte man_, jeder hatte ein Bett, also dreistöckige Betten waren (da), und da waren schon zu z-_. Ich hab auch, zu zweit war ich gewesen (auf einem Bett). INT: Was für Menschen waren da in_? MC: Da waren verschiedene. Schon Juden, da waren alles, ooah, Mischmasch, alles zusammen. INT: Und in welchem Zustand waren die anderen? MC: <säufzt> (-) Schwer zu sagen. Furchtbar. Aber das Ver- hat ja erst angefangen. Früh, waren wir zum Appell, hieß es, kann ich das sagen. INT: Hmhm. Ganz am Anfang was, was haben die, ähm, was haben sie gesagt, wie man sich verhalten soll oder was für Regeln da sind, was ist gesagt (worden)?
MC: Oh, das denke [weiß] ich auch nicht mehr, aber immer Schweigen nur und // INT: Wie haben Sie_? /// was für Arbeit werden wir kriegen und das war alles war_, wir werden erst eingestellt werden, w=w=wann wir zu Appell müssen aufstehen und das haben sie alles gesagt, nicht? Und da musste man jeden Tag zu fünft mussten wir stehen, jeder Block oder paar Blöcke waren gruppenweise zusammen zu fünft, einer hinter, einer hinter der andere und (da) kam eine SS-Frau und die hat gezählt die, wie viele, ob nicht_ INT: Und wie, wie viel Menschen waren in diesem Block zusammen? MC: Das weiß ich nicht. // INT: Ungefähr. /// Pff, was=pff, paar, paar Hundert vielleicht, in einem Block, ich, das weiß ich heut nicht. So drei Betten, von beide(n) Seiten, ich weiß (-), so ungefähr, ich, ich weiß es nicht, 200, ich, das kann ich nicht sagen, das waren so_ INT: Und was, was für Aufseherin, -seher waren da? MC: Das waren schon SS, das waren alle schon mit SS verbunden da. Uniform, pff,
Stiefel, SS <onomatopäische Nachahmung des Auftretens der SS-Männer>, so wie man sieht im Fernsehen. || Und_ INT: Und wie ||| viel(e) Zeugen Jehovas waren (-) dabei mit Ihnen (-) dort? MC: Wo wir sind, so hätte ich gar nicht gewußt, aber wo wir sind nach Bergen-Belsen [KZ Bergen-Belsen]_ // INT: Aber, aber in Auschwitz da? /// In Auschwitz. Da hab ich erst erfahren, wo ich nach Bergen-Belsen (kam), das waren 60 Frauen gewesen. // INT: Aber mit Ihnen zusammen im Block? /// In=ä, in dem Block da, eine war ich nur, eine Abt, eine Frau Abt war (da) gewesen und die Streich (--), hm, da war eine Fr-, Jauer, (es) waren mehrere gewesen. Aber ich war da auch nicht lange. Ich war ja zur Arbeit genommen. INT: Aber wie war die normale Tagesablauf, dann im Block? MC: Ja, jetzt, so will ich eben sagen. Früher wurden wir belehrt, das wird Appell sein, müssen wir aufstehen und da musste man gleich raus aus dem Block und (da) hat man draußen gestanden, zu fünft so wie ich sag(te),
da hat man (uns) gezählt, und wo wir gezählt waren, dann haben sie uns schon genommen zu fü-_, da gab's Frühstück, jeder kriegte seine Portion in seinen Block, ne? // INT: Was kriegt man zum Essen? /// Portion Brot, Margarine manchmal, manchmal nur trockenes Brot und da so'n Tee von was ich weiß da. Das hat alles nicht gelangt [gereicht] hin und her, aber's, aber es war da vom [am] Anfang, kann (ich) nicht, nicht sagen. (--) Ich_ INT: Und mit wie viel(en) Leute(n) zusammen mussten Sie schlafen? MC: Zwei auf einem Bett. Von [am] Anfang ein, wo ich verteilt (wurde), wo wir waren, ne?, aber dann später_ <schüttelt mit dem Kopf> INT: Und wie lange (-) waren Sie da in diesem Block am Anfang? MC: (4) <säufzt> Ich bin da zur Arbeit_, (-) vielleicht ein(en) Monat. Warte mal_ INT: Und hatten Sie damals Arbeit jeden Tag? MC: Hab ich, ja, die haben mich sofort genommen zur Arbeit, zu die SS-Frauen. Ich war ja jung gewesen,
u(nd) da kam Kessel, zum Beispiel früh musste ich saubermachen, den SS-Ra-, den (-) Speisesaal, wo sie gegessen haben. Dann musste ich da alles saubermachen, vorbereiten, Frühstück für die SS-Frauen, alles für die SS-Frauen. INT: Was haben die zum Frühstück bekommen? MC: Die haben bekommen jede den Kaffee und jede Brot da und dann später kam Mittag, ne?, und das musste ich dann später alles abwaschen, vorbereiten wieder für Mittag, alles schön sauber, alles muss_, die Teller aufgestellt werden für die SS-Frauen. Da kamen die Kessel, haben die erst, da haben die Häftlinge, Häftlinge in die_, haben aus der Küche gebracht Mittag für die SS-Frauen und das musste ich verteilen und da hab ich sehr schwer gearbeitet und da ist mir so sehr das Fuß geschwollen, da konnte ich nicht mehr laufen, hab ich Fieber bekommen, da haben sie mich
auf fünf Tage in so'n Revier gegeben. Und da hab ich Typhus bekommen. || Und da war Schluß. // INT: Wie war das ||| da im Revier? Wie war da, war=war die_? /// Wo es_, ja da war_, die haben auch ihres Essen, die haben ihre, äh=ihre die dreistöckige (Betten) in dem Revier. Da hat jeden, wenn_, der Schwächere hat unten, die, was noch gesünder waren, haben oben gelegen, es war überall dasgleiche. INT: Was für Pflege haben Sie dort (-) bekommen? MC: Die haben auch da so (was) bekommen, aber das war alles Hungersnot, überall hätten die gegessen, ich weiß nicht was, (es) war alles zu wenig. Dieselbe Portion, da Brukensuppe (Kohlrabisuppe), das, na das war so zum Ausruhen. Und_ // INT: Haben Sie einen Arzt dort || gesehen? /// Gut. ||| Und dann ist ein Arzt gekommen, der sollte mich untersuchen, ob ich schon laufen kann. Und ich konnt überhaupt nicht mehr stehen, ich hatt hohes Fieber, 40, über 40 (Grad), der hat mich untersucht und von da an bin ich nach Birkenau [KZ Auschwitz-Birkenau] gekommen. Da hab ich erst, da ging's erst los. Da war ich dran.
Und da war ich drei Monate krank, schwer krank. Ich war nicht mehr beim Verstand gewesen. Ich hab=war so abgehungert, keine Brust, nichts, ganz so, Haut und Knochen, die Knochen, die Haut hat nur die Knochen gehalten. Ich bin heute auch nicht besser, weil ich hab auch 20 Kilo abgenommen durch die Operation, hier, jetzt hier in Deutschland. Aber damals war (es) furchtbar gewesen. INT: Haben Sie Medikamente bekommen? MC: Da haben sie nur früh nen halben Liter (Wasser?) und dieselbe Portion, hab ich nichts gegessen, wenn die Bruken auf Mittag, das Essen gekommen ist, da hab ich schon gebroch-, hab sehr viel gebrochen. Ich konnte einfach (nicht), der Geruch konnte mein Körper nicht ertragen. Ich hab getrunken, hätte ich literweise (trinken können), aber ich hab nur nen halben Liter bekommen, (es) war so eine Portion, aber ich rechne, das war ein halber Liter gewesen. Und da hab ich so'ne, da hab ich immer so <zeigt, als wenn sie sich die Lippen anfeuchten würde> und Läuse sind auf die Betten hin und her gegangen. Von [am] Anfang wollte ich sie totschlagen <lächelt>, wollt ich, wollte ich mir wehren,
und dann hab ich bestimmt ans Gesicht und hab ich so'ne Nase bekommen_ INT: Können Sie dort mit andere(n) Kranke(n) sprechen o-_? MC: Ja, wenn die nebenan gelegen haben, das schon, ich konnt ja nicht gehen nirgends, ich hab gelegen, da konnt man schon_ INT: Und was, was für andere Menschen waren mit Ihnen da? MC: Ach, Juden, viele Juden und katholischen, von allen Ecken und Seiten, ja, da waren schon, da war schon ein Mischmasch, war nicht nur eine (Gruppe) nur, nicht, ich war ei=alleine aus Zeugen Jehovas da. Und da ist eine gestorben, (-) mit der ich gelegen hab, es ging alles von ihr und in die Scheiße hab ich gelegen die ganze Nacht. Pff=waren sie, abends haben sie die Tote nicht weggenommen, erst früh. Und dann hab ich gelegen in die Scheiße. So mager wie ich war. Und da hab ich_, (da) war ein polnischer Arzt aus Polen und der hat mir mal gelassen vielleicht von sich selbst, äh, so'ne Pi-, Pas-, Pillen, oder wie sagt man denn,
Tabletten. Tabletten. Aber ich konnt' sie ja nicht schlucken, weil ich ja, es war all-, die Zunge war ganz steif gewesen, ich hatte ja kein Wasser und_. Ja, hab ich das al(so), so hab keine Arznei nicht bekommen. Nur einmal, haben sie mit einmal gerufen meinen Namen und ich hab mich nicht, schon nicht mehr gemeldet und da haben sie gerufen: "Wo ist die Kleine, wo ist denn die kleine Bibelforscherin?", weil ich war die jüngste zwischen den anderen, da haben sie immer gesagt: die Kleine. INT: Wie alt waren Sie damals? MC: Da war ich 21. Und da ha-, da haben sie gesagt, dass die haben von mir genommen_, die haben mir eine Spritze gegeben, Probespritze [medizinische Versuche], aber ich weiß nichts mehr. Eine Spro-, Probespritze, weil die hatten ja Angst um ihre Kinder und haben sie auf die Häftlinge die Arznei erst ausprobiert [medizinische Versuche]. Und da ist von Berlin gekommen und die haben geschrien, haben mich gesucht und: "die lebt noch, die lebt noch" und haben sie wieder ange=angerufen nach Berlin zurück, also sie=die ist noch am Leben. So viel weiß ich,
aber, ob ich (etwas) bekommen (habe), ich war nicht mehr_. Und wissen Sie was, damals, ich war vorbereitet, weil die haben ja viel(en) Zeugen Jehovas (das) Leben genommen, ich hab einen, so'nen schicken Mann gekannt, kurz, einmal hab ich ihn gesehen, so wie der_, ich hab nur viel von ihm gehört, so wie ist, <zeigt auf den KAM> dieser Herr ist, aber noch bisschen höher, und der, der wurde enthauptet. Man durfte keinen Brief nicht schreiben nach Hause, man durfte nichts schreiben. Aber vor's, kurz vor seinem Tod durfte er schreiben. Und der hat geschrieben: "Meine liebe Eltern", er war noch ledig, "wenn dieser Brief nach Hause kommt, bin ich nicht mehr am Leben. Ich bin enthauptet." Und (so) war ich auch vorbereitet, ich wollte treu sein für Gott bis in den Tod. Das war mein Wunsch gewesen. Und jetzt (-) in Auschwitz, jetzt hat es so ausgesehen, ich sterbe, ich, ich konnt nicht mehr und hab, damals hab ich aber fangen an [angefangen] zu beten,
ich, ich wollt doch in keinen natürlichen ste-, Tod nicht sterben. Ich war vorbereitet, wenn sie mich möchten erschießen, da könnt ich viel erzählen wieder, wie viel(e) Zeugen Jehovas wurden erschossen, und so, aber (sie) sind treu geblieben, und den Weg wollte ich gehen, aber nicht in, in ein_, da hab ich so gedacht, weil Gott hat den Namen Jehova, so schreibt [steht es] in der Bibel, er hat sich den Namen gegeben. Da hab ich gesagt: <gerührt> "Jehova, himmlicher Vater, du bist doch ein Gott aller Schöpfung und ich soll mein Leben beenden, meine Eltern wissen nicht, meine Brüder in Auschwitz wissen nicht", ich durfte nicht mehr melden, ob ich lebe oder nicht, das war ja nicht erlaubt, "und die werden nicht wissen, wo ich geblieben bin. Wenn es dein Wille ist, ich möchte als Zeuge noch am Leben bleiben. Und mö(gest du) vielleicht irgendwie ein Zeichen geben nach Hause, dass ich am Leben bin." Und dann mit sachten, sachten_ hat die, äh, Te(mperatur), also, Fieber hat nachgelassen und ich bin zurück am Leben.
