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<Tape 1, AL spricht österreichisches Deutsch> INT: Mein Name ist Paul Rachler. Ich führe das Interview mit Herrn Anton Letonja. Der Interviewort ist Wien und heute ist der 23. Juli 1998. KAM: (unverständlich) INT: Darf ich Sie bitten, Ihren Namen zu sagen, Ihr Geburtsdatum und wie alt Sie heute sind. AL: Ich=äh heiße Anton Letonja. Ich bin am 19.04.


Segment [1]
Zur Person
Zum Interview
Anton Letonja
* in Österreich - Leoben
Überlebende Zeugen Jehovas
interviewt am 23.07.1998 in Wien - Österreich
Sprache Deutsch
Länge 01:00:39
Interviewer(in) Paul Rachler
Kamera Oskar Goldberger
Transkription Mikko Linnemann
Code 44281
<Tape 1, AL spricht österreichisches Deutsch> INT: Mein Name ist Paul Rachler. Ich führe das Interview mit Herrn Anton Letonja. Der Interviewort ist Wien und heute ist der 23. Juli 1998. KAM: (unverständlich) INT: Darf ich Sie bitten, Ihren Namen zu sagen, Ihr Geburtsdatum und wie alt Sie heute sind. AL: Ich=äh heiße Anton Letonja. Ich bin am 19.04.
1919 geboren. Das bedeutet, ich bin heute 79 Jahre alt. INT: Herr Letonja, könnten Sie mir aus Ihrer Jugend erzählen. AL: Ja. Wie bereits gesagt, ich bin 1919 geboren. Mein Vater war Bergmann in Leun. Im Jahre 1924 emigrierte er aus Österreich, wir wohnten damals in Leun, nach Frankreich, weil=äh er Bergmann war und dort gab es viele Kohlenbergwerke. So bin ich in Frankreich aufgewachsen, ich bin dann dort zur Schule gegangen und=äh meine Mutter war sehr katholisch, mein Vo-, mein Vater wollte das nicht und dann kamen Zeugen Jehovas zu unserer Tür und da fragte die Mutter: „Muss ich bei euch in eine Kirche gehen?“ Und der Zeuge Jehova sagte: „Nein. Bei uns gibt es keine Kirche. Wir haben Säle, Zusammenkunftssäle, wo wir lernen“ und so wurde meine Mutter eine Zeugin Jehovas und wir Kinder
mit ihr mit. Der Vater wurde nie ein Zeuge Jehovas. INT: War Ihr Vater religiös? AL: Nee, mein Vater war politisch angehaucht, der war Sozialdemokrat. Und=äh im Jahre 31 [1931] trennen sich meine Eltern dann, meine Mutter. Und ich_. Wir, (--) äh, gingen zurück nach Österreich. Ich hatte auch einen Bruder und eine Schwester. INT: In welchem Jahr gingen Sie zurück nach Österreich? AL: 1931. Meine Schwester heiratete in Frankreich, auch einen Zeugen Jehovas und mein Bruder blieb allein nach Frankrei-, in Frankreich zurück, weil meine Schwester auch nach Österreich zurück kam. Und so lebten meine Mutter und ich alleine hier in Österreich und meine Mutter sorgte für mich. Mein Bruder erlernte das Handwerk, das heißt das Gewerke vom Uhrmacher, und=äh (--) es war dann so, dass er sich auf die
Musik konzentrierte und er war Berufsmusiker und fristete sein Leben mit der Musik. Es ist doch so, dass er neun Jahre von sich nichts hören ließ und wir dachten, es gibt ihn nicht mehr. INT: In welchem [welcher] Zeit war das dann? AL: Das war von 1 <räuspert sich>, das war von 31 [1931] bis 39 [1939], als der Krieg anfing, 2. Weltkrieg. INT: Wo war Ihr Bruder da, in welch-? AL: Mein Bruder war in Frankreich. INT: Wissen Sie wo? AL: Ja. Auch im Norden, Calais. Und=äh es war dann so, dass er (--) sah, wie es in Deutschland den Leuten gut ging, da engagierte er sich als illegaler Nazi und die Franzosen haben ihn dann erwischt und haben ihn eingesperrt. Er war z-, so zusagen als illegaler Nazi in Frankreich
in Haft. || Und_. // INT: In welchem ||| Jahr wurde er eingesperrt? /// Äh, 18-, äh, 19 (-) 40 [1940], 39 [1939], ich weiß es nicht ganz genau. INT: Welche Staatsbürgerschaft hatte Ihr Bruder? AL: Er war eigentlich staatenlos, auch. Wir haben alle die Staatsbürgerschaft verloren, weil wir in Frankreich lebten und hier in Österreich uns darum nicht mehr kümmerten, im Gegenteil. Und im Jahre 41 [1941] als Hitler dann in Deutschland [Frankreich] einmarschierte, so haben die deutschen Armeen meinen Bruder befreit und dadurch, dass er für die Deutschen gekämpft hatte, illegal war, und=äh (-) er war auch ein sehr fähiger Mann. Man hat ihn dann=äh_. Er schrieb uns auf alle Fälle, „Ich sitze nun an der ersten Kommandantur in Paris und habe eine prominente Stelle.“ INT: Wissen Sie in welcher Funktion Ihr Bruder illegal gearbeitet hat, für Deutschland? AL: Ich weiß eigentlich weniger dafü-, davon, aber (-)
(-) auf alle Fälle hat er Propaganda gemacht, für Hitler, für die Deutschen. INT: Wenn ich ganz kurz zurückkommen darf, zu der Zeit, äh, als Sie mit Ihrem Vater im Bergbaugebiet gelebt haben. // AL: Ja. /// Äh, woraus hat sich die Mehrzahl der Bergleute zusammengesetzt? Aus welchen Nationalitäten? AL: Oh, da waren Polen, da waren Jugoslawen, Deutsche, Österreicher, von allen Nationen. Und=äh ich ging damals zur Schule, ich=äh (-) wollte in der Schule-, ich ging dann in die Hauptschule. // INT: Welche Sprache? In || welcher Sprache? /// Wir, wir waren ||| Fran-, wir haben Fran-, Französischunterricht gehabt. /// INT: Und welche Sprache sprachen Sie zu Hause? /// Deutsch. Ja. Und=äh ich wollte dann in der Schule Deutsch lernen, weil ich hatte keine Schule in der deutschen Sprache. Aber das Deutsch war in den Schulen verboten. // INT: Warum? /// Ja, weil Deutschland und Frankreich große Feinde waren. Und man konnte irgendeine Sprache lernen und so habe ich
in der Schule Slowenisch gelernt, weil es viele Slowener [Slowenen] gab, mit denen man reden konnte. Und natürlich die Grundsprache war Französisch. INT: In welcher Stadt war das? AL: Das war in Liévin, im Pas-de-Calais, im Norden von Frankreich. INT: (---) Nachdem Sie dann mit Ihrer Mutter nach Österreich zurückgekommen sind, haben Sie da eine Staatsbürgerschaft, sich für eine Staatsbürgerschaft interessiert? AL: Nee. Wir wollten, das heißt meine Mutter, für sie war das nicht so wichtig, aber für mich. Ich wollte staatenlos bleiben. Und deswegen, als dann Hitler in Österreich reinmarschiert ist, war ich staatenlos. Und damals verlangte man von mir, dass ich zum Steirischen Heimatsbund trete. // INT: Was war das? /// Ja, das war (-) eine politische Angelegenheit, sobald man zum Steirischen Heimatsbund trat, wurde man Deutscher.
