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Zur Person
Zum Interview
Hildegard Simon
* 18.03.1916 in Deutschland - Beuthen
Jüdische Überlebende
interviewt am 17.11.1997 in São Paulo - Brasilien
Sprache Deutsch
Länge 01:45:36
Interviewer(in) Anita Pinkuss
Kamera Paulo Gustavo Medeiros
Transkription Judith Kuhne
Code 35911
<kein Bild>
INT: <portugiesisch> É o 7 de Novembre 1997. Sobrevivente Hildegard Simon, solteira: Hecht. Entrevistadura: Anita Pinkuss. Na Cidade de São Paulo. São Paulo, Brasil. Idiomàs: portugues e alemão. (Heute ist der 7. November 1997. Die Überlebende ist Hildegard Simon, Geburtsname: Hecht. Interviewerin: Anita Pinkuss. Der Ort ist São Paulo. São Paulo, Brasilien. Die Sprachen sind Portugiesisch und Deutsch.) Meu nome é Anita Pinkuss, A-N-I-T-A P-I-N-K-U-S-S. Hoje é o 7 de Novembre de 1997. Eu tenho o privilégio de entrevistar a senhora Hildegard Simon. Na cidade de São Paulo, São Paulo, Brasil. <Wort nicht transkribiert> idioma será portugues e alemão. (Mein Name ist Anita Pinkuss, A-N-I-T-A P-I-N-K-U-S-S. Heute ist der 7. November 1997. Ich habe das Privileg, Frau Hildegard Simon zu interviewen. Der Ort ist São Paulo, São Paulo, Brasilien. Die Sprachen werden Portugiesisch und Deutsch sein.) <1 Satz nicht transkribiert, 3 Sek.>
Dona Hilde, eu gostaria que a senhora dissesse o seu nome. Todo. (Bitte nennen Sie mir Ihren vollständigen Namen.) HS: Hildegard Simon. INT: A senhora pode soletrar, por favor? (Können Sie das buchstabieren, bitte?) HS: H-I-L-D-E-G-A-R-D. Simon: S-I-M-O-N. INT: Hmhm. Seu nome de solteira dona Hilde? (Und Ihr Geburtsname?) HS: Hecht. H-E-C-H-T. INT: Cuando a senhora nasce, dona Hilde? (Wann wurden Sie geboren?) HS: De 18. de Março de 1916. (Am 18. März 1916) INT: Cuantos anos a senhora tem hoje? (Wie alt sind Sie heute?) HS: Hoje tenho 81 anos. (Ich bin heute 81 Jahre alt.) INT: E aonde a senhora nasce? (Und wo wurden Sie geboren?) HS: In Beuthen, Oberschlesien. || Bytom. INT: Hmhm. (unverständlich) || Em qui país? (In welchem Land?) HS: Alemanha. (Deutschland.) INT: Hmhm. Eh, Dona Hilde, qual é o nome de seu pai? (Wie war der Name Ihres Vaters?) HS: Jakob Hecht. INT: É de sua mai? (Und der Ihrer Mutter?) HS: Emma Hecht.
INT: Quantos filhos eles tiveram? (Wie viele Kinder hatten sie?) HS: Seis filhos. (Sechs Kinder.) INT: A senhora pode de começar denomine de <Portugiesisch, 3 Sek., nicht transkribiert> HS: Hmhm. Käthe, a minha irmã. (Käthe, meine Schwester.) <Portugiesisch, 5 Sek., nicht transkribiert> INT: Não faz nada (Das macht nichts.) <Portugiesisch, 2 Sek., nicht transkribiert> Käthe. Que mas? (Käthe. Wer noch?) HS: Herbert. INT: Sim. (Ja.) HS: Ilse. INT: Sim. (Ja.) HS: Hilde, eu. Irma e Rudi. (Hilde, das bin ich. Irma und Rudi.) <portugiesisch, Ende> INT: Sim. Dona Hilde, wollen wir, äh, zurück, ganz weit zurück in Ihre Kindheit. HS: Ja. INT: Soweit Sie sich erinnern können, wie war Ihr Haus? Können Sie mir Ihr Haus beschreiben? HS: Ja, wir hatten ein Appartement, eine-, im zweiten Stock. In Beuthen [Bytom], an einer Straßenbahnhaltestelle. Und dort hatten wir
eine Vier-Zimmer-Wohnung. Wir waren, wie gesagt, 6 Kinder. Und wir haben nur ein Zimmer gehabt für uns sechs und die Eltern ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer und ein Esszimmer. Und wir Kinder sind mit 6 Jahren alle in die Schule gegangen. Zuerst sind wir in die jüdische Volksschu-, jüdische Schule gegangen, bis, glaube ich, die ersten vier Jahre. Dann bin ich in die Töchterschule gegangen. Meine Geschwister, meine Schwester-, meine Schwestern auch und meine Brüder ins Gymnasium. INT: Hmhm. Wie war das Leben zu Hause, also, (an) was können Sie sich erinnern? || Wie war die Atmosphäre zu Hause bei Ihnen? HS: Ja, wenn_. ||| Wir sind ziemlich streng erzogen worden. Mein Vater war sehr streng. Wir mussten_, also bei Tisch durften wir nicht reden, weil die Eltern dann gesprochen haben miteinander. Und wir sind sehr gut ernährt gewesen immer.