Ich vergesse Ihren Namen, aber Frau, ich sag Ihnen, ich hab so tief gebeten, wie noch nie im Leben, dass ich soll in so ein nor- <viele Laute aneinandergereiht, entsetzt> Mist, wo ich, da Läuse gelegen haben, ich soll hier das Leben beenden und ich kann nichts erzählen, ich kann kein Zeichen nach Hause geben. Da hab ich, hab ich tief und von Herzen zu Gott geschrien. So viel wie ich noch hab, ich hab geweint und, und hab gebeten. Und das kam langsam, langsam. Und ich sitz heute noch hier. (-) Das ist ein Wunder. Das ist=war ein großes Wunder für mich, dass ich am Leben bin geblieben. INT: Wie lange waren Sie in diesem Revier? MC: Da war ich drei in dem=äh, das war ein 18. Block, in Birkenau [Auschwitz-Birkenau], da war ich drei Monate, schwer krank. Und aber ab_ INT: Und nach drei Monate(n), was ist dann_? MC: Aber dann, ich bin langsam, ich hab da auch schon_, ich bin da langsam schon aufgestanden, ist mir schlecht geworden, haben sie mich wieder reingeschleppt, aber ich, langsam, langsam kam ich schon zu mir, aber nicht, dass
ich die dreiß-, die drei Monate in vollem Fieber, da=das geht nicht, am nächsten Tag konnt ich auch nicht gleich, wenn ich hätte kein Fieber, (ich) konnt ja überhaupt nicht laufen. Ich konnt überhaupt nicht laufen. Ich hab angefangen an die, an die Betten meha=gehalten mir und so Schr-, Schrittchen Schrittchen, so wie n kleines Baby, wupps, hab ich gelegen, wieder auf, weil das war in mir: Ich will doch leben, ich hab doch gebeten, Jehova, <lächelt> und jetzt musst du ran, musst selbst was tun. Und ich, (wo es) mir schlecht geworden ist, in Appell draußen, da war wieder so'ne gute Aufseher(in), da haben sie mich die Häftlinge reingezerrt in den Block, wo ich, den 18. Block da und die kommt und ich lieg da. Und die war gut für die Zeugen Jehovas, die SS-Frau. <flüstert> (Da) sagt sie: "Geh nicht mehr rein, raff dich auf", die hat mir geholfen, "Aufstehen!, geh auf dein Bett, geh nicht mehr raus", hat sie gesagt. "Ja=äh, die Hasse kommt und die schlagen mich hier noch tot, wenn die=die_", sag ich, "nein, ich muss noch raus, ich muss, weil die
hatt(en) gesagt: 'wenn es dir besser ist'", ne?, die Häftlinge haben geschimpft, wo=w <viele Laute, nicht transkribiert> da musst du raus, nicht? Die Häftlinge waren genauso. Wissen Sie, was die Juden gemacht haben mit ihren Juden? <sichtbar betroffen, fasst sich an der Brille> (-) Sie haben so'ne Angst gehabt, was die SS-Männer haben gesagt, das haben sie gemacht. Die Menschen haben Ehrf-, die haben eine Angst vor, um ihr eigenes Leben, die gucken nicht, wie es den anderen wird gehen, aber bei den Zeugen Jehovas ist nicht so. Wenn ich Ihnen kurz noch könnte erzählen. Die Zeugen Johovas sollten sich (ein) Grab graben, die sollten erschossen werden [Massenerschießungen von Zeugen Jehovas]. Da mussten sie ihres eigene Grab graben. Da haben sie: <lacht> "Nein, wir werden noch zu Grab (unverständlich)", hab=haben sie gesagt zum SS-Mann: "Haben Sie schon mal gesehen, dass ein Lebender hat für sich ein Grab gegraben? Das müssen die Lebende(n) machen, aber nicht die Toten." INT: Wo haben Sie von das gehört? MC: Das hab ich gehört // INT: Von wem? /// von, von Erzälung, später war es beschrieben, in, in einer Zeitschrift von uns. Wie viel(e) da waren und wie das alles ist, das kann man nicht alles erzählen.
INT: Aber nach, (-) nach dieser Krankheit, sind Sie dann zurück in gleichen Block wie früher gekommen? MC: Nach, nach dieser Krankheit bin ich zurück nach Auschwitz, nicht in den Block, da geblieben. Da bin ich nach Auschwitz und von da ha=haben sie mich zu einem SS-Mann wieder genommen, seine, er hat geheiratet, hat so'ne junge Frau sich genommen, die war schwanger, die konnt nicht kochen und die haben mich ausgefragt, ob ich kochen kann. Ich wußt ja nicht, warum die mich fragen. INT: Können Sie (sich) erinnern, wie er heißt, dieser (-) SS-Mann? MC: Hoffmann [SS-Personal] hat er geheißen. Hoffmann. INT: Mit Vorname(n), wissen Sie (es)? MC: Das weiß ich nicht. INT: Und Sie sind zu ihm gekommen? MC: Ja und da haben die SS, der Engelbrecht [SS-Personal] oder die Aufseher(in), hab ich auch schon vergessen, wie die hat geheißen, die haben mich dahin (gebracht), dass ich_, die haben mich dahin transportiert, wie oder was, das weiß ich heut gar nicht mehr, aber es war nicht weit von, äh, von dem Haus 7, was, was die deutsche(n) Familien sich a-_, es war ein Geschäft.
Ein Geschäftsladen, (-) Lebensmittelgeschäft, so. Und von de-, da bei dem SS-Mann, wo ich war, da war richtig mit Hund bei den Häftlingen hat er gearbeitet. Und er hat ein Kind gehabt von der erste(n) Frau und die zwei-, von der zweiten, die war gestorben, hat er bei zweiter Frau, die war wieder schwanger, die konnt_, das war so'n Mädchen da, und hab ich da viel gekocht, Hefeklöße und verschiedene_ INT: Wo haben Sie gewohnt damals? MC: Damals im Lager, weil da mu=konnt_, und dann was. Da hab ich bekommen so'n kleinen Ausweis zum Vertrauen, dass die Zeugen Jehovas, die laufen nicht weg. Da durft ich durch das Lager durch, (es) war so mit Draht, nicht, verzäunt und dann durfte ich durch das Tor durch, hab ich nur gezeigt. Die waren belehrt, die SS-Männer, was da Wache hatten gehalten, a-, Post, auf der Post, wie man da sagt, auf dem Posten, wo sie waren. Da hab ich es nur gezeigt, das, den kleinen Ausweis und da durfte ich reingehen.
Nun von_, und da bin ich einkaufen gegangen, von dem SS-Mann, von dem Hoffmann. Und im Lebensmittel(laden) war ein Engelbrecht, der war der ganze Chef in dem Lebensmittel(laden), er hat nicht verkauft, nur überall war er mit, mit seiner Stiefel und ich kam einkaufen. Und er kam einmal ran und sagte so: "Ja, wo arbeitest du?", wo naja, so_, "und was hast du für Schule?" und=äh es ging (darum), ob ich rechnen kann. "Ooah", sag ich, "rechnen, ich habe nur ne Eins gehabt von, von Rechnung (im Rechnen)", da war, sag ich Rechnung_. Siehe dann, kommt das nächste Mal, (da) sagt er: "Du kommst=äh Montag kommst Du schon hier arbeiten von denen hier weg, kommst hier arbeiten, in Au-, in=ins_. Da bin ich=kam ich ins Geschäft zur Arbeit. Und da hab ich gearbeitet. INT: Und haben Sie weiter bei Familie Hoffmann auch || gearbeitet? MC: Nein, ||| dadurch nein, das war schon aus, ja. INT: Und wie lange waren Sie bei der || Familie? MC: Die, die sollte ||| das Baby schon bekommen,
da war ich zu jung, da wollten sie sich wieder ne andere SS-Frau nehmen, da weiß ich gar nichts. Da war ich paar Wochen nur, da hab ich mich (ein) bisschen erholt, aber Essen hab ich aus dem Lager bekommen, da, von da hab ich kein Essen (bekommen). Ich hab gekocht für den, hm, einmal hat sie mir nur gegeben, die, seine Frau, aber_, und er hat mal gefragt: "Hast du die Martha schon (was zum Essen) gegeben?". Ich hab gekocht so Hefeklöße, ich weiß nicht, ob Sie das kennen, auf Hefe, so'ne, von Weizenmehl. Und der: "Ah, ich hab doch sowas noch nicht gegeben, gegessen", sagt ihr Mann, wo_, er muss_, kam mit dem Hund, nicht?, von_, haben sie ne Stunde oder wie da frei gehabt und er hat sich so gefreut und sie sagt: "Ja, die hat schon gegessen." (-) INT: Haben Sie auch was zum Essen bekommen bei dem, oder nicht? MC: Ja, ich sag, na ich hab eben gesagt, ich hab nicht(s) bekommen zum Essen. INT: Und wie haben Sie sich, äh, gehändelt (versorgt, durchgeschlagen?)? MC: Ich hab in, aus dem Lager musste ich=ich, aus dem La-, ich musste ins Lager gehen essen, von da. Wo die Häftlinge haben gegessen.
Aber wo ich nach Auschwitz (kam), dann, wo ich dann ins Geschäft kam, da haben wir uns selbst gekocht, manchmal haben sie uns (etwas) gebracht. INT: Wissen Sie was für ein(e) Tätigkeit dieser SS-Mann Hoffmann hätte [hatte] im Lager? MC: Ich sag ja, über die Häftlinge (wachen), er hat einen Hund gehabt und hat auf die Häftlinge aufgepasst, wo die da gearbeitet oder Fabrik, in Munitionsfabrik, oder, äh, ich weiß ja nicht, oder auf'm Land wo (-) waren, es musste alles gemacht werden. Der hat paar Häftlinge gehabt und da sich hat um die_, dass sie nicht weglaufen und_, es waren ja viele, poah, wie viele SS-Männer_ INT: Und die Frau Hoffmann, hat sie, wie hat sie sich gehändelt (verhalten?)? MC: Die war zu Haus, die war ja schwanger, hochschwanger <flüstert> wo ich da war. Ich war da wohl ein Monat, ich weiß es nicht, ein Monat vielleicht. War nich=nicht so lange. INT: O.K., müssen wir jetzt (-) Pause wieder machen, danke. <Tape 2, Ende>
 
KAM: Und läuft. INT: Interview mit Frau Martha Ciecierski, Band 3. So, Sie haben gesagt, Sie waren in Arbeit bei dieser SS-Familie Hoffmann. // MC: Hmhm. /// Können Sie ein bisschen mehr erzählen, wie das war? MC: Ja, so, (da) hab ich auch saubergemacht, aber das kann man nicht_, und er ist früh weg, ich hab ja mit dem nicht(s) zu (tun gehabt), die haben mir da kein, nich=nichts getan alle, dass ich_, die wussten ja mich (zu schätzen), äh, (haben) geschätzt, dass ich Zeugin Jehovas bin, die haben das volle Vertrauen, ich war, in alle Zimmer konnt ich raus und rein, die haben das volle Vertrauen gehabt, dass da, dass ich da nichts kaputt mache <lächelt> oder da_ INT: Was haben Sie gesehen von die Familie(n)leben dieser Familie Hoffmann? MC: Hm, die haben normal gelebt, wie alle andere(n). Die haben gegessen,
sie war ja schwanger, konnt ja nirgendswo(hin), ist nicht, weil sie war schon hoch schwanger gewesen. Und er war von früh morgens weg, da war er, wir haben, hat denn_. INT: Und wie viel(e) Stunden am Tag waren Sie bei ihm? MC: Oh, das denke [weiß] ich nicht mehr. Vielleicht 4 Stunden, vielleicht 5 Stunden Vormittag und Nachmittag. Das war, da war ich ja zehn Stunden auch, da das ging nicht, dass ich_ INT: Mussten Sie auch auf das Kind aufpassen? MC: Ja, auf das Kind (auch). Das Kind war (in) mein(er Obhut), das, mit dem Kind musste ich rausgehen und_ INT: Wie alt war dieses Kind? MC: Zwei Jahre. Das hat sich so gewöhnt an mir, das (Kind), ich_, oh, das hat so geweint, wenn ich da (irgend)wo weg war, das hat so gehangen an mir, weil ich war lieb zu ihm und dann die Kinder fühlen das. Und die Mutter war hochschwanger und das war ja nicht die (Mutter), das war ja die Stiefmutter. Und die hat da, die war nicht so verbunden mit dem, mit dem Kind, überhaupt noch nicht, weil die haben sich frisch verheiratet, die_, ob die verheiratet waren, das weiß ich auch nicht, <lacht> ich nehme (es) an, aber genau weiß ich (es) auch nicht. (---)
(-) INT: Und Sie waren wie lange bei die Familie? MC: Vielleicht ein(en) Monat. Vielleicht ein(en) Monat, ich weiß es nicht mehr. INT: War(en) auch andere Häftlinge im Haushalt? MC: <schwach> Nein, (--) nein, da waren keine Häftlinge. INT: Und dann sind Sie zu diesem Geschäft || gekommen? // MC: Zu dem Geschäft. ||| /// Und (-) wissen Sie welcher Monat das war dann? MC: <säufzt, überlegt> (6) Ich bin hier von, in März bin ich von da zurück nach Auschwitz und dann hab ich, puh, es war vielleicht im Sommer, wo_, ich weiß, vielle- || vielleicht_ // INT: Ja, in welchem ||| Jahr? /// Eine, das war schon jetzt <lächelt> 42 [1942], das war schon 42 [1942]. INT: O.K., Sie sind zu diesem Geschäft gekommen und was || für Tätigkeiten // MC: Das war 42 [1942]. ||| /// mussten Sie dort_? MC: Da musste ich früh erstmal die Büros putzen, da war_, um fünf musste ich schon aufstehen, musst ich, da war nur ein Stückchen z-, wo wir da genächtigt haben, da war nur ein Stückchen zu Fuß zu gehen.