Und dann wurde man gleich einberufen. Und ich wollte kein Deutscher werden, damit man mich nicht einberuft. Und dann hat man mich zur [zum] Polizeikommando geholt und hat man mir das vorgelegt, dass ich=äh zum Steirischen Heimatsbund, Heimatsbund gehen sollte. Und ich sagte: „Ich möchte das nicht“, ich musste dann ein Protokoll ausfüllen und unten hinschreiben „Trete nicht zum Steirischen Heimatsbund, wünsche staatenlos zu bleiben.“ Und dann sagte man mir, dass ich eben nach Dachau kommen würde. INT: Das war in welchem Jahr, 19_? AL: Das war gleich nachdem Hitler in Deutschland, in Österreich reinmarschiert war, so 39 [1939]. INT: Hatten Sie in Österreich vor 1938 Probleme als Staatenloser? AL: Nee, eigentlich nicht. Nur weil wir Zeugen Jehovas waren, das heißt ich, war es nicht so einfach irgendein Posten, irgendeine Stelle zu bekommen. INT: Wann wurden Sie Zeuge Jehovas? AL: Ich wurde_. Also, ich ging zum ersten Mal
predigen 1937, da war Hitler noch nicht in Österreich gewesen. Aber dann_. Hitler ist im [am] 15. März 38 [1938] in Österreich einmarschiert und am 8. April [1938] schon in der Verbotszeit, wurde ich dann als Zeuge Jehovas getauft. Und wir, wir mussten das im Geheimen tun. Es war so, das war in Graz, äh, am Berg oben in Graz wohnte ein älteres Ehepaar in so einem einfachen Haus mit einem Garten und sechs Hunde hatten diese Leute, sie waren Zeugen Jehovas. Und=äh da hatten wir das so organisiert, dass um 12 Uhr in der Nacht kam einer von den Zeugen Jehovas und hat uns eine Ansprache für die Taufe gehalten. Und=äh die sechs Hunde waren draußen im Garten rundherum und die haben auf uns aufgepasst, dass niemand von der
SA oder von irgendeiner politischen Truppe zu uns reinkommen könnte. Aber wenn jemand gekommen wäre, dann hätten die Hunde das sofort alarmiert und wir hätten halt schnell a [ein] Spiel oder irgendetwas anderes gemacht. INT: War das (-) eine illegale Aktion? War das erlaubt? || Die Taufe? /// AL: Nee. ||| /// AL: Nee, das_. Also von den Nazis war das streng verboten, die hätten uns alle sofort verhaftet und in ein Lager geschickt. INT: Waren Sie vor 1938 auch verfolgt? AL: Nee. Äh, ich hatte nur die Nachteile, dass ich=äh, weil ich zu keiner Partei gegangen bin und dass ich=äh nicht=äh eine besondere Ausbildung mir auswählen konnte. Dass ich noch von meiner Taufe was hinzufüge. Wir hatten dann die Taufe, so 500 Meter weiter unten, bei einer anderen Zeug-, Zeugin Jehovas. Und die hatte, äh, in der Waschküche warmes Wasser gemacht und wir wurden dann_. Wir marschierten einer nach dem anderen von oben hinunter und wir wurden
dann im Wasser untergetaucht, das heißt, getauft so wie Jesus es gelehrt hatte. INT: Da waren Sie nie_. Waren Sie alleine bei dieser Taufe? AL: Nein, wir waren zu zwölft. Aber wir durften nicht alle auf einmal hinunter gehen, wir mussten so alle 10 Minuten einer nach dem anderen hinunter gehen und aufpassen, dass uns <schmunzelt> nicht jemand erwischt. INT: Kannten Sie die anderen? AL: Ja. Meine Mutter war auch dabei. (--) Und so bin ich Zeuge Jehovas geworden und im Nationalsozialismus, äh, war ja das Predigen verboten, aber wir haben jede Gelegenheit wahrgenommen, um im Geheimen irgendwie zu predigen. Und=äh_. // INT: Wie ist das vor sich gegangen? /// Na ja, man hat über die Verhältnisse gesprochen und „Wie glauben Sie, wie das weiter gehen soll?" und „Na ja, so und so und so, wissen Sie, ich lese sehr viel in der Bibel und die Bibel weist uns eine wunderbare Hoffnung. Sie zeigt, dass Gott das Böse weckt und wird_. Und dass, dass Jes-, dass Jesus beten lehrte 'Dein Reich oder dein Königreich komme', dass das Wirklichkeit werden wird
und daran glauben wir. Und darum beteiligen wir uns nicht am System der heutigen Zeit“, der damaligen Zeit, „der heutigen Welt.“ Und-, oder wenn die Leute am Friedhof waren, dann hat man sie angesprochen „Welche Hoffnung haben wir denn für unsere lieben Verstorbenen? Einige glauben, die Guten gehen in den Himmel, die Mittleren gehen ins Fegefeuer, die Bösen in die Hölle. Glauben Sie, dass Gott böse Menschen, wenn sie fünfzig Jahre böse waren, sie dann ewig quälen wirde-, würde?“ Und so haben wir mit den Leuten angefangen über die Hoffnung zu reden, die die Bibel uns lehrte. Und=äh (-) eigentlich hatten wir viel Erfolg, viele wurden hörig. // INT: Konnten Sie Anhänger gewinnen? /// Also direkt zu der Zeit nicht. Aber die Leute waren sehr interessiert, es war auch sehr schwierig, neue Personen gleich in unsere Aktivität einzuführen. (-) Und da musste schon jemand ganz besonders
interessiert sein, dass das der Fall war, weil wir konnten einer dem anderen nicht-, den anderen nicht verraten, weder dieses oder jenes. Wir waren da sehr vorsichtig. INT: Wie hielten Sie Kontakt untereinander? AL: <räuspert sich> Ja, wir hatten, hatten uns nur privat getroffen. Zum Beispiel=äh da war einer von Graz, ein gewisser Herr Wohinz, er war auch ein Zeuge Jehovas, der fuhr 40 Kilometer mit dem Fahrrad jede Woche einmal zu mir, ich hab da in der Untersteiermark gewohnt, um mit mir über die Bibel zu sprechen und um mir einen neuen Wachtturm zu bringen oder mit mir den Wachtturm zu lesen, auch zu beten. Und so als Gruppe trafen wir uns nicht, wir hatten nur so Einzelne, uns gegenseitig besucht und ermuntert. INT: Woher hat man den Wachtturm bezogen? AL: Ja, <lacht> das war gut organisiert. Das ging alles unterirdisch, im Geheimen.
(-) Es waren einige, die damit beauftragt waren. Irgendwie kam der Wachtturm von Deutschland, von der Schweiz. Man hat ihn dann hier bei uns vervielfältigt oder abgeschrieben und hat das dann so unter uns verteilt, weil in größeren Mengen war das nicht möglich. INT: Was waren Ihre Hauptaktivitäten in dieser Arbeit? AL: Also, als Zeuge Jehovas=äh war, dass ich ein entsprechendes, gottwohlgefälliges Leben führe, dass ich meinen Geist nähre mit biblischer Wahrheit. Die Bibel sagt „Kein Teil der Welt zu sein“, mit den politischen Angelegenheiten nicht mit zu tun, auch mit den religiösen nicht. Auch was Moral betrifft, musste man ein reines, sauberes Leben führen und wir haben uns bemüht, das zu tun und so lange man das getan hat, und das hat man getan, dann war man zufrieden und glücklich, auch wenn es Probleme und Sorgen gab. || Ich würd-_.