Und_. INT: Sie sagen, Ihr Vater war streng. // HS: Ja. /// Wie war Ihre Mutter? HS: Meine Mutter war sehr lieb. <lächelt> Ja. // INT: Die war nicht so streng? /// Nein. Lange nicht so. INT: Hmhm. Was hat Ihr Vater_, was war seine Arbeit? Was hat Ihr Vater || getan als Beruf? HS: Mein Vater war ||| Kaufmann. INT: Hmhm. Hat Ihre Mutter auch gearbeitet oder_? HS: Nein. // INT: Nein. Hat genug Kinder gehabt, nicht? /// Ja. INT: Äh, was_. Ihre Freunde, waren das (Freunde) von Schule? Hatten Sie jüdische Freunde nur? Wie war das? HS: Nein, ich hatte auch christliche Freunde, wo ich Weihnachten immer war. Da durfte ich auch nachts bei der Freundin bleiben. Da gab's einen, einen Christbaum und (es) wurde gesungen. Die ganzen Lieder kenne ich heute noch, die Weihnachtslieder. Sonst hatten wir auch viel jüdische Freunde. Aber mitunter auch christliche Freunde. INT: Hmhm. Wo Sie gewohnt haben, waren da nur Juden? HS: Nein. Nicht eine
Familie hat bei uns im, ich glaube, es war ein Drei-Stock-Haus oder Vier-, Drei-Stock-, haben keine Juden gewohnt. INT: Hmhm. Das heißt, Sie hatten auch mit Nicht-Juden überall immer, wollen wir sagen, || Verkehr und Gefreu-, Freundschaft? HS: Gut-, ja. Ja. Ja. ||| INT: Hmhm. Äh. (---) Was haben_. Sie waren in der Schule. Außer der Schule, was haben Sie noch getan, also, in der Freizeit? HS: Ich hab immer sehr viel Sport getrieben. Ich war immer im Sportverein, meine Geschwister auch. Also, wir hatten meistens Sport nach Mittag oder so gegen Abend, nach der Schule. Und ich war im Sportklub Oberschlesien, meine Geschwister auch. Und sonst haben wir Schularbeiten gemacht und_. Ja. INT: Und am Wochenend? HS: Am Wochenend sind wir auf'n Sportplatz gegangen, weil wir haben Musik zu Hause gemacht und meine Mutter konnte das nicht aushalten mit uns sechs. || Und da hat sie gesagt_: // INT: Was für Mus-_? ||| Ja. Entschuldigung. /// Ja. Musik. Einer hat am Kamm gespielt. Und der eine hat
Harmonika gespielt_. INT: Was haben Sie gespielt? HS: Ich hab Klavier gespielt. Wir haben alle Klavier gelernt, aber ich war, ich wollte nicht nach Noten studieren und da hat meine Mutter gesagt, das hätte keinen Zweck. Ich war, ich bin sehr musikalisch an sich. // INT: Hmhm. /// Und hätte das ruhig weiter tun können, aber meine Eltern wollten das dann nicht mehr. INT: Hmhm. Wie waren bei Ihnen die jüdischen Feste? Auch Schabbat. Also, wurde das gehalten? HS: Freitagabend hat meine Mutter Lichte gezündet, hat selber die Barches (Challot) gebacken und hat selber die Nudeln gemacht. Das hat man damals, glaube ich, noch gar nicht fertig bekommen. Das kann ich mich nur erinnern, dass das dann immer wunderbar auf der schönen Bettdecke, drunter war eine andere Decke, bei meiner Mutter auf'm, auf'm Bett lag. Diese Nudeln, so fein geschnitten wurden immer so, mit so einem abgewetzten Messer hat sie die Nudeln geschnitten. Die wurden getrocknet und dann haben wir sie zur Brühe bekommen. INT: Und_, ja. Und was gab's außer