Und da hab ich, äh, dann musste ich die Büros putzen erstmal, äh=äh, da waren zwei Ofen, da waren damals noch kein Strom, so wie jetzt da, waren da zwei Ofen, da musst man Kohle (holen) und alles, den Ofen heizen, äh, das Geschäft saubermachen alles und die ganze Ware, was kam, die muss=musst ich schleppen, nicht, was=äh, Reis, Zucker, was da war, Mehl, w=w, das musst ich alles ins Geschäft helfen rein(zu)schleppen. Und dann war's, ähm, es ist mal was passiert, ich bin denn, nicht gleich, denselben Tag nicht, eine lange Zeit hab ich (da) gearbeitet. (Es) ist mir, im Rücken ist eine Wirbel raus und da hab ich Fieber bekommen und was, oh, da bin ich so viel_, aber so hab ich als Verkäuferin (gearbeitet), nicht, bei der Kasse sofort. Gucken Sie, ich hab bei der Kasse nie gearbeitet vordem. Und die haben mir nur gezeigt, wie es läuft, ich hab sofort_, da waren fünf Kassen, wo sie mich hingestellt haben.
Und der Chef hat immer geguckt, die Martha ist hier, die Martha ist da, die macht das. INT: Wer war dieser Chef da? MC: Engel-, Engelbrecht [Engelbrecht, SS-Personal] hieß er, der, es war ein SS-Mann, der war über mehrere, da, aber wo_, er war übers Geschäft war er, dann war, (--) hm, ich hab vergessen, wie die heißt, wie die Chefin, wo wir verk-, als Verkäuferin_, aber es war nicht ihr Mann, das war (s)ein extra (Job), war's da, über den_, hier war er Chef und da war er Chef und, nicht auf einer Stelle nur. INT: Und wer=äh sonst hat in diesem Geschäft gearbeitet? MC: Da waren noch=äh zwei Zivilmädchen und die Chefin und ich. INT: Und was für Häftlinge waren, waren die andere Häftlinge auch die Mädchen? MC: Nein, das waren Zivilmädchen. Da war ich nur, als Zeugin Jehovas war (nur) ich (da). INT: Aus welcher Nationalitäten hatten die Mädchen? MC: Ja, das weiß ich=bestimmt Deutsch. Ich war das, bestimmt waren das Deutsche, das weiß ich nicht, wissen Sie, das kann ich nicht sagen. (Sie) waren nicht au=vom Lager,
wo_, das waren Zivilleute, oh, Zivilleute. INT: Wie weit war dieses Geschäft vom Lager selbst (entfernt)? MC: <leise> Das kann ich auch nicht mal sagen. Vielleicht drei, ich, das kann ich nicht sagen, was kann ich heut_ INT: Aber Sie sind jeden Abend zurück ins Lager gekommen? // MC: Ja. /// Und wie lange dauert es, vom Lager, äh, wieder im_? MC: Na, da war, das waren nur paar Minuten gewesen, wo ich, wo ich gearbeitet hab und da zum_, na weil das war ein Haus angenommen für die Arbeiter, nicht nur für die, äh, Zeugen Jehovas, aber auch andere Frauen waren, wo andere auch gearbeitet haben. (Es) war ein Zivilhaus und da sind wir, waren wir nicht im Block, nur wir waren in ein'm Zivilhaus. Da waren auch so Betten aufgebaut, aber in ein'm Privathaus haben wir geschlafen. INT: Dann sind Sie vom Lager in diesem Haus gezogen? MC: Dann, dann sind wir_, von Hoffmann bin ich in dem Haus, hab ich da geschlafen und da war eine, hm, SS-Frau über uns
auch gewesen, die hieß Zimmer [Zimmer, SS-Personal], das denke [weiß] (ich), das kommt mal jetzt ein, und=äh da haben wir da geschlafen und hier kamen wir zu Arbeit. Ich. Und noch au-, war noch eine Zeugin Jehovas, die hat auch gearbeitet, aber wieder auf der anderen Seite, weil das war ein Geschäft von beiden Seiten. Eine hat da gearbeitet, eine hier. Da waren wir fünf, drei Frauen, Zeugen Jehovas, die eine hat=w=w, ich weiß nicht, was die da gemacht hat, die_ INT: Und so nach die Zeit in Revier sind Sie denn in diese Privathaus gewo-, äh, haben Sie gewohnt? MC: Nach, dann sind wir na-_, ja, da_. Und dann haben wir die ganze_, es war alles auf Karten, das ganze Essen, für drei, ja, für sechs, für achtzehn oder zwölf, das musst(e) alles extra geklebt werden. Und da haben wir abends gesessen und das geklebt, auf die ga-, (es) waren ganze Bogen, das mussten wir machen. Die andere, was Verk(äuferin) noch war gewesen und noch eine Martha Trinks [Martha Trinks], die hat auch gearbeitet,
da in dem Haus 7, aber von der anderen Seite, ne? Und wir haben alle, das musst(en wir) kleben, da war's, ich hab manchmal, so sind <zeigt auf die zitternden Füsse> die Füsse vor Müdig(keit), n ganzen Tag auf die Füsse. Und ich hab geschuftet, mich hat man da nicht hingestellt, die andere(n) sind gegangen und haben gegessen und ich bin so hungrig bis ich wieder das Häftlingslageressen hab bekommen und da_ INT: Und waren Sie zusammen mit andere(n) Zeugen Jehovas zu der Z(eit)? MC: Das waren eben=äh, wir dreie haben da gearbeitet. Eine || Frau Trinks_ // INT: Alle im Geschäft? ||| /// Ja, aber die eine war von anderer Seite und hier, wir waren bei einer. Die Martha Trinks war mit mir im (Geschäft), als Verkäuferin und die andere war von der anderen Seite. INT: Und wer waren die Kundinnen diese(s) Geschäft(s)? MC: Alles deutsche Familien. Und von der anderen Seite war es, die Polen haben da gearbeitet, also Zwangsarbeit (geleistet). Da waren die, für die Polen, die haben da vielleicht nicht, die waren nicht so viel Karten, auf die Karten bekommen, die Deutsche(n) haben ja etwas
mehr bekommen und deswegen musst das, musst das extra (geführt werden), äh, von anderer Seite war (der Eingang) für die Polen, für die Ausländer, aber die wa-, aber die Polen sind da gekommen, das waren keine Häftlinge, zum Einkaufen. (--) Aber die haben bestimmt weniger Essen bekommen, weniger Brot auf Karten, vielleicht weniger Butter oder=o, oder nur Margarine, das weiß ich, ich weiß es heut nicht mehr. Aber die Deutsche(n) haben schon bekommen, Margarine paar Gramm, ich (-) <leiser> weiß heute auch nicht. INT: Und die Deutschen, die (dahin) kommen, sie haben alle Tätigkeiten in die Lager (gehabt), oder was, was für Deutsche (waren das)? MC: Na, das hab ich eben da, im Lager hab ich das gemacht, na, die Tätigkeit war da. Butter verschneiden, so und so viel Gramm, musst so so und so viel_, und so viel so viel Reis und so viel Deka(gramm) Kakao für das Kind und das, das musst alles, Marke abgeschnitten und so viel gewogen werden. Und wissen Sie, ich guck, der Chef kommt und die ganze(n) SS-Frauen, die=m, die Frauen von die=ä, von den SS-Männer(n), die stehen in die Reihe hinter mir,
und der sagt: "Was ist hier los, warum_?" <flüstert> und ich sag: "ei-_", und die andere: <wieder lauter> "Hier kriegen wir genau gewogen." (-) Fertig. (--) "Hier kriegen wir unsere richtige Waage", wenn sie bei mir gestanden haben. (-) INT: Und die waren Frauen von SS-Männer(n) und was_? MC: Na, die sind gekommen einkaufen für ihre Familie, da haben ja viele SS-Leute gewohnt, in Auschwitz. Viel(e). INT: Haben Sie ein, eine Ahnung, wie viel insgesamt? MC: Oh nein, oh nein, wo, ich, da könnt, wir hatten ja, wir waren nur von Lager, pff, da_, wir durften nich(t)_. Wissen Sie was, wenn einer möcht sagen: "Hast du gesehen, dass sie Juden vergast haben?", kann ich sagen, dass nein, weil ich hab (es) nicht gesehen, aber ich hab mit solchen gesprochen. Und ich hab gehört, was da vorgegangen ist. INT: Mit wem haben Sie gesprochen? MC: Mit die Häftlinge, mit die SS-, die SS-Männer(n), die, die SS-Frau, was die Chefin war.
(Es) war da der Gestank, da ist kaum_, weil die Knochen gebrannt haben, verbrannt (wurden), das musst ja alles weggesch-, wegge-_, das waren ja tausende Menschen, was sie da umgebracht haben. Erst vergast und dann mussten die ja, das, das musst ja verbrannt werden, die könnt da, die haben das nicht vergraben, bloß verbrannt. INT: Wie haben sie zuerst || davon Kennt- (nis genommen), // MC: Und da sagt_ ||| /// davon was gewusst? MC: Da sag=sagt die SS-Frau, die, was im Geschäft hat gea(rbeitet): "Mein Gott soll i-, wie lange wird das noch dauern? Wird hier Gott keine Strafe_, das sind doch auch Menschen." Die hat so'ne Wut gehabt auf, auf das Vergasen: "Da stinkt'(s) heut, man kann (es) nicht aushalten". (-) Aber, was konnt man (machen). Alle so <führt die Hand zum Mund als Zeichen für das Schweigen>, durfte ja niemand was sagen. Das w=ach, das war so ein, s=so ein Geheimnis soll das bleiben und das kam dann (-) <hebt die Hände in die Höhe> plötzlich_. INT: Aber wie, wie haben, wann, wann haben Sie zum ersten Mal davon gehört? MC: Na, man hört doch, die sind gekommen, wo wir da haben geschlafen, früher noch in den Blocks,
wo ich noch geschlafen hab. Man hört doch, (es) sind gekommen Wagen, so Lastwagen, hohe La-_, die haben, äh, <gestikuliert viel, steht auf> SS-Mann schön mit seinem Gewehr, alles und da ist, die, die Jüdin musst denn die Juden suchen, auszus-_, zum Baden hieß es. Die wußten schon alle_. Da sagt einer, das kommt raus, ich hab auch gesagt, die Deutsche(n) haben das auch gesagt, das war_, einer, nur einer zum anderen haben_, das durfte_, das hieß so, es ist ein Geheimnis, aber die haben das auch erzählt. INT: Was haben Sie selber gesehen von dieser Sachen? MC: Gesehen hab ich nichts. Ich hab nur gesehen, werd ich Ihnen was sagen. Wo ich, äh, schon nach Auschwitz aus Birkenau (kam), da wollt ich, konnt ich schon fast nach Hause, aber ich musste noch paar Tage bleiben, weil ich konnt nicht laufen. Und da kam eine SS-Frau und die hat sich fünf Frauen ausgesucht, die sollten da Wiener Bücher (?) von Auschwitz holen, da wo ich vordem (war), wo ich bin eingeliefert worden.