// INT: Gab, ||| gab es die? /// Oh ja, die gab es auch. Im Jahre 43 [1943], ich war ja staatenlos und ich habe unterschrieben, dass ich kein-, zum Steirischen Heimatsbund nicht beitrete. „Ich wünsche staatenlos zu bleiben“ und im Jahre 43 [1943] habe ich-, da wurden alle, alt und jung und Mann und krank und alles, was da war, wurden einberufen vum-, zum Volkssturm. Und unter diesen war ich auch. Und ich habe die Einladung, die Vorladung bekommen und da steht auf der Karte unten „Wenn Sie nicht vorg-, äh, erscheinen, wenn Sie, werden Sie vorgeführt und bestraft.“ Und da habe ich gedacht, mustern kann ich mich ja lassen, ist ja kein Problem, man untersucht mich nur. Ich mache da kein Kompromiss oder was. Und dann gehe ich. Die Musterung war in Leipnitz und=äh an der Tür dort zur Musterung war ein Plakat angebracht „Musterung für alle freiwilligen Ausländer.“ Und dann sag ich: „Nein,
<schüttelt den Kopf> ich gehe nicht freiwillig.“ INT: Wieso freiwillige Ausländer? AL: Die schrieben das hin. Das stand dort an der Tür, muss-, wahrscheinlich waren || mehrere_. // INT: Waren ||| Sie Ausländer? /// Staatenlos. Als Staatenloser war ich kein Österreicher, äh Deutscher, damals, ne. Und so hab ich gesagt: „Na, freiwillig lasse ich mich nicht mustern“ und hab die Musterung verweigert und man hat mich dann eingesperrt, am selben Tag noch. // INT: Wie haben Sie die Musterung verweigert? /// Ich hab mich einfach nicht auchge-, ausgezogen und hab gsagt: „Nein, ich-, machen Sie mit mir, was Sie wollen, ich lass mich nicht mustern.“ // INT: Was ist dann passiert? /// Ja, dann haben sie mich gleich eingesperrt, dort. // INT: Wer hat Sie eingesperrt? /// Äh, die Musterungskommission, dort. Man hat mich gleich ins Gefängnis dort, war gleich in der Nähe, gebracht. Und=äh, mein Chef, ich war zur Zeit Kellermeister im Schloss Gamlitz bei Melcher, <räuspert sich> mein Chef hatte mich sehr gern, ich war fleißig und ich konnte was, ich-, in
meinem Beruf. Und da hat man ihn verständigt, dass ich eingesperrt wurde und nicht mehr nach Hause komme. Und dann hat der das irgendwie organisiert und ich wurde am selben Tag noch freigelassen und konnte wieder nach Hause gehen, zu meiner Arbeit. Das war 43 [1943], im März. Und von der Zeit an war ich unter doppelter Bewachung, man hat mich immer verfolgt und gschaut, was ich mach, wo ich hingeh, || was ich tu. // INT: Wer_. ||| Wer hat das gemacht? /// Die Gendarmerie, im Geheimen, die Behörde, die haben mich beobachtet, was ich mache. // INT: Woher wussten Sie das? /// Das habe ich nachher erfahren. Das wusste ich vorher nicht. Und dann=äh hat man mich_. Mittlerweile war das so, dass mein Bruder hingerichtet wurde, ich komme später noch darauf hin, hingerichtet wurde als Zeuge Jehovas, weil er Militärdienst verweigert hatte. Und da kam mein Chef zu mir <räuspert sich> und
sagt: „Hast du einen Bruder?“, er wusste das nicht, sag ich: „Ja“, sag ich: „Und=äh_“, sagt er: „Und wo ist er?“, sag: „Er wurde gerade in Brandenburg erschossen, weil er den Militärdienst verweigert hat“ und dann sagte er zu mir: „Gib Acht, ich habe das erfahren. Man beobachtet dich jetzt“. Mein Chef war sehr gut zu mir. Und so blieb ich dann noch bei meiner Arbeit bis 6. Oktober 43 [1943] und dann plötzlich von der Arbeit holt man mich weg und=äh die Polizeibeamten und die Herren, die früher bei mir immer in der Kellerei Wein getrunken haben und so, sich mit mir gut verstanden haben, die sagten plötzlich „Sie“ zu mir. „Wo haben Sie Ihre Wohnung?“ Dann führte mi-, ich, ich ihn in meine Wohnung, dann hat er meine Wohnung durchsucht und sagte: „Ich muss Sie nämlich verhaften.“ // INT: Kannten Sie den Polizisten? /// Ja, ja, war gut Freund mit ihm, der war der Postenkommandant von
Gamlitz. Wir waren oft, oft beisammen und so. Und dann sagte ich || warum und so, // INT: Wu-, wu-, wu-_. ||| /// aber er gab mir da keine Auskunft. // INT: Wusste er, dass Sie Zeuge Jehovas waren, vorher? /// Ja, sicher. Sicher wusste er das. // INT: Haben Sie das besprochen mit ihm? /// Nein, das wusste die ganze Gemeinde, weil wir schon vor dem Krieg noch in unserem Bekanntenkreis als Bibelforscher bekannt waren und das wussten sie alle. Als wir von Frankreich zurückgekommen sind, meine Mutter hat angefangen zu reden und zu predigen. Und=äh wir haben auch mit Geistlichen von dort gesprochen, ich war als solch einer bekannt. Und=äh na ja, dann wurde ich verhaftet, nach Graz geführt, Paulustor, Gefängnis und_, aber niemand sagte mir, warum. Ich war vielleicht so acht Tage im Gefängnis dort, dann hör ich, dass jemand kommt und meinen Namen Letonja nannte, dann wusste ich, man kommt zu mir. (-)
(-) Und da geht die Tür auf, „Komm heraus“ und sagt er: „Warum bist du denn da?“, sag: „Keine Ahnung. Man hat mir nix ges-_.“ Ich ahnte, aber ich würd nicht sagen, weil ich das und das, würd ich nicht sagen. Sagt er: „Warum bist du da?“, sag ich: „Ich weiß es nicht. Man hat mich nicht beschuldigt.“ „Hast du Arbeit verweigert?“ „Nein.“ „Hast du eingepanscht?“ „Nein.“ „Äh, hast du irg-, gestohlen, irgendwas?“, sag ich: „Nein.“ „Ja, warum bist denn du da? Warum bist du dann hier?“, sag ich: „Ich weiß es nicht“ und in dem Moment bekam ich mit der Faust eine Ohrfeige, dass ich so wie ich gestanden bin, gefallen bin. Und dann bin ich wieder aufgestanden und dann sagte er: „Weißt du jetzt, warum du da bist?“, da war ich aber schon gefasst, dass ich nicht noch mal hinfall, da sag ich: „Nein, ich weiß es nicht“ und da habe ich wieder eine bekommen. Und da sagte er: „Weiß-,
weißte's jetzt?“, sage ich: „Nein, ich weiß es nicht. Sie können mich erschlagen, ich weiß es nicht. Man hat es mir nicht gesagt.“ Und dann hat er noch mit mir eine Zeit lang geredet und mich wieder zurück hinein. Und_. // INT: Wer, wer war das? /// Das war ein=äh, ein=äh, von der SS. Eine höhere Persönlichkeit, einen höheren Grad an Verantwortung. <räuspert sich> Wie er hieß oder so, das wusste ich nicht. Und dann war ich noch zwei, drei Tage dort im Paulustor, dann hat man mich nach Wie-, dann war ich hier im (unverständlich). // INT: Sind Sie verhört worden in Graz, vor_? /// Nee, gar nichts. Nur das, was ich jetzt erzählt habe, man hat mich 16 Monate lang nicht verhört. || Und ich_. // INT: Was haben ||| Sie die 8 Tage gemacht? /// Ich war einfach in der Zelle. // INT: Waren Sie alleine? /// Nee, da war ein zweiter Mann drinnen. Nicht immer der selbe, aber man ist gekommen und || wieder gegangen. // INT: Warum ||| war der drinnen? /// Verbrecher oder Hochverrat, oder irgendwas.