Und da wußte ich, dass da sind alle meine Schwestern (die Zeuginnen Jehovas). Und abends kommen die, da werde ich sagen, ich bin am Leben. Und (da) hab ich die SS-Frau sehr gebeten mit Weinen, Tränen, ob sie mich nicht möcht mitnehmen, ich möcht auch mitgehen, aber ich hab gesagt, ich kann nichts tragen, ich bin nach'm Typhus, ich bin am Leben geblieben, aber ich bin noch_, ich hab keine Kraft. Und wissen Sie, ich, ich, unterwegs die Füße sind steif geworden, sie war mit'm Fahrrad, die SS-Frau, und die hat fünf Häftlingsfrauen ge-, mitgenommen, da war ich mit bei. Und da hat sie mir erlaubt, dass ich an ihres Fahrrad mich habe angefasst und sie hat geführt. Das war so_, es waren liebe Menschen auch, und überhaupt für Zeugen Jehovas. Manche waren sehr (-) gehässig, was Hitler eingestachelt hat, die ganze, die ganze=äh Generation, was, was von denen wir eigentlich_, dass die müssen vernichtet (werden), die Brut muss weg, die_, wir können, wir werden nicht Sieger sein, weil die w=w-, die wollen nicht kämpfen
und dies und jenes. Und das hat man_, aber die, die war sehr lieb und ich bin ebend mit. Und da hab ich ebend (was) gesehen abends. Und (da war) was unterwegs, das wollte ich sagen. Un(d) wo wir zu Fuß gehen, das Auge ist doch schnell, ich sehe vom weiten da stehen so'ne großen Wagen und so viele SS-Männer loufen=laufen da rum und_. Und mit einmal kamen wir näher und da schreit (ein) SS-(Mann): "Links gucken", weil das war von der rechten Seite, "Links gucken". Aber das Auge ist schnell. Und da hab ich ganze Haufen wie so'n kleines Gebäude wie, so wie n Haus, wenn ich hier s(ehe), also ganz'n Haufen Tote. Und=ä, in der_, und, wo die an die Luft voll gekommen sind, dann hat einer, <zieht die Luft ein> hat ge(atmet), (da) hab ich gesehen, der atmet noch, dies haben bestimmt_, wo er Luft bekommen hat oder waren die schon vergast und er ist noch am Leben (gewesen), ich weiß es nicht. Aber da soll sein
die Gaskammer gewesen, so viel hab ich gesehen. Aber genau weiß ich auch nicht, ob es die Gaskammer war, ob die, von wo sie gebracht haben die viele(n) Lastwagen oder sollten die sie jetzt wegnehmen oder haben sie sie runtergeschmissen von die Lastwagen, die ganzen Toten, ich weiß es nicht. INT: Haben Sie mit andere(n) darüber gesprochen? MC: Nein, nein, da hab ich Angst gehabt. (-) Nein, na die, die Frauen haben die eine die andere nur angeguckt und waren [haben] nicht gesprochen, auch die SS-Frau nicht. Gar=als wenn nichts wär'. (Da) hat man Angst gehabt. INT: Und während dieser Zeit Sie arbeiten im Geschäft? // MC: Ja. /// Und was für'n Eindruck hat(ten) die SS-Frauen auf Ihnen gemacht? MC: Die war sehr lieb gewesen (-) zu mir. // INT: Alle? /// Die war sehr lieb und der Chef, der Chef, der wollte, der wollte manchmal noch mehr von uns, Mangeln oder_, wollte manchmal noch mehr, aber mal hab ich mich gewagt, ich sagt, (es ist) egal, ich sitz (ehe) schon, ich sag: "Ja, Herr Engelbrecht,
Sie verlangen immer_", da war ein Brot verschimmelt, "sind nicht andere(n) auch da, die sollen nachgucken, ich soll überall_, Sie sehen, ich arbeit bis hoch Mittag, steh ich vorn und ich hab immer wieder Menschen, die zu mir kommen und ich muss_", und da, ich hab so geweint, hab so geschimpft, sag ich: "Für uns ist kein Brot nicht da, für uns ist nichts zu essen, das sind die Häftlinge, die brauchen ja nicht essen, die brauchen nicht trinken". Wir haben (schon etwas) bekommen, aber nicht das was die_, wenn man jeden Tag ist magerer geworden und (da) sag ich: "Aber zu die Arbeit, da sind wir da". Und da hab ich, dacht (ich), (es) soll werden, was will, ich hab so geweint, sag ich: "Ich arbeit so treu" und da hat er gesagt: <flüstert> "Martha, sei ruhig, sei ruh(ig)", war's ihm leid gewesen, hat ihn doch_, hab ich (ihn) ins Herz berührt. INT: W=was könnte man in diesem Geschäft kaufen, was war da zu kaufen? MC: Na, Brot und Mehl und Zucker und Kakao und was_, Kraut und was alles_. Es war (ein) Lebensmittelgeschäft, es (war) normal, keine (andere) Ware, keine, keine=äh Anzüge oder Stoff oder sowas, aber Lebensmittel.
INT: Und kann man kaufen so viel man will, oder wie war_? MC: (Ich) sag (ja), hab ich doch gesagt, alles auf Karten. (-) Zu Hitlerzeit war alles auf Karten. (---) Nicht so viel, wie man will. Die haben auch nicht bekommen so viel. (Es) war, war schon in Polen, wo wir frei waren, war alles schon auf Karten. INT: <hustet> Und wie viel(e) Stunden am Tag mussten Sie im_? MC: Na, von acht bis zwölf und dann wieder Nachmittag, (ich) weiß nicht, von zwei oder, das weiß ich heut nicht mehr, bis abends um, vielleicht bis sechs war das Geschäft offen. INT: <hustet> Und danach? MC: Und danach, da haben wir wieder die (Karten) bekommen zum Kleben, (-) zu Hause. Musst man_. INT: Und wie lange müssen Sie dann zu Hause arbei(ten)? MC: Hm, bis zehn Uhr. Und dann mussten wir ins Lager rein, da mussten wir schon (zurück). Das war bis zehn Uhr, da war es für uns offen, weil die wussten, hier kommen paar Häftlinge, viel=vielleicht von ande=andere auch noch, vielleicht haben die auch Hochvertrauungsarbeit gehabt oder Häft- oder die SS-Männer
haben gebracht, ähm_. Aber wir, <INT hustet> wir drei Frauen, wir sind da_. INT: Und dann sind Sie zurück im, ins Lager || gekommen? MC: Ja, ins Lager ||| und dann sind wir schlafen (gegangen). Und || dann nachts_ INT: In diesem Haus, ||| Sie, Sie waren no=noch in diesem Privathaus? // MC: Ja, da haben wir geschlafen. /// Wie viel(e) Frauen waren in diesem Haus? MC: Oh, da(s) weiß ich auch (nicht), paar Betten, da (waren) nicht so viel, ich weiß (nicht), 20 vielleicht, ich weiß nicht. INT: Und wie viel(e) waren, ähm, Bibelforscher oder Zeugen Jehovas? MC: Na, (da) waren wir nur, wir, wir zwei oder, da war noch eine gewesen, || drei wa-_ INT: Und die andere(n)? ||| // MC: Bitte? /// Die andere(n) waren was für_? MC: Das and- waren, andere waren=andere, viel(e) Juden und verschiedene waren da. INT: Aller Art von (-), von_? MC: Aller Art. Wo wer gearbeitet hat und es war vielleicht näher da oder, oder haben die privat (irgend)wo gearbeitet, (so) dass die da konnten näher kommen, das weiß ich nicht. INT: Und haben alle unter die gleiche(n) Bedingungen (-) gewohnt? MC: Ja, weil da haben wir ja kein Essen (bekommen), nur (sind wir) schlafen gegangen. INT: Und hatten Sie Gelegenheit, religiöse Aktivitäten || zu_?
MC: Oh |||, überall, "Wes das Herz voll i(st), (des) geht der Mund über." <Bibelzitat, Lukas 6,45> INT: Was haben Sie zum Beispiel (-) gemacht? MC: Hm, w=was ich hab gemacht da? Gemacht nicht, gesprochen hab ich. Was konnt ich machen, machen kann man da nichts. INT: Hatten Sie Literatur (-) damals? MC: Nein. Nein, ich hab nur gesagt, was die Bibel schreibt, in was für Zeit wir leben, hab ich erzählt, dass Vater unser ist erhört worden, Millionen Menschen beten von Herzen: "Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auch auf Erden" und ich hatte die Hoffnung durch das, was, das ich in der Bibel gelesen hab, dass ich Zeugen Jehovas hab kennengelernt, hab ich diese Hoffnung, dass dies's System geht zu Ende. Und es rückt immer näher. Wir haben jetzt wieder gehabt einen Vortrag und biblische Beweise dazu, Jesus haben sie gefragt, wann wird das sein, Jesus hat gesagt: "Zeit und Stunde sa=kann ich euch nicht sagen", aber es, es werden Kriege sein, Erdbeben,
die Liebe wird erkalten und=und=und so viele_, muss man Matthäus aufschlagen, 24, 21 Lukas und die ganzen Evangelien, da beschreibt (er) alles und alle anderen Propheten noch dazu. (Sie) beschreiben, wir leben in einer ernsten Zeit. Und das Böse hat einen Anfang gehabt durch das Menschenpaar Adam und Eva und Jesus hat das beendet durch seinen treuen Tod, er ist treu geblieben bis in den Tod, hat sein Leben abgegeben. Die Juden haben geschrien, die Oberpriester haben (geschrien): "Fall mit ihm, es gibt ni-, kein_, er kann sich nicht (da)für rechtfertigen, er hat gesagt, er wird König sein über der Erde, er w=macht sich als König, er sagt, er ist der Sohn Gottes", die haben doch nicht geglaubt, dass er so durch ein Wunder es auf d(ie) Erde gekommen. Und die haben gegen ihn gekämpft und da Jesus ist in diese eingeschlagen, (er) hat gesagt: "Ihr_, mich verfolgen sie und euch werden sie auch verfolgen, aber das Ende rückt näher." Er hat,
er ist König im Himmel und er hat die Regierung übernommen und wartet auf Gott, wo Gott ihm (einen) Befehl wird geben, wo das ganzes System wird beendet werden. Jesus hat gesagt so, so wie in den Tagen Noahs. Noah hat verkündet_, die Bibel schreibt: "Die Sünde hat gereicht bis an den Himmel und Gott hat gesehen die Schlechtigkeit nimmt Überhand", (er) hat gesagt, Noah, ein gerechter Mensch mit seiner Familie hat verkündet, dass es kommen wird. Er hat gebaut 40 oder 50 oder noch_, Jahrzehnte hat er gebaut die Arche, es war nicht so wie heute, aber es ist geschehen und die Arche soll bis heute noch sein. INT: Hatten Sie damals ein(e) Bibel || da=dabei // MC: Ja. ||| /// im=im Lager? MC: Nein, da ne, da=da haben wir (eine) gehabt, aber so=hm heimlich, bisschen da, die hat mal (was) gelesen, die hat mal (was) gelesen. INT: Ha=hatten Sie mal Gelegenheit mit andere(n) Menschen über (-) die Religion zu sprechen, die nicht Zeugen Jehovas waren? MC: Ja, das, da sag ich: "wes der Mund voll ist, geht er=wo ma-_" <Anspielung aufs Zitat im Segm. 18>, wo ich war,
wenn es möglich war, hab ich gesprochen. INT: Und haben Sie auch mit SS-Leute(n) darüber gesprochen? MC: Über=pff, natürlich, wenn die mich, wenn die irgendwas haben gefragt, dann, weswegen, warum und warum seid ihr so dumm und warum=pff_, da haben wir sofort gesprochen. INT: Was für Reaktion(en) hatten die? MC: Manche haben geschmunzelt, machten ihres doch, manche sag(t)en: "Ah, vielleicht gibt es doch ein(en) Gott", denn die Menschen sind ja_: "Es gibt kein(en) Gott", von wa-, alles von a=a=alleine entstanden, so. Und die Menschen sind so arm, die sind ganz arm dran, das_. INT: Hatten Sie die Eindruck, dass einige von diese(n) SS-Leute(n) irgendwelche moralische Gefühle oder sowas hatten? MC: Ja, manche schon, aber ganz wenig. Wenn da viel da wäre, da wäre der Krieg nicht. Da möcht das Blutvergießen nicht sein, wie es bis (zum) heut(igen) Tag ist. Nicht nur die Deutsche(n). Wir können nicht nur die Deutsche(n), die hatte(n), Hitler hat das eingeprägt, der will das tausendjährige Reich aufbauen und das_,
wo soll_, ein Mensch, ein ungerechter Mensch, ein Sterblicher und_, obwohl, (es) sind viel(e) hinter ihm (ge)ga(ngen), aber das, das ging nicht. In Russland, was ist da vorgegangen, er, er konnt nicht mehr weiter, er wollte, aber das_. Er war_, das war ein satanischer_, die Bibel schreibt das: "Gott stellt sich, (-) Gott dieser Welt", das ist, der Teufel, der stellt sich als Engel des Lichts dar und der tut manchmal so schön. Und die Menschen sind so verwirrt, die glauben dann sowieso in so einen unvollkommenen Menschen, wo der nie dazu kommen wird_. Ein Mensch wird nie Frieden auf Erden schaffen. INT: Haben Sie damals irgendwelche Nachricht(en) von dem Krieg gehört, wie das läuft, wie was_? MC: Na, weniger schon, weniger, aber wo die Russen sind nach=äh, nach Auschwitz rein, da waren vordem sehr viel Transporte. Jeden Tag hat man, ich konnte da rausgucken aus dem Geschäft,
ne. Und da hat man_. INT: Und was haben Sie gesehen? MC: Na, die viele(n) Transporte, wo gegangen sind Häftlinge aus andere(n) Lager(n) und aus Auschwitz. Die haben, ich war auch (mit) 5000 (Menschen), wo wir nach Bergen-Belsen (gekommen) waren, war(en) 5000 noch (dabei). INT: Hatten Sie in dieser Zeit Kontakt mit Familie Streich? MC: Nein. Sie, na, mit ihr, aber auch wenig, weil die ha-, die konnt nicht laufen, die war so dick, die haben Sie da (irgend)wo weggenommen und die haben gesehen, die kam nicht mit, die sind, wir sind ja Tag und Nacht zu Fuß gelaufen, in dem großen Schnee. Die konnt das nicht, die war, da haben, die haben sie_, die ist da irgenwo mit dem Zug eher weggefahren. INT: Aber i=im, in Auschwitz, ä=ähm, als Sie im Geschäft war(en), haben Sie irgendwelchen Kontakt in dieser Zeit mit Frau Streich? MC: Ja, wo ich_, ja, da hatt ich noch abends manchmal, nicht, oder durch jemand_. INT: Wo hat sie gearbeitet, Frau Streich? MC: Die hat bei=äh saubergemacht, bei=äh noch mit einer. Bei SS-Männer(n), richtig bei zwei SS-Männer(n) haben sie ihre Wohnung da saubergemacht. INT: Und der Herr Streich, wissen Sie, was es_?
MC: Mit Herr(n) Streich, der ist so. Der war, der hat nicht lange gelebt, wie lange, ob drei Monate, mir ist so, dass (es) drei Monate (waren). Aber sie hat nicht, keine Nachricht bekommen, nur nach Hause haben sie geschickt da zu der Familie, zu ihrer Schwester oder zu seiner Schwester, dass er ist nicht mehr am Leben, aber wie er gestorben ist, was passiert ist, haben sie nicht geschrieben und_ INT: Wie alt war er zu der Zeit? MC: Der war über 40. INT: Und Sie hatten nicht gehört, wie er gestorben ist? MC: Nein, wir, das haben wir nicht, aber der hat bestimmt_ INT: Und das war in Auschwitz? MC: Das war in Auschwitz. <spricht leiser> Nur, das war hier noch, die haben ja so viel verhaftet in Auschwitz, da war hier das Bad [Gaskammer] noch nicht eingerichtet für die Häftlinge. Das ist, die wollten ja, die wollten_, es hieß ja, die wollten ja das Volk, das, das Ungeziefer war ja überall voll. Und da haben sie die Frauen nach Männerlager (geschickt, verlegt), weil das war ein altes Lager. Aber da waren zu viel F=Männer schon, da haben sie eben neu gebaut. Und da haben, hat die Frau Streich,
da war ich nicht mit bei, ich war, ach, ich war krank, ich hab (mit) Typhus gelegen. Da hat sie ihren Mann gesehen zwischen den Häftlingmännern in die_, <deutet Streifen auf dem Hemd an> nicht, und da hat sie nur_ <nickt mit dem Kopf, zeigt laufende Tränen im Gesicht> und die hat vor Weinen nicht, nicht mal gesagt, da ist mein Mann und er hat genickt, die wusste_, (es) war_, das wurde uns angesagt [gesagt], ein Geheimnis, nicht_, man kennt niemand, man hört niemand_ (--) INT: Hatten Sie in dieser Zeit irgendwelchen Kontakt mit Ihrer Familie || zu Hause? MC: Nein. ||| Überhaupt nicht. Das war Schluß in_ INT: Haben sie gewu(sst), haben die Eltern gewusst, dass Sie in Auschwitz war(en)? MC: Ja, das haben sie erfahren in, das haben die erfahren in=äh Gefängnis. Sie sind hingekommen, wir waren nicht da, da is(t), dann haben die gesagt, die ist schon zu einem Transport nach Auschwitz. INT: Aber die Eltern sind, (--) ähm, haben Sie die Eltern gesehen im Gefängnis damals irgendwo dort?
MC: Die Eltern im Gefängnis, äh, doch, meine Schwester ist paar mal, zweimal wohl gewesen. Meine Mutter war einmal, aber da war so'ne gehässige Wache, die hat (es) nicht erlaubt, (da) durft die Mutter nicht rein, (da) durft ich sie nicht sehen. Und so, aber ich konnte paar, nach Hause paar Briefe schreiben nur: "Mir geht's gut" und so, aber nicht=äh da_, irgendwas geschrieben, was man esst [isst] oder, nicht, gar nicht, nur: "Ich bin am Leben, mir geht's gut", so. So, paar Worte, dor(t) aus dem Gefängnis, aber in Auschwitz nicht. INT: Und meinen Sie, die Eltern waren einverstanden, dass Sie, ähm, zu Zeugen Jehovas=äh treu waren? MC: Ja, das schon, aber dass der Vater zufrieden war (kann man nicht sagen), da war er: "Es ist mein Kind, hat doch niemand was gemacht, das war doch so ein liebes Mädchen. Warum tun sie_, da tut man doch die Verbrecher reinstecken. Ich versteh das nicht, was das für eine verdrehte Welt ist, dass man die gerechte(n) Menschen ei=einsteckt". (Und das) waren die Zeugen Jehovas, er kannte ja dann schon paar Familien,
"dass, dass man die einsteckt, nein, da bleibt mir der Verstand fern", da soll er, soll auf'm manchmal Hof da rumgegangen (sein), der hat geweint und_. Da war ich weg. (--) INT: So. Wie lange insgesamt waren Sie im Auschwitz? MC: <säufzt> (4) Zweieinha(lb), ein (unverständlich) und Frühjahr sind zweieinhalb Jahre. Aber ich war drei, weil ich in Bergen-Belsen, ich konnt nicht nach Hause. INT: Und was, nach diese(n) zweieinhalb Jahre(n) in Auschwitz, was für einen körperlichen Zustand hatten Sie, was für ein gesundheitlicher Zustand hatten Sie dann? MC: Na, da kam ich schon nach Bergen-Belsen. Und_ INT: Wie ist das passiert, wie sind Sie weg von Auschwitz gekommen? MC: Na, durch (einen) Transport. || E=erstmal // INT: Was für ein Tra(nsport)? ||| /// zu Fuß_. Ja, die Deutsche(n) haben die_, (da) waren wir zu Fuß in dem großen Schnee. (Es) waren_, ohje, mir tun schon so der Kopf weh, ich kann nicht mehr lange. Da=das, die Straßen waren nur auseinander, da s-_
INT: Haben Sie vorher gewusst, dass Sie || (auf) diesen Transport kommen? MC: Ja, s=ich, ||| ja, die haben uns ja vorbereitet, (man musste) unterschreiben und wenn (man) nicht gehen (wollte), musst_. Morgen ist ein Transport. So kurz so, kurz nehmen, dass wir Angst sollen nehmen [kriegen]. INT: Und das war wann dann (-) im_? MC: Na, das war im, auf der Gdansker_ [Gdansk, Danzig, Polen], in Polen war das gewesen. Und dann sind die=äh gekommen, die, ähm, Beamte und haben uns vorbereitet für'n Transport. Unterschreiben oder weg. Da wussten wir ja_. INT: Und dann Sie waren, Sie haben gesagt zweieinhalb Jahr(e) im Auschwitz (-) und dann (-) kommt noch ein Transport. MC: Ja, wenn wir nicht sagen_, mussten wir weg von Auschwitz und dann (-), <macht eine Kopfbewegung zum Kameramann> dann_ INT: O.K., dann machen wir jetzt Pause, ja. MC: Oh, ich (unverständlich) <fasst sich an der Stirn>, wird es noch lange dauern, ich hab schon_? <Tape 3, Ende>
 
(15) KAM: Und läuft. INT: Interview mit Frau Martha Ciecierski, Band 4. Können Sie bitte beschreiben, wie das war, als Sie weg von Auschwitz gekommen sind? Wie war das mit dem || Transport? MC: Ja, das war zu ||| Fuß, sind wi=wir wussten das schon, wir durften uns auch=äh_, ich hab ja n Lebensmittelgeschäft gehabt, die, die SS waren schon weg vordem, die hab=wa=haben auch Angst vor die Russen (gehabt), die Russen waren da irgend(wo) schon_ INT: In welchem Monat war das? MC: Das war in=in=in Januar. INT: In welchem Jahr? MC: 43 [1943]. (---) Ja, 43 [1943] [Anm. d.T.], da, die Russen waren schon ganz nahe an Auschwitz, da waren [haben] die gepackt die ganze(n) Tage, da war ich noch helfen packen,
die ga-_, was sie da wollten weg, in die Kisten rein und die haben weggeschafft, weg, die wollten irgendwo Halt machen. Und da haben sie, äh, hab ich ja da mitgeholfen, da wussten wir, jetzt vorbereitet ihr euch, ihr müsst weggehen auf, von Auschwitz, hier bleibt kein Häftling in Auschwitz, nicht? Und dann waren wir unterwegs, zu Fuß, nachtsüber (-). Eine Nacht haben wir genächtigt wo die, wo sie (da)s Vieh hatten, die Vie=Kühe sind raus und da in dem Stall, in den Stall haben sie (uns) da hingelegt und da auf Stroh, nur auf Stroh und dann haben wir wieder bei Bauern geschlafen eine Nacht und dann ha=äh, sind_ INT: Wie (wer) war dabei (in) diese_? // MC: Bauern? /// Ich meine, wie (wer) war dabei, bei dieser Gruppe, die von Auschwitz weg (-) sind? // MC: Wer war (dabei)? /// Ja. MC: Überall, es waren ja 5000 (Menschen), da wo was weiß ich, die haben, da haben welche geschlafen und da haben welche geschlafen
in die Ställe un=und privat und nachts mussten sie_. Und überall waren ja die SS, die haben uns_, wir wussten ja nicht wohin, ne?, die haben uns ja geführt. Und dann mussten wir || wieder antreten_ INT: Wie war, ||| wie war(en) die Bedingungen zu dieser_? MC: Och, das waren auch, das war überall_, es war traurig zu sagen, von [am] Anfang hatten wir unseres bisschen gehabt zu essen und wir waren so schwach, dass ich war bereit, mein, meine Wäsche, was ich hatt bei mir vorbereitet, mir da_, äh, war ich schon bereit, alles wegzuschmeißen, wir hatten keine Kraft nicht mehr. Und mit einmal haben wir nen Zug bekommen, (da) haben sie uns, wie wir heißen in die Reihe uns hinstellen, da haben sie, hat uns wieder einer geführt auf'n Bahnhof und_ INT: Wo war dieser Bahnhof? MC: Poah, (da) fragen Sie (mich was), ich weiß nicht, || weiß gar_? INT: So nach wie viel ||| Tage(n) zu Fuß_? MC: Nach drei Tage(n). INT: In welche Richtung, wissen Sie (das)? MC: Na, nach Bergen-Belsen. Von Auschwitz, (da) muss man wissen, wo Auschwitz war, nach Bergen-Belsen. Und da_ INT: Wi=wisst=wussten Sie damals, wohin Sie gehen?