Und dann=äh kam ich nach Wien und dann von Wien nach München, München ins Polizeipräsidium. // INT: Wie lange waren Sie in Wien? /// In Wien vielleicht auch nur eine Woche, nicht lang. Dann gleich_. // INT: Wurden Sie da verhört? /// Nein. Ich wurde dann nur von Wien in einem Viehwagon mit anderen Häftlingen, Männern, Frauen, aller Rassen, alle Sprachen zusammen, wir waren da zusammen gepfercht, wir konnten nicht sitzen, <schmunzelt> nicht richtig stehen, nicht richtig liegen. Wir waren da in einem Wagon zusammen, da sind wir bis nach München und dort in München hat man uns dann heraus, ins Polizeipräsidium hinein. // INT: Wie lange war diese Fahrt von Wien nach München? /// Hm, weiß ich nicht. <schmunzelt> Ein Tag, ziemlich_. Kann nicht genau sagen. (--) Und dann war das so, dass ich vom Polizeipräsidium, wir_. Mein Schwager war zufällig auch dort
im || Polizeipräsidium. // INT: Wo? ||| /// Der war am 30. August [1943] verhaftet worden und ich am 6. Oktober [1943]. Und da sah ich vom Fernster aus hinunter meinen Schwager im Hof. Und dann wusste ich, dass er da ist. Und am Abend war's schon ziemlich spät, wie man uns hinein, äh, gebracht hat, ins Gefängnis dort, aber wir standen unter Verdunkelungsgefahr. Wissen Sie, was das bedeutet? Verdunkelungsgefahr wär-, war, dass man nicht mit jemand zusammenkommen darf, mit dem man im gleichen Fall verwickelt ist. Und da kam ich aber mit meinem Schwager, wir haben uns da getroffen und waren eine ganze Nacht beisammen. // INT: Wie haben Sie das gemacht? /// Ja, man hat uns beide in die <lacht> selbe Zelle hineingebracht. Da habe ich gar nix gemacht. Das war Zufall. Und dann war ich mit meinem Schwager da beisammen und wir_. Sein Interesse war natürlich: „Wie geht's meiner Frau? Wie geht's der Beppi (nach Gehör) und so und so?“ // INT: Ihr Schwager war welcher Religion? ///
Zeuge Jehovas. // INT: Aus welchem Grund war er verhaftet? /// Er war deswegen verhaftet, weil er in der Verbotszeit für die Witwen, hinterbliebenen Witwen, einzelnstehende Personen von Zeugen Jehovas, weil er sie unterstützt hat. Er hat sozusagen untergrundorganisiert gesammelt und verteilt, für Zeugen Jehovas. Und da hat man ihn dabei erwischt. Das Gleiche mit Zeitschriften, Wachtturm - Erwachet, wie auch in finanzieller Hinsicht. Und da waren wir da beisammen und (-) wir sind dann beide, aber nicht mehr zusammen, nach Stadelheim, München überliefert worden und weil ich Französisch spreche und da waren gerade Franzosen dort, äh, Eingang dort in der B-, äh in der Kanzlei, im Büro und ich hab mich gleich wichtig gemacht und hab gleich übersetzt <lächelt>. // INT: Was für Franzosen? /// Äh, Kriegsgefangene, Häftlinge. Und ich hab gleich übersetzt.
Und die haben gesehen, man kann mich gebrauchen, man hat mich dann dort behalten und ich war dann sechs-, sechzehn Monate in Stadelheim als Dolmetscher, (--) dort im Gefängnis. Ich hätte nach, in ein=äh, in ein Kun-, in ein=äh, äh anderes Lager weiter gebracht werden sollen, im KZ. Aber ich bin eben, weil man mich gebraucht hat, wahrscheinlich, bin ich dort geblieben und so war ich dort. Man hat mich nie verhandelt, nie gefragt, nie angeklagt, in der ganzen Zeit nicht. Und kurz vorm Ende des Weltkrieges, es war dann, äh März, Anfang April [1945], da hörte ich dann, dass ich=äh verhandelt werde. Und dann hat mich ein=äh Beamter, Soldat, hat mich geholt zur Verhandlung und=äh_, natürlich mit Ketten, mit Schellen und so hat er mich geführt.
Sagt er: „Warum bistn da?“, sag ich: „Ich weiß es nicht“, sag ich: „Ich bin Zeuge Jehovas, aber warum ich da bin, weiß ich nicht.“ „Oh“, sagt er, „du bist Bibelforscher, da braucht man dann die Ketten net. Du gehst mir net davon.“ Der hat mich losgelassen und wir sind miteinander <lächelt> zum Gerichts_. // INT: Warum hat er das gemacht? /// Na ja, er kannte Zeugen Jehovas und er wusste, dass Zeugen Jehovas nicht weglaufen. Wir sind ja da, wir hätten unterschreiben müssen. Also ich ja nicht, weil ich wurde noch nie verhandelt, der kannte viele andere. Und der wusste, dass ich nicht weglaufen werde. Und wie ich dann zur Verhandlung kam_. // INT: In welchem Jahr war das? /// Da-, die Verhandlung war im Jahre, äh, 45 [1945], (-) Anfang April. INT: Was ist vor der Verhandlung passiert die ganze Zeit? AL: Gar nix. Ich hab nur dort gearbeitet im Gefängnis, ich hab-, ich war frei den ganzen Tag, ich war in der Kanzlei, ich habe gedolmetscht, ich habe Papier geordnet, ich hab das und jenes gemacht.
Ich hatte es im Vel-, Verhältnis nicht so schlimm. INT: Was für Dolmetscheraufgaben mussten Sie übernehmen? AL: Nun ja, wenn Franzosen kamen, dass ich übersetz, warum sie da sind und wie das weiter geht und was mit ihnen werden soll und so weiter, sozusagen über den ganzen Tag in der Aufnahmekanzlei bei den Leuten. (--) Und auch so-, <räuspert sich> dann (-) bei der Verhandlung, mein Name, Protokoll und so und so und so und so. Aber keine Anklage. Und dann hat man mich gefragt: „Würden Sie Militärdienst leisten?“ Sag ich: „Warum fragt man mich? Ich bin ja gar nicht gemustert.“ Und das war mein Glück. (--) „Geben Sie mir die Einberufung, dann muss ich Antwort geben.“ „Würden Sie Militärdienst leisten, ja oder nein?“ Sag ich: „Schaun Sie mal, einem Häftling ist es verboten, eine Uniform für Hitler zu tragen. Einem Häftling ist es verboten, Heil Hitler zu grüßen. Und ich bin noch dazu staatenlos. Warum
fragt man mich? Geben Sie mir die Einberufung und wenn Sie mir die Einberufung geben, dann muss ich antworten, ja oder nein. Aber solange die-, ich die Einberufung nicht hat, weiß ich nicht, wie ich mich morgen entscheiden werde.“ Und so habe ich mich (-) halt herausgewurschtelt und dann bin ich=äh hinaus vom Gerichtssaal dort und man hat mir gesagt, dass ich=äh nicht in ein KZ geschickt werde, sondern dass ich nach Hause gehen kann. Und dann war ich noch ein paar Tage dort, in Stadelheim, und dann hat man mich entlassen. Und dann bin ich von Stadelheim so mit Züge, Wagon, äh, normale Wagon, Personenzüge und so, bin ich nach Hause gefahren. INT: Woher hatten Sie das Geld her für die Heimfahrt? AL: Die [Das] Geld für die Heimfahrt_. Wir bekamen ja Bezahlung drinnen, ich weiß nicht wie viel=äh, wie viel Franken, oder was damals war, D-Mark, man bezahlt hat. Auf alle Fälle hatte ich einen sehr guten Beamten,
der hat mich sehr gerne gem-, gehabt. Der hat gesehen, ich war ein anständiger Mensch, ich lauf nicht weg. Der hat mich manches Mal an den Wochenenden auch genommen, um bei ihm im Garten zu arbeiten. // INT: Aus dem Gefängnis? /// Ja. Und am Abend hat er mich wieder heimgebracht und=äh bevor ich weg ging, bin ich persönlich zu ihm gegangen und hab mich bei ihm bedankt, noch, und hab noch eine Nacht bei ihm geschlafen und er hat mir auch noch weitere Unterstützung gegeben, um nach Hause zu fahren. Dann bin ich nach Hause gefahren und meine Schwester, (--) die war auch eine Zeugin Jehovas, als ich heim kam und ich klopf an, da geht die Tür auf, da schaut sie, „Anton, haste einen Kompromiss gemacht?“ Sag ich: „Wieso?“, „Ja, weil du schon da bist“, sag ich: „Nein, ich hab keinen Kompromiss gemacht.“ Und dann hab ich ihr erzählt, wie das war, dann hat sie sich gefreut, dass ich da war <lacht>. INT: Können wir hier kurz
unterbrechen, // AL: Ja. /// dass wir das Band wechseln können. AL: Ja. <Tape 1, Ende>
 
<Tape 2, spricht österreichisches Deutsch> INT: Interview mit Herrn Letonja, zweites Band. AL: Ich habe früher, bei 1945 aufgehört, als ich meine Schwester begegnete und=äh wir haben uns sehr gefreut, wieder daheim zu sein. Ihr Mann war ja bereits geköpft gewesen || und=äh_. // INT: Wann ist ||| das passiert? /// Ihr Mann wurde am=äh 10. Oktober 1944, also ein paar Monate vor Kriegsschluss, wurde er in Brandenburg geköpft. // INT: Warum? /// Weil er Zeuge Jehovas war und weil er die
hinterbliebenen Witwen oder andere Zeugen Jehovas unterstützt hat. Das war der Grund. Und meine Schwester freute sich sehr, dass ich da war und=äh (--) ich hab dann wieder bei Melcher im Schloss Gamlitz, wo ich war, angefangen, äh, mit meiner Tätigkeit. Ich hab dort wieder gearbeitet, hat sich gefreut, der Chef, dass ich wieder da war, er kannte mich von früher. Und da habe ich dann durch'n Weinhandel, kannte ich ja die ganze Umgebung und alle Mädchen und alle Leute. Und=äh da sah ich dann auf der Straße ein sehr nettes Mädchen, ich hab sie nie gesprochen, aber die kannte ich nicht, ich wusst nicht, wer sie ist. Und dann habe ich mir gedacht, „Wenn das eine Zeugin Jehovas wäre, die würde ich heiraten.“ Und dann gehe ich ihr nach. „Wo geht die hin?“ und dann ging sie zu einer and-, sie war Schullehrerin, meine Frau, dort an der Schule, da ging sie zu einer anderen Lehrerin,
die kannte ich auch und dann gehe ich hinein und hab mich einfach vorgestellt und gesagt: „Wissen Sie Fräulein, ich würde Ihnen gern von meinem Leben was erzählen“ und da sagte sie: „Ja, bis vier Uhr habe ich Schule, wir können uns um fünf Uhr treffen.“ Sie war Lehrerin an der Schule, an der Volksschule in Gamlitz. Und dann haben wir uns dort getroffen, um fünf Uhr und ich habe ihr das erzählt, mein [meinen] ganzen Lebenslauf, Gefängnis und so und so, die Bibel und so. Sie war aber, muss sagen, Parteimitglied, sie war Nazi. Und sie glaubt ja an Gott. Aber dann sagte sie zu mir: „Wenn nun die Bibel sagt, dass der Name Gottes Jehova ist, warum weißn-, wissen nur Sie das und ich nicht?“ „Ja“, sag ich: „Sie lesen die Bibel nicht. Sie müssen die Bibel lesen, dort steht es.“ „Ja“, sagt sie, „wenn das in der Bibel steht, dann müsste man das allen Menschen sagen. Alle mussten es wissen.“
Drei Monate später, sie wusste von meinem Plan nicht, dass, äh, sie mir sehr gefallen hat und so. Drei Monate später ging sie predigen von Haus zu Haus. Ein Jahr später wurde sie dann getauft und drei Jahre insgesamt später haben wir geheiratet. Nun sind wir fünfzig Jahre lang verheiratet, sehr glücklich und meine Frau ist eine sehr liebe Frau und=äh (-) wir waren dann in der Entscheidung, wollen wir, äh, uns weltliche Güter aneignen oder wollen wir uns dem Missionardienst widmen. Und da haben wir uns dann entschlossen, in den Missionardienst zu gehen, dass wir_. Wir haben 48 [1948] geheiratet, 43_ [1943], wir haben in Graz erst mal ein Haus gebaut und als das fertig war, wir keine Schulden mehr hatten, dann waren wir bereit in den Predigdienst zu gehen, sozusagen Vollzeitdienst zu predigen, hauptberuflich
diese Tätigkeit aufzunehmen. INT: In welchem Jahr haben Sie Ihre Frau kennengelernt? AL: 45 [1945]. INT: In welchem Monat, wissen Sie das noch? AL: Oh, ja. Mai, Juni, gleich nach_. // INT: Nach dem Kriegsende. /// Ja, ja. Ja, ja. Und dann=äh ein Jahr später, 46 [1946], ging sie predigen und 48 [1948] haben wir geheiratet. Und dann 43 [1943] haben wir uns für die Missionar-_, 50 [1950] haben wir uns für den Missionardienst entschieden. Wir_. Meine Frau konnte Englisch, ich nicht. Ich hab das Englische gelernt, dann und im Jahre 58 [1958] wurden wir dann von der Wachtturm-Gesellschaft nach New York zur Schule, zur Missionarschule eingeladen. Und dann wurden wir eingeladen und sind hin, haben diese Schule absolviert und sind dann wieder zurück nach Österreich, als Missionare, gesandt worden. Seit der Zeit arbeite ich hier in der Wachtturm-Gesellschaft, in der Gallgasse und=äh
ich war dann im Reisendendienst draußen, ich hab die einzelnen Versammlungen besucht und=äh ich war dann auch nach [in] Luxemburg, wurde ich gesandt, eben weil ich auch Französisch spreche, weil dort man sehr viel Französisch spricht. Und dann wurde ich wieder zurück nach Österreich geholt und hier_. Jetzt sind wir seit=äh 1966, sind wir hier in der Wachtturm-Gesellschaft im Büro, sozusagen im Zentrum, äh, der Zeugen Jehovas in Österreich tätig. || Und_. // INT: Sie haben ||| vorher_, Verzeihung. /// Ja, ich=äh mach zum Beispiel die ganze Buchhaltung hier, ich hab mich auch um-, trotz meines Alters, vollständig auf Computer umgestellt und meine Frau arbeitet in der Rezeption und wir sind sehr glücklich. INT: Sie haben vorher erzählt, Ihre Mutter war auch Zeugin Jehovas. // AL: Hmhm. /// Wie hat Ihre Mutter den Krieg überlebt? AL: Bei meiner Mutter war's so, wenn ich noch zurückreden darf, sie war
sehr katholisch. Und sie durfte aber vom Vater aus nicht in die Kirche gehen. Und nun kommen Zeugen Jehovas zur Tür und die Frage am Anfang meiner Mutter war: „Muss ich bei euch in die Kirche gehen?“ und dann sagte der, es war ein Pole, ein Zeuge Jehovas, der sagte: „Ach, in der Bibel steht geschrieben: ‚Gott wohnt nicht in Häusern von Menschen gebaut. Der Himmel ist mein Thron, die Erde der Schemel meiner Füße.‘ Sie können irgendwo Jehova-Gott anbeten.“ Sagt sie: „Den Glauben brauch ich.“ Und sofort war sie dafür entschieden, und, und hat sich dann für das interessiert, aber dann ging sie natürlich nicht in die Kirche, aber sie ging in die (-) Zusammenkünfte, in die Versammlungen der Zeugen Jehovas. Und das hat meinem Vater wieder nicht gepasst. // INT: In welch-, in_. Das war in welchem Land? /// In Frankreich. Dann hat der Vater gesagt: „Gut, du gehst (-)
(-) zu den Zeugen Jehovas, aber der Anton“, das bin ich, „der muss Ministrant werden.“ Obwohl er nicht an Gott glaubte, musste ich Ministrant werden und ich war drei Jahre lang Ministrant. Und so kannt ich die katholische Kirche und Zeugen Jehovas, ich hatte beide Wege kennengelernt, während der Woche ging ich ministrieren und am Sonntag ging ich mit der Mutter in die Versammlung. Und als ich dann selbst entscheidungskräftig war, dann habe ich mich für Zeugen Jehovas entschieden. INT: Was hat Ihre Mutter während des Krieges gemacht? AL: Also, meine Mutter, (--) äh, sie arbeitete bei Bekannten von ihr im Haushalt und so, sie hat für mich gesorgt, auch und (-) so als Taglöhner teilweise. Wir hatten ja keine Möglichkeit, weil wir Zeugen Jehovas waren, wir konnten nirgends unterkommen. Ich konnte keine Lehre bekommen und so haben wir halt da und dort gearbeitet und
die Mutter hat_. Und so hat sie uns ernährt. Das war verschiedentlich. INT: Haben Sie in der Zeit wie Sie, äh, in München in Haft waren, in irgendeiner Form sich religiös betätigen können? AL: Eigentlich nur, dass ich den Gefangenen gepredigt habe, ja. INT: Haben Sie Ma-, in Form schriftlicher Material || bekommen? // AL: Nee. ||| /// AL: Nee, wir hatten nur eine Bibel, die hatten wir von der Gefängnisbibliothek bekommen und die haben wir gelesen, aber andere Schriften hatte ich persönlich, obwohl es in anderen Fällen da sicher möglich war, war, bei uns in diesem Gefängnis war das nicht so. Ich ||| hatte // INT: Und_. ||| /// nur die Bibel. Und ich nutze jede Gelegenheit, um irgendeinem anderen Gefangenen zu predigen und ihm etwas zu erzählen. INT: Waren Sie in der Zeit der einzige Zeuge Jehovas? AL: Nee, ich habe dort mehrere kennengelernt, weil das war sozusagen ein Strafgefängnis oder Durchgangsgefängnis und es kamen viele durch und man hat sich gefreut, sie zu treffen und gefragt: „Wo bist du her