MC: Nein, wir wussten gar nichts. Und da ha=in dem, auf dem Bahnhof, da haben sie uns, damals haben sie uns ein bisschen Suppe, heiße, gegeben, da war schon die Nacht, die eine Nacht waren wir (da), denn früh war schon der Zug wieder (bereitgestellt?), (und wir mussten) umsteigen in (einen) anderen Zug. INT: Können=wissen Sie, was für ein Bahnhof das war, wo das war? MC: Poah, auch nicht, (ich) weiß gar nichts. Und=äh dann haben wir ein Viehwaggon bekommen, so'ne offene Waggons, da waren wir 103 Frauen drin, aber nicht nur Zeugen Jehovas. Es war schlimm. INT: Haben Sie auch Männer gesehen zu dieser Zeit? MC: Männer waren auch (da), wieder nächster, nächster Waggon waren Männer gewesen, Häftlinge, und der nächste da Waggon wieder, wo (wir) nach Buchenwald [KZ Buchenwald] (gefahren) sind. Da haben sie aufgemacht die Klappe und haben die Toten immer rausgeschmissen, was die, die haben sich, die haben sich vor Hunger geschlagen die Menschen, die haben_. (Und) bei uns, die Zeugen Jehovas waren ruhig, es war schwer, eine is-, eine ist auch gestorben bei uns, die ha-_, ja wenn der Mensch tot wird_, ha=wir haben
die Füße mal so, mal rausgezogen, mal so. INT: So, wie viel(e) tote Menschen (gab es)? MC: Ja, von wo kann ich das wissen? // INT: Ungefähr, ich meine bei Ihnen im Wagen [Waggon]. /// Eine ist gestorben. Und dann später ist noch eine gestorben, aber der, die haben sie schon in Nürn=Nürnberg, es hat, (der) Zug hat gestanden in Nürnberg und da ha=haben sie sie raus(getragen) und haben die begraben, die Zeugin Jehovas, die, unsere Schwestern. Haben da irgendwo ein Loch gemacht, bisschen und haben sie da unter-_. INT: Wie viel Tage waren Sie im Zug? MC: <säufzt> Einmal waren wir 11 Tage, 10 Nächte oder 10 Nächte und 11 Tage und dann war nochmal in_, (wo) einer tot ist gegangen und (der Zug) hat wieder gestanden. In Nürnberg haben wir nur 5 Tage gestanden (-). So mit dem Zug möchten die einen Tag schne-_ INT: Haben Sie was zum Essen bekommen? MC: Na, ab und zu haben wir (etwas) bekommen, später gar nichts mehr, haben die 5 Tage überhaupt nichts bekommen, da haben manche da bisschen, äh, das_, in Nürnberg hat ein Zug nebenan gestan(den)_
INT: Waren Sie zusammen mit Menschen, die Sie kannt(en)? MC: Mit die Zeugen Jehovas oder andere auch. Da war, das war schon alles Mischmasch. Aber meist-_ INT: Frau S-, war Frau Streich auch dabei? MC: Die nein, die war eher, (die) haben sie eher irgendwo weg(gebracht) und die war dann später in Bergen-Belsen, war die, war die auch gewesen. Aber die war schon eher da, die haben irgend_, ich, das kann ich auch nicht mehr sagen. Und noch eine hier=aus, au(s), sogar meine Cousine war auch mit bei, aber die lebt auch nicht mehr. <flüstert> Schon lange. INT: Hatten Sie auch was vom Krieg erfahren während dieser Zeit in dem Zug? MC: Ja, wir haben nur Bomben gehört, wie die überall einschlagen. In Auschwitz auch, wie oft mussten wir in'n Keller, ich wollt, bin (in den) Keller nicht mit, aber da hat der Chef, der Engelbrecht, der hat auch Angst gehabt. Und mal ist=hat er gesagt: "Wenn wir die Zeugen Jehovas verlassen, dann schlag (schlägt) Gott in uns rein, dann sind wir v-_, dann we-_, aber wenn die da sind_" <lacht>, so hat er sich geäußert, "da wird Gott uns auch beschützen, wenn_", so war der gewesen. Und so
einer, so war der so ein Held, aber vorm Tod hat jeder Angst. INT: So, Sie sind dann mit diesem Zug (-) gefahren, so wie viel(e) Tage insgesamt? MC: Oh, paar Wochen sind wir gefahren, aber in einem Zug waren wir 10 Tage, 10 Tage, 11 Nächte oder sowas. Aber mit_ INT: Und mit wie viel(en) Frauen im Wagen [Waggon] zusammen? MC: 105 waren wir in der offe-, wo das offene, wo das, wie Vieh, wenn sie, wo so offen_, Pferde oder wenn man sieht, nicht, so'n Wa=Waggon war (es) gewesen, so'n Zug. INT: Und wo sind Sie dann angekommen? MC: Na nach, von Nürnberg nach Ausch-, nach Bergen-Belsen. INT: Und was haben Sie dort gesehen, als Sie in Bergen-Belsen angekommen sind? MC: Ja, offen (draußen?) sieht man nichts. Männerlager war weiter, da waren nur voll Menschen, alles in die Streifen [gestreifte KZ-Häftlingsbekleidung], Juden, alles zusammen, die Toiletten waren voll (mit) Menschen, man konnt zur Toilette nicht, wer wo hat gemacht, so sein Gebrauch (Bedürfnis?), der hat gemacht,
kein Wasser war nicht, (es) war sehr schlecht. In dem Bassin, wo sie haben Vorräte gemacht solche von Zement, solche gegossene, da war Wasser. Da haben die SS-Männer für sich gekocht. Es war am Ende schon gewesen, es war, war furchtbar. Strom war weg, da waren (wir) noch bombardiert, da war der Strom wieder weg, da war_. Dann ab und zu haben wir schon, einmal, mal, da wo was bekommen, dass man doch am Leben ist geblieben, aber, aber es war sehr schwer. Und dann, möcht ich das noch allen erzählen, wo die Eng-, den 11., 11. Mai, glaube ich, kamen die Engländer rein. Da waren wir ja schon frei. Und wo die Engländer sind reingekommen, die haben das normal be=geregelt. (-) Die, die Kranken haben sie uns, die haben sie alle (irgend)wo gefahren in die=äh Kasernen, wo die SS haben
gelegen, wo die S-, wo das Militär war. INT: Aber können wir ein bisschen zurück zum Lager, ähm, Bergen-Belsen. Wo haben Sie gewohnt dort? MC: Auch, auch in so'n, so'ne stöckige, äh, (-) Betten, wo wir waren in so, auch in so'n Block, nicht? INT: Und wie war(en) die Verhältnisse im Vergleich mit Auschwitz? MC: Noch schlimmer, weil das, ich sag, es gab nicht mehr zu essen viel. Ab und zu hat man was bekommen und man hat so hingelebt, man lebte, aber es war sehr sehr schlecht schon. Da sind die Menschen vor Hunger gestorben, die Menschen haben schon gegessen Menschen_ (-) // INT: Das haben Sie gesehen? /// Da hab ich gesehen nur, dass die Ohren haben noch im Mund gehabt und haben dreie gekniet, das hab ich gesehen. Und die haben, SS-Männer haben so geschrien, dass die, hm, dass sie, weil die wollten ja nicht, dass die Krankheiten sollen auseinander getragen (übertragen) werden. Wenn man die Toten esst (isst) und die Lebenden essen und die SS-Männer sind da und die gehen zu ihren Kinder(n),
zu ihre(n) Familien und deswegen haben sie (die Menschen) gestraft, so(nst) hätten sie gesagt: "Friss doch, wenn du willst". Aber die haben ja Kontakt mit die Lebende(n), ne? Und da haben sie das schwer verboten. Aber die haben, sehr oft hat man gehört, dass sie haben schon gegessen die Tote(n), was da abgekratzt sind, ich sag schon nicht mehr gestorben, <schüttelt mit dem Kopf> (-) weil ich hab gesehen, wie die haben ausgesehen. Das war furchtbar. (--) INT: Hatten Sie auch Arbeit in dieser (Zeit), (irgendwelche) Lagertätigen? MC: Da war, ja, da war so'ne Kantine, weil ich in Auschwitz hab gearbeitet, aber da war der Hauptchef auch, da war so'ne kleine Kantine, was sie da, äh, haben gehabt so Kleinigkeiten, da hab ich ja, da musst (ich) saubermachen und so. Manchmal war er weg, da hat er mich gebeten, dass wenn jemand kommt, soll ich auch verkaufen. Aber ich musste da sein, ne? Da war, (die) Arbeit war nicht schlecht, ich hatte dann mal (was) gehabt und dann musst ich manchmal, äh, war da noch der, der Kommandant aus Auschwitz,
da mussten mal die Pakete, wo da was da gekommen (sind), da musst ich (sie) helfen schleppen, oh so, aber das so der, so'ne Dauerarbeit da hab ich nicht mehr gehabt. INT: Und wie viel, wie viel(e) Stunden am Tag, mussten Sie arbei(ten)? MC: Das, das weiß ich nicht mehr, pff, so lange, wie man auf war, hat man, wenn da Arbeit war, da musst man (die) machen, aber das, da war schon, um die Arbeit in Bergen-Belsen, da war schon alles drunter und drüber, da war nicht mehr: "hier ist die Arbeit, muss so viel und so viel Stunden_", da war=ging schon alles durch=durch, dass_, die Deutsche(n) haben ja immer mehr, kamen schon zum Ende zu, das war schon furchtbar, ne? (--) Das, (-) was da vor(gegangen ist), ich weiß nicht, ob das wahr ist, aber es hieß, dass das Lager ist untermint (vermint) und das wird, es=äh, das sollten zwei Leuchtbomben sollten sie schmeißen und dann sollten sie die, äh, das Lager sollte vernichtet werden. Das haben die Deutsche(n) geplant,
dann haben sie wieder Angst gehabt, die haben gedacht, sie haben sich freiwillig abgegeben (ergeben). Kramer-Kommandant [Josef Kramer, der Kommandant von Auschwitz], noch (da)zu ein=ein SS(-Mann) ohne Arm und noch eine Frau, die drei Hauptmenschen, und die haben weiße Bänder sich (angebunden), überall in Auschwitz, in Ber=Bergen-Belsen hier, alle haben sie die weiße(n), äh, Streifen oder Laken und auf die Hau-, auf die=äh Autos, äh, haben sie weiße Laken hin(gelegt) und=äh, und die sind dann (hin) und haben sich untergeben (ergeben), die, (-) die Russen, glaub ich, nee, die Engländer, die Engländer waren das. Und die haben sich freiwillig unterge- (ergeben), gehen, nicht, mit den weißen Bändern, Gewehre alles weg und da haben die Engländer, sind_, da war vielleicht eine Stunde Ruhe, hat man nicht mehr gehört die Schießerei, die Bomben da, war eine, vielleicht ne Stunde, vielleicht zwei, ich weiß es heute auch nicht mehr_ INT: Wann sind die Engländer gekommen? MC: Da waren die Engländer, am 11. Mai war das, glaube ich, war das gewesen. Nach || Bergen-Belsen.
INT: In welchem Jahr? ||| /// Und da, wo die Engländer sind reingekommen, da haben wir (es) schon gut gehabt. Jeden Mor(gen)_ INT: In welchem Jahr war das? MC: 43 [1943]. [Anm. d.T.] Da haben wir schon Kakao jeden Morgen bekommen, (-) hm, so und so viel Brot und da hab ich langsam <streichelt ihre Backen>, da sehe ich schon ganz_, hier in Au-, da in Auschwitz sehe ich auch noch nicht schlecht (aus), ich bin nur nicht gekämmt, weil wir aus, aus der, aus dem Transport haben sie mir die Aufnahmen gemacht da, aber sonst sehe ich auch noch nicht so schlecht (aus), da haben sie uns doch gegeben noch zu essen. Und da hab ich, haben wir uns schon, die Engländer haben uns schon schön (-) || auf die Beine_ INT: Können Sie den Tag beschreiben, ||| als die Engländer gekommen sind, an diesem Tag, wie das war? MC: Es war die, die ganze(n) Häftlinge, die SS-Männer, die waren alle noch da gewesen und, und die ganze(n) Häftlinge, die w=all=alle, es war alles ein Mischmasch mit den Menschen, aber die haben sich gefreut, weil die haben gehört:
"Ihr seid frei, ihr seid schon frei", also die Engländer haben das übernommen. Aber das hat noch keine Sauberkeit od-=gleich geha-, war nicht gleich (da), war gleicht nicht gekocht (worden) und poah, ihr könnt hier leben_. Da mu-, die haben erst die Kranken ausge-, aus=äh Blocks haben sie geholt und (es) waren manchmal bis 16, hab ich gezählt, 16 Krankenwagen, (irgend)wo gekommen sind und haben die Menschen in die, in die SS-, in die SS-Kaserne, wo die deutsche Militär hat gestanden, da haben sie_, da war ja sauber gewesen und so, da haben sie die Menschen verlegt, die noch am Leben waren. Die, (-) die Engländer, nicht? Die haben dann gesorgt dafür. Kann man nicht s(agen), die Engländer haben viel getan. || Von meiner Seite_ INT: Und was ist mit den SS- ||| Männer(n) passiert, als die Engländer gekommen sind? MC: Mit die SS-Männer(n), die haben sich ja ergeben, die haben gedacht, (es) wird alles gut sein. Die haben gesagt, dass sie haben über 100 Tote
täglich und dann wo die Engländer sind reingekommen, haben sie ge=so=gerechnet, wie viel mehr da (waren), über 300, das denk [weiß] ich heute auch nicht mehr und dann haben sie sich an die genommen. Da hab ich gesehen, wie sie den Kramer [Josef Kramer], den Kommandant Kramer [Josef Kramer], haben=sind=äh, die mussten ja das Gewehr abgeben, da haben sie ausgezogen, alle waren nur in so kleine Höschen und die haben ihm da Aufnahme (Foto) gemacht und der hat mich erblickt, oh, der hätte am liebsten gesagt, er hat so richtig nach mir geguckt, er hätt am liebsten gesagt: "Martha", sag ich, "war gut", ich hab so'n Gefühl gehabt, ich_. Und ich bin so schnell gelaufen, ich wollt das nicht mehr sehen, ich hab Ang(st), weil da waren die Juden, die haben geschimpft: "Gibt her", (da) war so'ne, warte, wie hieß die, Hoffmann, glaub ich, nein, (-) nein, wie hieß die, (-) ah, ist auch egal. Da haben sie: "Her, gibt's her, wir schneiden sie auf Stöcken, wir würden sie nicht mal einsalzen", die war so gemein, haben die, die Häftlinge haben geschrien. Und was die dann mit die ganze(n) andere(n)
(gemacht haben), die haben sie verhaftet, hab ich gesehen, die drei, aber_, ich hab (mit) meinen Augen gesehen, aber die anderen weiß ich doch nicht, was_. INT: W=wie, welche drei war(en) das? MC: Na, sag ich d(och), d=der Mann ohne Arm, der Hauptmann und die Frau und der K-, der Kommandant Kramer [Josef Kramer] aus, (-) aus Auschwitz. Der hat das ja übernommen wieder da in Bergen-Belsen. Und die drei hab ich gesehen, wie sie (die) haben verhaftet. Aber die andere(n)_. Sie werden doch nicht bringen die ganze(n) SS-Männer vor uns und werden sie verhaften, oder was. INT: Und hatten Sie direkt (ein) Gespräch mit den Engländern dann gehaben [gehabt]? MC: Aber ich, ich konnte ja nicht Englisch sprechen, ich konnte nicht viel, aber, ich hab nur gebeten, ich möcht nach Hause, nicht? INT: Haben sie, haben die was gefragt? MC: Doch, die haben gefragt und (gesagt) dass sie wollen uns helfen und es wird schon besser werden und=hm. Ich hab da so manches, oh <verschiedene Laute> Gesten und so (verstanden), aber ich kann ja nicht Englisch sprechen, konnte ich da nicht viel mit denen sprechen.