und warum bist du da und was hast du gemacht?“ und so. Aber so ständig, so Zusammenkünfte hatte ich persönlich dort im Gefängnis nicht. INT: (--) Trugen Sie Häftlingskleidung? AL: Ja, wir trugen Häftlingskleidung. Die hatten wir dort, äh, bekommen. INT: Auch wie Sie bei dem Wärter // AL: Ja. /// gearbeitet haben? AL: Ja, ja, ja. Das heißt, wir trugen nicht gezeichnete_. Ich hatte nicht diese blaue Uniform, die die Zeugen Jehovas_. Ich hatte auch nicht den lila Winkel, weil ich in einem Gefängnis und nicht in einem KZ war, aber dadurch, dass ich vorne in der Aufnahmekanzlei gearbeitet hab und die Möglichkeit hatte, mir auch selber Kleider auszusuchen, hab ich das gemacht, damit man einigermaßen auch da ausgesehen hat. // INT: Wo-, aussuchen, woher? || Woraus? /// Na, ||| es gab da Kleider für die Häftlinge, Mengen. Es war dort in Stadelheim, war auch,
äh, das Schafott. Und jeden Freitag, wurden dann=äh die Leute geköpft, jeden Freitag. Und die Beamten, die waren (--) manches Mal ganz roh und gemein. Sie sahen, sagten: „Heute ist wieder schwarzschlachten.“ Wissen Sie, was das bedeutet? Wenn zum Beispiel ein Bauer, der hat fünf Schweine gehabt und der musste die fünf Schweine anmelden und wenn er eines gehabt hat, ein sechstes, das nicht angemeldet war, das war schwarz. Und das, wenn er dieses dann geschlachtet war, da hat er dann das nicht melden müssen, nicht abliefern müssen, das war schwarzschlachten. Und so bezeichneten die Beamten dort das Hinrichten der Menschen. INT: Hat's da Misshandlungen gegeben? AL: Also dort weniger, ich habe nur oft Leute schreien gehört und so, aber_. (--) INT: Wurden Sie selbst misshandelt? AL: Nee, nicht weiter. Nur das,
was ich zu Beginn erzählt habe, wie ich da ein paar tüchtige Watschen gkriegt hab, sonst nicht. Aber (-) mein Schwager_. Wie bereits erwähnt, der hat sich um die, äh, verwitweten Frauen oder um arme Zeugen Jehovas gekümmert, der wurde eingesperrt und der wurde so geschlagen im Gefängnis, das habe ich selber gesehen, dass ihm die Wirbelsäule zu eitern begonnen hat. Man hat ihn sehr geschlagen. INT: Wo haben Sie das gesehen? AL: Das war dort in Stadelheim als wir, als ich hinkam. (--) INT: Wie lang waren Sie da mit ihm zusammen? AL: Ich war mit ihm in Stadelheim, äh, also dort, wie ich gesagt hab, im Polizeipräsidium eine Nacht und dann sind wir beide, äh, nach Stadelheim gekommen und dadurch, dass ich=äh (-) in der Aufnahmekanzlei war, ich hab sie im Hof spazieren gesehen, ich hab wus-, gewusst, wann er geht.
Und wenn's irgendwie möglich war, haben wir uns auch schnell ein paar Worte zugerufen: „Gibt's was Neues? Was macht Beppi?“, seine Frau oder so. Weil wir haben auch beide Briefe bekommen. INT: Konnten Sie || ihm irgendwie // AL: Und_. ||| /// helfen? AL: Ja, wir haben uns gegenseitig ermuntert. Nur eines Tages, ich weiß nicht was, nach zwei Monaten oder wann, drei Monaten, sagte: „Ich komme nach Berlin.“ Und da wusste ich, dass er abgeschoben wird, auch. Dann kam er nach Berlin und=äh, nach Brandenburg und dort wurde er geköpft. <bewegt> (---) Ja, ja, so war das. Aber vielleicht kann ich zurückgekommen ein wenig zur Geschichte von meinem Bruder. Mein Bruder hat mit mir und mit meiner Schwester damals in den 30er Jahren in Frankreich auch die Wahrheit sozusagen kennengelernt, die biblische Wahrheit, wie sie in Z-_. Er war auch als Zeuge Jehovas damals schon tätig. Meine Mutter und ich sind zurück nach Österreich, meine Schwester hat geheiratet.
Sie wurde dann nach Jugoslawien als Kolporteurin ausgesandt, zu Predigerin mit ihrem Mann. Und mein Bruder blieb in Frankreich. Und dann hat er zehn Jahre lang oder neun Jahre lang von sich nicht hören la-, nichts hören lassen und eines Tages, wie Hitler in Paris einmarschiert war, da bekommen wir eine offene Karte. „Liebe Mutter, liebe Geschwister, ich hoffe, ihr seid noch am Leben, ich komme gerade aus dem Gefängnis, ich bin kein Verbrecher, ich habe für Hitler Propaganda gemacht, die Franzosen haben mich eingesperrt und jetzt sind die Deutschen hier einmarschiert, die haben mich befreit. Ich sitze an erster Kommandantur hier in Paris und ich habe eine prominente Stelle“ und so. <räuspert sich> Und er kam dann immer wieder nach Graz zu uns auf Urlaub. INT: Wann haben Sie ihn das erste Mal gesehen, quasi wieder? AL: Vielleicht 42 [1942], Ende 41 [1941], 42 [1942], hab-, als er da war. Und dann,
äh, habe ich ihm_. Als er kam_. Ich habe ihm immer gepredigt, wie das: „Willi, schau, die Bibel sagt so, die Bibel sagt so.“ Sagt er: „Anton, Quatsch. Schau den Hitler, schau wie es in Deutschland den Leuten gut geht, schau den Blitzkrieg, wir werden die Welt erobern, wir werden die Herren der Welt, was willst denn, wo willst du denn hin?“ Und so hat er mir ge-, mit mir geredet und ich hab wieder gesagt: „Schau Willi, Jehova, so und so und das und das. Wirst sehn, Hitler geht mit seinem Weltma-, mit seiner Weltmacht zu Ende“ und so. Und so ging's hin und her. Und eines Tages, das war im (-) Februar 42 [1942], <räuspert sich> war er wieder da und wir haben gerade gesprochen und da gibt es bei uns ein Buch, das heißt Regierung und ein anderes, das heißt Feinde. Und das Buch Feinde beschreibt die ganze, den Inhalt der Prophezeiung
Daniels, die Weltmächte, Aufgang, Niedergang und so und so. Und da hab ich ihm das Buch Feinde mitgegeben zum Lesen und das hat er dann dort gelesen und als er das nächste Mal kam, sagte er: „Anton, ich bin am falschen Weg“, „Ja“, sag ich, „Willi, wieso? Jetzt ist's ja zu spät“, sagt er: „Nein. Die Bibel sagt, was du tust, das tu solange du lebst und noch lebe ich. Und ich kann tun was ich will.“ Sag ich: „Was willst du tun?“ Sagt: „Ich werde verweigern, weiter Soldat zu sein.“ || Und, // INT: In_. ||| /// und das hat er gemacht. Der ging zurück, hat seine Uniform in die Seine geworfen in Paris und hat sich ein Zivilkleider angezogen und wollte Richtung Schweiz marschieren. Und dort haben sie ihn erwischt. INT: In welcher, welchem Rang war er und in welcher Einheit? AL: Äh, also, (--) er war ZBV, zur besonderen Verwendung. // INT: Beim Militär oder bei der /// Beim Mili-, ne, beim Militär. // INT: Parteifunktion? ///
Bei_. Ja, beim Militär. Und=äh er war Unteroffizier, er war sehr (-) eingenommen von seiner Stellung. Auf alle Fälle hat er verweigert, weiter zu dienen. Man hat ihn erwischt und man hat ihn dann die Möglichkeit gegeben, weil er ZBV war, zur Frontbewährung sich zu melden, das bedeutet, gleich an die erste Front gestellt zu werden und da hätte er nicht mehr lange gelebt. Und da hat er gsagt, er tut das nicht, hat das verweigert, überhaupt. Man hat ihm mehrere Möglichkeiten gegeben, zurückzuziehen und, aber er hat sich entschlossen, den Weg weiter zu gehen, den er begonnen hatte. Dann wurde er, wie gesagt, vors Kriegsgericht gestellt und interessanter Weise, ich weiß nicht, wie das möglich war, wir hatten immer illegale, geheime Briefe von ihm bekommen. Wie er das gemacht hat, weiß ich heute nicht. INT: Über wen haben Sie diese Briefe bekommen? AL: <räuspert sich> Die er selber geschrieben hat. INT: Wer
hat Ihnen die gebracht? AL: Die Post. (-) Da hat er irgendjemand gehabt, einen Beamten oder irgendjemand, der ihm seine Briefe hinausgeschmuggelt hat oder so ähnlich muss es gewesen sein. Und so wussten wir, dass=äh er am 27. Juli [1942], ein paar Tage vorher habe ich den Brief bekommen oder nach-, nachher, 27. Juli [1942], dass er zum Tode verurteilt wurde und in diesem Brief steht, sein Wunsch ist noch, dass=äh meine Schwester oder ich ihn besuchen. Und da habe ich ihn am 8. August [1942], 27. [Juli 1942] wurde er zum Tode verurteilt. Am 28. August [1942] habe ich dann ihn besucht in Tegel, im Gefängnis Tegel, in Berlin. Und da hab ich ne Zeit lang in einer kleinen Kammer gewartet und man hat mich gefragt: „Sind Sie auch Bibelforscher?“ Sag ich: „Ja.“ Und dann warum ich noch da bin, sag ich: „Ich bin staatenlos.
(-) Ich bin kein Deutscher.“ Und drum war ich da und so. Und dann hab ich gedacht, mich werdens auch dort behalten. INT: In welchem Jahr war das? AL: Das war 42 [1942], als, als mein Bruder da-, dann hingerichtet wurde. Und da hat er dann, hab ich dann in dieser Kammer gewartet, plötzlich hab ich_. Ketten und Schlüssel (--) klirren und dann geht die Tür auf und dann hat ein Beamter ihn mit der Kette vorgeführt, er war gefesselt. Und=äh ich habe ihn gesehen und (-) dann sind mir die Tränen über die Wangen gerollt und dann sagt er: „Anton, warum weinst du? Das ist doch kein Grund zum Weinen. Das a Grund zur Freude. Schau Anton, ich hab jetzt zurück zu Jehova gefunden. Wenn ich für Jehova sterbe, dann gibt es für mich eine Auferstehung und wir sehen uns wieder. Wenn ich für Hitler sterbe, gibt es für mich keine Auferstehung, weil ich habe das gewusst
und hab das anders getan. Freu dich doch.“ Also hat er mich als Todeskandidat getröstet. Der hat keine Träne gemacht und wie er dann weg ging, ich hab zwanzig Minuten, hab ich mit ihm sprechen können, dann <winkt> hat er so die Hand und sagt: „Anton, auf Wiedersehen.“ Das war alles. Ich hab auch seine Briefe hier, die letzten, die er dann noch geschrieben hat. Der war so (-) überzeugt und stark in seinem Glauben. Für uns, die wir in Freiheit waren, eine Ermunterung. <seufzt> Ja, ja. (---) Ich habe auch hier, äh, das ganze Protokoll seiner Verhandlung, wo gezeigt, was für ein (-) wunderbarer Mann, wunderbarer Mensch er war. Und wenn wir ganz kurz einen Gedanken_. Da heißt es zum Beispiel: <liest vor> „Wenn auch dem Angeklagten seine
bisherige gute Führung zu Gute gehalten wird und nichts in Betracht gezogen werden kann, dass ich nun_“, äh, auf ihn schlecht auswirken würde, aber weil er eben Hochverrat, Militärdienstverweigerung und so, ist er zum Tode verurteilt gewesen. Aber da ist eine ganze Beschreibung, der ganze Ablauf der Verhandlung, die da, äh, damals stattgefunden hat. INT: Hat || Ihr Bruder // AL: Geschrieben wird_. ||| /// sonst Kontakt mit Zeugen Jehovas gehabt, außer mi-, durch Sie und Ihre Schwester und Ihre Mutter? AL: Also, meinem Schwager und mit mir, sonst nicht. Aber aus diesem Brie_. Wir dachten neun Jahre lang, äh, hatte er mit niemand Kontakt gehabt, aber aus seiner Anklageschrift geht herau-, äh, geht, äh, he-, heraus, dass er von Zeit zu Zeit mit Zeugen Jehovas verschiedentlich Kontakt hatte. INT: Das h-_. War er so sch-_. War er schon vorher mit Zeugen Jehovas in Kontakt? AL: Ja. // INT: Vor || dem Krieg? /// Ja, schon damals. ||| Ja,
mit meiner Mutter zusammen und mit mir, aber interessant ist noch der Gedanke wahrscheinlich, als er nach Österreich kam und=äh er sich dann entschlossen hat, Militärdienst zu verweigern. Er war kein getaufter Zeuge Jehovas, aber er wollte sich noch taufen lassen vorher. Und meine Schwester, die in Jugoslawien mit ihrem Mann Kolporteurin war, äh_. Als Hitler nach Jugoslawien kam, mussten sie auch aufhören. Jetzt hat meine Schwester unten sofort eine Hausmeisterwohnung angenommen und ihr Mann hat unterirdisch, im Geheimen, die Zeugen Jehovas unten in Agram betreut. Und da ist mein Mu-, mein Bruder dann von Graz noch nach Agram zu meiner Schwester gefahren, nach heutigem Zagreb, zu meiner Schwester gefahren und=äh dort wurde er dann als Zeuge Jehovas getauft. Und zwar ist das für uns eine unmögliche Sache heute, ein, ein Soldat wird sich als Zeuge Jehovas taufen lassen, aber
es war so. Und als er dann zurück kam, wie ich bereits erwähnt hat, habe, er war entschieden, diesen Weg zu gehen und keinen anderen. (7) INT: Haben Sie noch eine abschließende Bemerkung? AL: Ja, abschließende Bemerkung kann ich nur sagen, wenn ich noch mal geboren werden würde, ich würde den gleichen Weg gehen. Ich hatte viele Gelegen-heiten [Gelegenheiten], das zu ändern. Nur ein Beispiel. Ich ja_. Im Jahre 55 [1955] wurde ich von der Gesellschaft nach=äh Hartberg da unten in der Steiermark als Sondermissionar gesandt. Das bedeutet, dass man im Monat 150 Stunden predigt und man bekommt eine kleine Entschädigung, das war damals 500
Schilling pro Person. Natürlich hatte damals der Schilling mehr Wert als heute. Und=äh ich war durch meinen Beruf als Kellermeister sehr bekannt und als ich dann den Beruf aufgegeben habe und mich entschlossen habe, diesen Weg zu gehen, da kam ein anderer Weinhandlungsbesitzer zu mir und sagte: „Herr Letonja, was_. Kommen Sie zu mir. Ich kenne Sie vom Beruf her und vom Hören. Kommen Sie zu mir.“ Äh, sagt er: „Was verdienen Sie da jetzt?“ Sag: „500 Schilling, monatlich.“ Sagt er: „Kommen Sie zu mir, 5000. Kommen sie zu mir.“ „Wissen Sie Herr Meier, wenn ich Geld verdienen will, dann gehe zurück zu meiner Firma, weil die mir gut bezahlt, mich gut bezahlt. Aber ich will nicht Geld verdienen, ich möchte Menschenleben retten und predigen.“ Und so war's abgetan. Meine Frau hat sich darüber sehr gefreut, weil sie war, hat den selben Entschluss gehabt.