INT: Und wie Sie, wie sind Sie denn weg von Bergen-Belsen gekommen? MC: Jetzt möcht ich noch erstmal sagen, wo die Engländer sind reingekommen und dann nach paar Tage(n), da war ich mit eine(r) von uns Zeugen Jehovas ins Männerlager gegangen. Da haben wir aber gesehen Tote. Die haben quer auf die, auf dem ganzen Platz, die haben gelegen, au(ch) lauter Knochen nur, furchtbar, was ich da gesehen habe. Und die haben (es) nicht geschafft, die wollten sie alle begraben, aber die haben (es) nicht geschafft, (--) die haben, ich hab nur ein Grab gesehen, also zwei Gräber neben(ein)ander, hieß es, es war mit Kalk begossen, damit der Gestank da nicht raus (konnte), man hat da keine Tote_, da hieß es: 500 in ein(em) Grab. Aber das noch nicht v-, das war, ach, da waren viel mehr. Also, Krieg ist furchtbar. Jetzt genau(so), nicht nur die Deutsche(n).
Was machen die Russen, was machen die=die andere(n)? Die ganze Welt ist so. Die sind nur, die wollen irgendwo herrschen, die wollen Herren sein und die gucken nicht, dass die anderer Menschens Leben verlieren. "Ich=ich, ich wi-, übernimm das und ich möcht Herr sein, ich schick die anderen und die anderen müssen alle gehen und ich will der Herr spielen." So ist das in der Welt. Aber Gott lässt das nicht immer zu, auf die Dauer. Und es kommt mal, wo mal Gott wird ein Ende machen mit die ganze Schöpfung. Wenn es wird reif genug sein, Gott lässt zu, dass die Menschen kein Frieden schaffen nicht kennen, die Bibel sagt, dass durch Gott und Jesus Christus wird nur Frieden auf Erden sein, deswegen sagt die Bibel: "Suchet Jehova, solange ich mich finden lass. Es kommt eine Zeit, dass sie mich werden suchen wieder und ich werd nicht mal antworten". Deswegen tun die Zeugen Jehovas verkündigen [verkünden] heute: "Es ist eine Aussicht, Königreich Gottes". Und die ganzen Zeitschriften und alles weist darauf hin, deswegen verbreiten wir (es unter) den Menschen,
dass wir leben eine Zeit (lang), es wird mal ein Ende werden. Nicht durch Menschen. Die Menschen können die, alle Menschen nicht vernichten und die Menschen können kein Frieden schaffen, nur durch Gott und Jesus Christus. "Dein Reich komme, dein Wille geschehe." Und das Gebet ist erhört worden. Und es wird geschehen. INT: Und wie ist es dann, dass Sie weg von Bergen-Belsen gekommen sind, wie ist, || wie ist das passiert? MC: Von Bergen-Belsen? ||| Dann haben, äh, war kein Transport. Das war unmöglich, die ganze(n) Bahnhöfe überall war(en) kaputt, das war Krieg und ich hab sehr gebet(en), ich möchte doch nach Hause, jetzt sind wir doch frei, die wissen nichts, ich konnt von da auch nicht schreiben, keine Post, nichts, man wusst, man wusste doch gar nichts, was man soll machen. Und da hab ich und da hat der Engländer, oh, er hat gesagt: "Russe nix gut, nix gut", hat er gesagt in=in Polen. Ach, ich dacht, ich fühl mich doch mit alle(n) Menschen gut und ich hab auch noch eine andere Hoffnung, ich hab da=da einen Bruder gehabt,
der mir auch sehr gefallen hat, aber den haben sie inzwischen auch verhaftet und der hat auch sein Leben verloren, ich hab ihn nicht mehr auf Augen gesehen [Anm. d. T.] und aber ich wollt wegen ihm nach Hause. (--) Und=äh die haben uns nach Gdansk [Danzig, Polen] gebracht, nach Gd=Gdansk ist (es) heute, Gdynia, Gdansk, ja. Und von da an ging schon ein Viehzug, aber zu, nicht offen, nach Warschau. Und in Lodz ist er stehengeblieben und da sind wir ausgestiegen, ich und noch eine. Und da waren viel(e) Männer auch aus Warschau schon, nach Warschau, was gefahren (sind), da sind die Russen rein, hab ich so viel Angst gehabt da, weil die Russen haben auch geplündert, die haben die Frauen_, aber_, der einer sagt(e): "Gute, komm, komm bei mir, setz dich hin und ich sage, du bist meine Frau, sollen sie mir bloß kommen", da war=waren paar Russen reingekommen, aber sie haben uns nichts gemacht. Also ich bin nicht vergewaltigt <lacht> geworden durch die Russen, auch durch niemand_. Ich kann nicht klagen. Na Mensch, ich bin,
ich lege mich hin und es ist_ INT: Wann sind Sie denn zurück in Polen gekommen? MC: Entweder den (-) November, (-) da war ich_ INT: In welchem Jahr war das jetzt? MC: 43 [1943], 43 [1943]. [Anm. d.T.] INT: Und wo sind Sie geko-, wo sind Sie angekommen dann? MC: Nach Lodz. INT: Und was haben Sie dort gemacht? MC: Na, da in Lodz haben wir aufgesucht Zeugen Jehovas sofort, da war, hatte ich die, ähm, die Schwester Propper oder die Frau Propper, was mit mir war, die hat ihr Eigentum gehabt in Lodz, ihr Haus. Er war Tischler gewesen, aber da waren schon Polen drin. Die hat auch bitter geweint, weil die dacht, die kommt in ihr Eigentum rein. Sie ist=hat, sie wollte in Deutschland (nicht bleiben), "ich brauch"_, sie sagt(e), "ich hab mein Haus und alles, was würd ich hier"_. Und das war alles anders, da waren schon Polen drine. Erst haben die Deutschen die Polen weggenommen, später haben die Polen wieder die Deutschen. Und die Zeugen Jehovas haben da niemandem was weggenommen und auch später nicht.
Die Zeugen Jehovas sind, haben, was sie haben gehabt, das war ihres, aber nicht jemand sein(s). Und das ist heute, das ist, in der Welt ist es: "Hauptsache ich hab und das Kummer mit dir". Naja und da sind wir dahin und da bin ich nach Hause (-) am nächsten Tag und zu Fuß und, hm, mit Straßenbahn, bin ich nach Hause, da wo ich gewohnt hab, zu der Familie Streich, die Frau Streich war schon da. (--) Aber mein Vater hat nicht mehr, war nicht mehr am Leben und ihr Mann war nicht da und da musst, ich wollte da nicht bleiben. (-) Ich wollt da nicht bleiben, ich hab nen anderen Plan gehabt. INT: Wie ist Ihr Vater gestorben? MC: Der ist in Polen gestorben, (er war) 55 Jahre (alt). Auch in dem Krieg, er hat viel durch=durchgemacht auch, das_. (Er hatte) vielleicht auch Krebs, weil er hat so auf'n Magen geklagt, aber wie es das in dem Krieg ist auch, weil die waren frei noch auf_, aber trotzdem, da=der, die Sorge um die Kinder, um das ganze
alles, das macht die Menschen, die Nerven machen einen auch kaputt. Naja und dann die Schwester, die Frau Streich, ist schwer krank geworden, hatte es alles verschrieben auf mich. Wir haben dann gebaut später, schönes Haus gebaut, hm, von [am] Anfang hatten wir noch keine Heizung, Hauptsache einziehen, wir haben uns einen Ofen hingestellt, später war Heizung, Wasser, alles (war da) und da haben wir alles in Stich gelassen und sind rübergekommen. <lacht> Mein Bruder, meine Mutter hat hier noch gelebt, die war schon hier. "Marthchen", sagt sie, "wenn du willst, solange wie ich lebe, wird's=wird's dir besser sein, da sagst du 'ich hab eine Mutter hier'". INT: Wann sind Sie weg von_, (-) so, Sie sind zurück zu Frau Streich und Sie haben gesagt, sie möchten nicht da bleiben_ MC: Nein, die, die F=äh (4), nein, wie war das jetzt. Ich, ich schon. Die Mutter, meine, es war hier und ich wollte nicht weg von
Polen, ich wollte da schon bleiben. INT: Ihre Mutter war schon hier in=in Deutschland? MC: Die Mutter war 65 [1965] hier, das ist schon wieder weiter. Die ist 65 [1965] mit noch einer Schwester von mir, ist sie rübergekommen. INT: Aber_, was haben Sie dann nach dem Krieg, direkt nach dem Krieg in Po(len) (gemacht)? MC: Da wieder war ich da, wo, auf die kleine Bauer(nhof), na da haben wir sch-, wo die Frau Streich (gewohnt hat), ne? Bis wir sind rübergekommen. Und hier war ich schon fast Rentner(in), hier hab ich nicht mehr gearbeitet. INT: Wie haben Sie Ihren Mann kennengelernt? MC: Hm, wie? Wie ich rübergekommen bin, hab ich ja gesucht Zeugen Jehovas. Und damals waren die noch nicht (so viele). Und die sind, die waren schon Zeugen Jehovas, seine Mutter, mein Mann seine Mutter, sein Vater hat auch nicht mehr gelebt. INT: Wo=wo, in d-, das war wo, wo waren Sie dann? MC: In Polen, in Polen, das war hinter Lodz (ein) Stückchen. Und=äh sein Bruder war schon ei-, jünger sechs Jahre von ihm, der hat schon die Bibel gelesen und hat (sich) entschlossen, auch diesen Weg zu gehen und die haben auch von uns schon gehört da, die,
die andere(n) haben ja erzählt, nicht?, dass wir sind verhaftet und so und so und da hab ich mich (ihn) kennengelernt, sind wir zur Versammlung gegangen und er hat (sich) auch entschlossen, diesen Weg zu gehen und dann haben wir uns verheiratet. INT: Und wann sind Sie dann nach Deutschland gekommen? MC: (Nach) Deutschland sind wir 80 [1980], jetzt 80 [1980] (gekommen). INT: Was, was war die Entscheidung, dass Sie hier_? MC: Na, ich sag, wir haben, endlich wollen wir von Deutschen, weil ich von Deutsch(land) bin und die Deutschen konnten ja rüber. Die Polen haben die langsam freigelassen, nicht? M=Musste ich mich auch streben (bemühen?). (Ich) sag, meine Mutter, mein Bruder war hier, er ist aus Russland auch, auch hier rüber gekommen, war 38 Kilo nur, aber er war hier am Leben. Und er ist auch schon inzwischen Zeuge (Jehovas), war er damals noch nicht, er war noch ein Kind gewesen. Und er=sch=war schon Zeuge Jehovas, hat sich mit einer Zeugin Jehovas verheiratet und die waren alle_, und hier war ich n paar Mal zu Besuch gewesen, hab ich ges-, hab ich doch gesehen, dass es möglich ist (zu) leben hier. (Da) war ich im Amt gewesen, ob ich kann rüberkommen und
wie das_, und die_ INT: Und wie war(en) die Bedingungen für Zeugen Jehovas damals in Polen nach dem Krieg? MC: Damals gleich, da war, da war alles ruhig, aber später war auch Verfolgung, 50-er Jahre. Da waren, äh, wer war denn da, wer waren die, (---) was war das für ne Regierung, da waren die auch ve=ver=verfolgt, manche auch verhaftet, aber so schlimm war es nicht wie zu deutscher Zeit. So sch-_ INT: Und mussten Sie irgendwas geheim machen während die_? MC: Ja, die haben sich versammelt geheim und=und jetzt, was für Säle werden gebaut, für 6000, für 10.000, für 4000 in Polen. Heute ist alles anders. Aber b=ich, wir haben jetzt, ich habe ein(en) Bericht gelesen, dass wir sollen nie aufgeben, Jehova sorgt dafür, die Menschen, treue, werden rauskommen und wenn die Menschen werden in_, weil Jesus hat gesagt: "Geht hin in alle Welt
und verkündet das Königreich Gottes". Das war nicht gemeint damals Deutschland, Israel mo=vielleicht <'mo' - Anfang von "vielleicht" auf Polnisch moze> oder Russland oder, oder Frankreich oder England, in der ganzen_. Und wissen Sie was für_, in England, wie viel Tausend da sind, ich möchte das nachsuchen, möcht Ihnen gleich sagen, <lacht> aber auswendig denke (weiß) ich das nicht. INT: In welchem Jahr haben Sie geheiratet? MC: Äh, 46 [1946]. Äh, sechsund_, ja sechsundvierzig [1946], (ich) musst jetzt nachdenken. INT: Und wie viel(e) Kinder (-) haben (Sie)? MC: Dreie, zwei Söhne und eine Tochter. Die Tochter wohnt hier, der Sohn auch unter uns gleich und die Tochter nebenan und eine wohnt ein bisschen weiter in der Stadt, da weiter. INT: Und Sie sind in 1980, haben Sie gesagt, || nach Deutschland gekommen? MC: 80 [1980] sind wir hier(her) gekommen. ||| Und_ INT: Und können Sie kurz beschreiben, wie Sie Ihr Leben hier heute finden, in Gütersloh? MC: Na, von [am] Anfang war es mir auch schwer, weil ich habe in Polen schon Rente bekommen und hier war, 68 [1968] war Schluß, wer sich gemeldet hat und ich war ja erst 80 [1980] (da).
Also hier hatte ich keine Rente und da mussten_, aber da hat mich wieder einer aus dem Amt, hat mir (eine) Adresse gegeben, wo wir uns sollen melden und da haben wir gesagt, haben uns mit den ganzen Papieren und mit Weinen, mit Tränen_. Ah, ich dachte, ich bekomm schon keine Rente und jetzt haben sie alles geregelt und ich bekomm nicht große Rente, aber, mein Mann auch, nicht mal 1000 (Euro), aber wir leben. Wir sind zufrieden, wenn wir so möchten wirtschaften, so wie manche, ich hab, ich war mal ei-, in Büro, da hab ich erzählt, (da) sagt (sie): "Nein, wie können Sie leben mit dem Geld, ich komm nicht aus", ich sag, ich komme sehr gut aus. Wir essen, wir er=erlauben uns auch Fleisch zu essen, wir haben Butter, wir haben (-) Milch, sag ich, was soll ich mehr, Brot, wir haben alles zu essen. Was will ich mehr und auf die alte Tage sagt man, ach Fleisch, <verzieht das Gesicht> das Fleisch ist auch nicht teuer in Deutschland, ist, kann man sich erlauben. Ist nicht so schlimm. Wenn man möcht ins Restaurant gehen, man möcht sich oh_,
dann möcht das kosten, aber wir leben so_. INT: Und heutzutage, wenn Sie, nachdem alles, was Sie damals erfahren haben, denken, was für Gedanken machen Sie (sich) jetzt darüber? MC: Ja, über das, wissen Sie was, ich bin, ich bin nicht unzufrieden, ich bin sehr zufrieden, dass der Schöpfer der Himmel und Erde hat mir die Kraft gegeben, dass ich nicht braucht unterschreiben. Wenn ich hätte unterschrieben, hätte ich Gewissensbisse. Und ich hab nicht unterschrieben und wir freuen sich alle auch hier, ich musste nach Selters [Selters, Westerwald, Rheinland-Pfalz] hin und erzählen so wie hier, was ich_. Die freuen sich, das waren Brüder da, die sie ausgeharrt haben. Das ist eine, gegen die Milionen Menschen, es ist eine kleine (Gruppe), wir sind jetzt auch schon, wir sind schon (mehr). Wissen Sie, wir feiern jetzt am 19. April, ist Gedächtnis <Messe zur Erinnerung an das letzte Abendmahl Christi ist wohl gemeint>, wo Jesu(s) vor seinen_, ich weiß nicht, ob Sie über die Religion Ahnung haben.
Jesus hat ja vor seinem Tod, hat er ge-, das Gedächtnis <Abendmahl ist wahrscheinlich gemeint> gefeiert hat, Bron [Brot], Brot, Wein vorbereitet, hat beschrieben, dass er, dass er wusste, er wird das Leben verlieren, (er) sagte, dass, dass: "Der Wein bedeutet mein Blut, das ich für euch vergießen werde, das Brot das ist mein Leib", (sie) sollen sich so vorstellen, "und so oft ihr das tut, tut das zur Erinnerung an mich, dass ich hier auf Erden war und ich hab für euch das Leben vergossen". Und eine, ne Generation nach die andere, wann ist Jesus_ INT: Wann haben Sie offiziell, ähm, zu Zeugen Jehovas, ähm, eingetreten [beigetreten]? MC: Offiziell, offiziell, wo ich verhaftet war. Aber vordem auch schon. Man muss ja entschei(den) vordem. Schon=äh sich also einstellen, also_, soll ich noch sprechen? // INT: Ja. /// Ich dachte, er wollte, der Herr Seestoß (nach Gehör), da dachte ich, da darf ich nicht.
Man muss die Bibel kennenlernen, erstmal, und die andere(n) Pfingstler oder_, ich hab jetzt mit einer, weil wir sprechen ja über die, übers_ INT: Aber wann waren Sie richtig Mitglied dieser (-) Gemeinschaft? MC: Wo ich nach Auschwitz bin gekommen und dann bin ich zurückgekommen und hab ich mich taufen lassen. // INT: Wann war das? /// 46 [1946]. // INT: 46 [1946]. /// Damals war ich noch nicht getauft, ich hab (es) nicht geschafft, aber (in) mein(em) Herz(en) war ich schon Zeuge Jehovas. Die Zeugen Jehovas führen ein Studium mit Menschen (durch), belehren mit der Bibel, ein Bibelstudium umsonst wird durchgeführt. Und dann, wenn die Person entscheidet, die sieht, was, was, (zu) was die (sich) verpflichten, was sie sollen tun, was die [hier] für eine Aufgabe ist (-) gegen(über) den Schöpfer und die wollen diesen Weg gehen, dann lassen sich sie taufen. (-) // INT: <flüstert> Danke. /// Und dann_. Ende. INT: Ja, ja. // MC: <lächelt> Oh. /// Vielen Dank. <Bild 1> INT: Frau Ciecierski, können Sie bitte sagen, was im Bild hier ist?
MC: Ja, das ist meine, meine Aufnahme, mein Bild von mir, wo ich bin nach Auschwitz, wo wir sind rein (vom) Transport und da haben sie uns als Häftlinge (am) nächsten Tag gleich=äh solche Aufnahmen gemacht, im Falle, wenn jemand weglauft [wegläuft], nicht nur mir, aber alle(n) andere(n) Häftlinge(n), dass sie wollten ihn sofort finden. Und da ist meine Nummer, (die) hab ich damals bekommen, 24414. INT: Danke schön. <Bild 2> INT: (Was) sehen wir hier (für) ein Bild? MC: Das ist auch mein Bild, wo ich=äh nach Bergen-Belsen (kam). Von Auschwitz sind wir 43 [1943] durch die=äh Deutsche(n), durch die SS noch nach Bergen-Belsen, sind wir transportiert und dann bin ich befreit worden durch die Engländer. Und das ist mein Bild, das hab ich von die Engländer (bekommen), die Engländer haben mir das Bild gemacht. INT: Danke schön. <Antwort von MC unverständlich> <Bild 3> INT: Und was ist in diesem Bild? MC: Ja, da war ein Familientreffen und da bin ich mit meinem Mann und da sind noch unsere Bekannte. INT: Danke. Und wie viel(e) Enkelkinder haben Sie heute? MC: Äh, drei.
Oh, drei=sieben Enkelkinder, drei Kinder. <lacht> INT: Danke schön. // MC: Sieben Enkelkinder. /// <Tape 4, Ende>
Anzahl und Zusammensetzung der Häftlinge in Gefängnissen
Auschwitz (Polen : Konzentrationslager) (*)
Auschwitz II-Birkenau (Polen : F790Vernichtungslager)
Ausweispapiere (Fotos)
Bauernhöfe
Befolgung religiöser und kultureller Bräuche (Zeugen Jehovas) in den Lagern
Befolgung religiöser und kultureller Gebräuche (Zeugen Jehovas)
Befreiung der Lager
Bergen-Belsen (Deutschland : Konzentrationslager)
Beten (Zeugen Jehovas) in den Lagern
christliche Identität
Deutschland 1945 (1. Januar - 7. Mai)
Deutschland, Bundesrepublik 1949 (23. Mai) - 2003 (1. Januar)
Dokumente und Artefakte (Fotos) 1945
Einstellungen zu Adolf Hitler und/oder der Nazi-Partei
Ernährung in den Lagern
Ernährung in Gefängnissen
Fotografien (Fotos) 1941
Fotografien (Fotos) 1945
Fotografien (Fotos) Nachkriegszeit
Fotografien von Interviewten (Fotos)
Freundschaften
Gefängnisse
Gestapo-Personal
Gütersloh (Deutschland)
Häftlinge, Zeugen Jehovas
Hilfe in den Lagern
Hilfe: bevorzugte Behandlung
Identität von Zeugen Jehovas
Kannibalismus
Kenntnis von Massenmorden
klandestine Aktivitäten in Gefängnissen
Kontakt mit Häftlingen
Kontakt mit nahestehenden Personen
Konzentrationslager/Ghettos nach der Befreiung
Kramer, Josef
Krankheiten in den Lagern
Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen
Lagerappell
Lagerhospitäler
Lebensbedingungen in den Lagern
Leichen
Leichen in den Lagern
Leichen während der Transporte
Lódz (Polen : Woiwodschaft)
Lodz (Polen)
medizinische Experimente in den Lagern
medizinische Versorgung in den Lagern
missionarische Aktivitäten (Zeugen Jehovas)
Mitglieder von SS/SD
Poddebice (Polen)
Poland 1918 (November 11) - 1939 (August 31)
Polen 1939 (1. September- 31. Dezember)
Polen 1941
Polen 1941 (2. Juni) - 1944 (21. Juli)
Polen 1941 (21. Juni) - 1945 (7. Mai)
Polen 1945 (1. Januar - 7. Mai)
Polen 1945 (8. Mai) - 2000 (1. Januar)
psychologische Reaktionen auf das Gefängnisleben
religiöse Texte (christlich)
religiöse Überzeugungen und Lehren (Zeugen Jehovas)
sanitäre und hygienische Bedingungen in den Lagern
Schulen
Soldaten, britisch
Todesmärsche
Transport aus Auschwitz (Polen : Konzentrationslager)(*)
Transport aus Gefängnissen
Transport nach Auschwitz (Polen : Konzentrationslager)
Transport nach Bergen-Belsen (Deutschland : Konzentrationslager)
Transportbedingungen
Transporte, Transportmittel
Typhus
Verhaftungen von Zeugen Jehovas
Volksdeutsche
Wachen : Transporte
Widerstand, gewaltloser
Wohnungen, Häuser der Familie
Wohnverhältnisse in Gefängnissen
Züge, Fracht-
Züge, Passagier-
Zwangsarbeit in den Lagern
Zwangsarbeit: persönliche Dienstleistungen
Brüder Richard Lange
Brüder, leiblich Eugen Lange
Brüder, leiblich Reinhard Lange
Ehemänner Henryk Ciecierski
Enkel Martin Olegschewich
Enkel Lukas Ciecierski
Enkel Fabian Ciecierski
Enkel Dominik Ciecierski
Enkelinnen Ilona Olegschewich
Enkelinnen Kamille Ciecierski
Enkelinnen Tina Ciecierski
Freunde Wilhelm Streich
Freunde Else Streich
Interviewer Marilyn Schapiro
Interviewte Martha Ciecierski
Mütter, leiblich Olga Lange
Schwestern, leiblich Elsa Lange
Schwestern, leiblich Eugenia Lange
Schwestern, leiblich Helena Lange
Söhne, leiblich Leslav Ciecierski
Söhne, leiblich Markus Ciecierski
SS/ SD-Personal Hoffmann*
SS/ SD-Personal Engelbrecht*
Töchter, leiblich Halina Olegschevich
Väter Edward Lange