Und ich würde, ich würde mit niemanden, mit niemanden tauschen. Mein einziger Wunsch ist, (--) arbeiten zu dürfen, gesund zu bleiben, auch geistig und von Jehova gebraucht zu werden. (--) Und meine Frau hat den selben Gedanken, wir sind sehr glücklich darüber. (-) Sie wollten ja meine Frau auch noch etwas fragen. (--) INT: Das machen wir, glaube ich, später. AL: Das machen Sie später. Na ja, was soll ich Ihnen noch sagen. In meiner Tätigkeit als Zeuge Jehovas nach dem Krieg habe ich persönlich (-) ungefähr 55 Personen geholfen, Zeugen Jehovas zu werden. Und darunter waren intelligentere Personen und darunter sind auch Zigeuner, denen ich jetzt geholfen habe, weil ich habe im Jahre
72 [1972] angefangen, die serbokroatische Sprache zu lernen, nur damit ich den Zeugen Jehovas, den Kroaten besser gesagt, den Jugoslawen predigen kann. Wir waren damals im Jahre 72 [1972] fünf, die angefangen haben, die Sprache zu lernen und heute sind wir neun große Versammlungen in Wien alleine. Jede Versammlung hat so gegen 100 Zeugen Jehovas. Und ich arbeite zur Zeit auch in einer solchen Versammlung hier, der Versammlung Schönbrunn, jugoslawisch, und es ist einfach das Schönste, wenn man Menschen helfen kann. (--) Ich habe (--) zum Beispiel mit Hippies studiert. Wenn ich studieren sag, dann meine ich, die Bibel gelesen und unsere Publikationen dazu verwendet. Nach ein paar Wochen haben sie gesagt: „Herr Letonja, wir haben uns nach Jahren wieder einen Fahrschein gekauft, für die Straßenbahn.“ (--) Die sind dann Zeugen
Jehovas geworden und_. (-) Oder ich habe mit Neger studiert, Englisch. Die sind Zeugen Jehovas geworden. Ich habe mit einem studiert, der arbeitet an der Oper, jetzt ist er schon pensioniert. Der (-) war ein großer Frauenheld. Jede Frau auf der Straße, die er gesehen hat, hat er gschaut, dass er sie bekommt und da waren sie bei den Salzburger Festspielen gerade bei der Probe und er war auch dabei und er suchte sich eine von, äh, vom Orchester aus, eine hübsche Blonde, Violinistin. Und wie die Probe vorbei war, geht er dem Mädchen nach und sagt: „Fräulein, haben Sie heute was vor?“ Sagt sie: „Warum?“ „Na ja“, sagt er, „wenn Sie nix vorhaben, ich hab hier in der Nähe ein Zimmer. Wenns [Wollen Sie] nicht mitkommen?“ Jetzt sagt diese Frau: „Ja, Sie sind ja
verheiratet und haben zwei Kinder.“ Sagt er, „Das macht doch nix.“ Und das war eine Zeugin Jehovas. Und sie hat gesagt: „Wissen Sie was Jehova mit Ihnen machen wird?“ Nimmt die Bibel heraus und sagt: „Hure und Ehebrecher, in das ewige Feuer mit ihnen.“ Der hat so gschaut. Er ist ein Zeuge Jehovas geworden. Ist heute in einer Versammlung, er ist verantwortlicher Diener <lacht>, <räuspert sich>. Und solche Möglichkeiten gibt es. (--) Und sehen Sie, solchen Menschen zu helfen ist, macht glücklich. Glücklicher als wenn, wenn mir jemand a Geld gibt oder irgendwas. Wie Jesus sagt: „Geben macht seliger als empfangen.“ Und was gibt es schöneres als zu geben und nicht materiell, sondern besonders geistig. Einer, bei einem war ich, der hat im 4. Stock oben gewohnt und ich
hab ihm angefangen, zu predigen. Der hat mich hier beim Schlawittchen [Schlafittchen] gepackt, hat mich zum Fenster geschleppt und hat gsagt: „Wenn Sie nicht gleich aufhören, ich hau Sie hinunter.“ Und dann hab ich gsagt: „Worüber soll ich mit Ihnen reden?“ Sagt er: „Über's Boxen.“ Dann habe ich über's Boxen geredet und dann war das so, dass wir auch zur Bibel gekommen sind, sag ich: „Ihnen fehlt eines. Jeder intelligente Mensch hat Erkenntnis der Bibel und das fehlt bei Ihnen.“ Hab mit ihm a Studium angfangen, ein Zeuge Jehovas mit der ganzen Familie. (-) So sind verschiedene, schöne Erfahrungen_. <hustet> Na ja, man könnte noch vieles erzählen, aber_. Auf alle Fälle bin ich mit meinem Leben sehr, sehr zufrieden. Ich hab materiell immer das gehabt, was ich brauchte, ich hab nie nach Reichtum geschaut. Beispielsweise, ich hab in Graz ein Haus und,
Zweifamilienhaus. Und da hab ich eine Familie im Haus, im Parterre unten, wir haben 1000 m² Garten, die wohnt bei mir, die schaut und pflegt das ganze Haus. Ich hab eine Wohnung und hab keine <Tonstörung, 1 Sekunde> gar nichts. Bin zufrieden. Es ist eine 70 m² Wohnung und hier im Haus_. (--) Bin sehr froh, hier sein zu können. (---) <räuspert sich> INT: Danke. AL: Bitte.
 
Arbeitsleben
Austria 1918 (11. November) - 1938 (12. März)
Befolgung religiöser und kultureller Gebräuche (Zeugen Jehovas)
Berlin (Preußen, Deutschland)
Berufe des Interviewten
brutale Behandlung in Gefängnissen
Deutschland 1941 (22. Juni) - 1945 (7. Mai)
Deutschland 1942
Deutschland 1943
Deutschland 1945 (1. Januar - 7. Mai)
Entlassung aus der Inhaftierung
Frankreich 1918 (11. November) - 1939 (31. August)
Gefängnisse
Graz (Österreich : Gefängnis)(*)
Graz (Österreich)
Häftlinge, Zeugen Jehovas
Hochzeiten und Ehen
Identität von Zeugen Jehovas
klandestine Aktivitäten
Kontakt mit nahestehenden Personen
Kontakt mit nahestehenden Personen, letzter
Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen
Lebensbedingungen in Gefängnissen
Leibnitz (Österreich)
Liebeswerben
Liévin (Frankreich)
missionarische Aktivitäten (Zeugen Jehovas)
Mitglieder von SS/SD
München (Deutschland)
München-Stadelheimstraße (Deutschland : Gefängnis)
Österreich 1938
Österreich 1938 (13. März) - 1945 (7. Mai)
Österreich 1939
Österreich 1941 (1. Oktober) - 1945 (7. Mai)
Österreich 1943
Österreich 1945 (1. Januar - 7. Mai)
Österreich 1945 (8. Mai) - 1955 (14. Mai)
Österreich 1945 (8. Mai) - 2000 (1. Januar)
Österreich 1955 (15. Mai) - 2000 (1. Januar)
Polizei und Sicherheitskräfte, deutsch
Polizei und Sicherheitskräfte, österreichisch
Publikationen, Zeugen Jehovas
religiöse Identität
religiöse Überzeugungen und Lehren (Zeugen Jehovas)
Schicksal nahestehender Personen
Soldaten, deutsch
Staatsbürgerschaft
Steiermark (Österreich : Bundesland)
Taufen
Transport aus Gefängnissen
Transport aus Graz (Österreich : Gefängnis)(*)
Transport in Gefängnisse
Transporte, Transportmittel
Verhaftungen von Zeugen Jehovas
Verhöre
Vorstellung von Freunden und/oder Familienangehörigen
Züge, Fracht-
Zwangsarbeit in Gefängnissen
Zwangsarbeit: Übersetzung
Brüder, leiblich Wilhelm Letonja
Ehefrauen Helene Letonja
Interviewer Paul Rachler
Interviewte Anton Letonja
Mütter, leiblich Ludmilla Letonja
Nichten Josephine
Schwäger Vinzenz
Schwestern, leiblich Josephine Forster
sonstige Beziehungen Wohinze*
sonstige Beziehungen Meier*
Väter, leiblich Anton Letonja