Barches (Challot) und der Brühe? Mit was war meistens am Freitagabend? HS: Fleisch. Gab immer Fleisch, irgendein Fleisch. Und es gab auch, weil wir sonst nicht anders satt geworden wären, auch Kartoffeln oder Reis dazu. Und meine Mutter hat immer ne Soße dazu gemacht, sonst wären wir nicht satt geworden. Und als Nachtisch gab es immer Backobst. Und da durf-, musste auf allen Tellern gleich, gleiches Maß sein und sonst hat einer das dem anderen wegnehmen wollen. INT: Äh, haben Sie Ihre Großeltern || gekannt? HS: Ja. ||| Meine, meine Großeltern nur mu-, mütterlicherseits. // INT: Haben die in der Nähe gewohnt? /// Nein. Die haben in Kattowitz [Katowice] gewohnt. INT: Kamen die manchmal oder || Sie zu_? HS: Nein. ||| Wir sind hingefahren. Die, die Großeltern waren nicht einmal bei uns. Nein. // INT: Sie sind immer hin-_. /// Sie waren dann sehr alt. Meine Großmutter hat sehr schlecht gesehen. Von der hab ich auch die Augen, während niemand bei uns in der Familie schlechte Augen hat. Und=ähm da bin ich oft
gewesen in den Ferien haben mich meine Eltern dahin geschickt oder nach Königshütte zu der Tante. INT: Und die anderen Großeltern haben Sie nicht_? HS: Nie kennengelernt. // INT: Nie kennengelernt. Die waren schon gestorben? /// Ja. INT: Wie waren andere Feste bei Ihnen? Ich meine, jüdische Feste: Rosch ha-Schanah, Jom Kippur, Pessach. HS: (An Pessach) sind wir immer in die Synagoge gegangen. Es gab auch nur Matze (ungesäuertes Brot). Wir durften kein Brot essen. (-) So halte ich's auch bis heute noch. // INT: Das war Pessach? Ja. || Hmhm. /// Ja. Pessach. ||| Und Feiertage sind immer gehalten worden. Mein Vater war nicht so religiös, meine Mutter ja. Den mussten wir also immer mitnehmen. Er wollte nicht sehr gerne gehen. INT: Und was gab's zum Beispiel bei Pe-, äh, zu Pessach, außer Matze? Was war da typisches Essen? HS: Suppe mit Matzeklößen, nicht? Und nachher gab es Fleisch. Und (---) Gemüse. Ja. Und dann || einen Nachtisch. INT: Das war's. ||| Und gab's zu Rosch ha-Schanah was Besonderes, was Anderes als zu Pessach?
HS: Ja. Meine Mutter hat sehr viel so Leberpasteten gemacht, so Leberhekele wurde das genannt damals. (-) Aber sonst, glaube ich nicht, dass es so viel Vorspeisen und so was gab. Denn wie wir am Tisch saßen, waren wir immer 8 Personen. Ja. INT: Äh, hatten Sie irgendeine Hilfe zu Hause? Hat Ihre Mutter eine Hilfe gehabt? HS: Meine Mutter hatte, ja. // INT: Hmhm. /// Aber ich glaube nicht, dass die bei uns gewohnt hat. Das weiß ich nicht mehr. // INT: Können sich nicht erinnern? /// Nein. INT: Und=ähm S-_. HS: Doch, wir hatten auch ein Kinderfräulein sogar. // INT: Kinderfräulein. /// Ja. INT: Äh, sind Sie oft in die Synagoge gegangen? Einmal mit der Familie, oder nicht? HS: Ich dann mit meiner Familie? INT: Nein, nein. Mit Ihrer-, || mit Ihren Eltern und so weiter. HS: Ah, mit den_. ||| Ja. Außer, außer den großen Feiertagen und Pessach, glaube ich, kaum. INT: Kaum. Hmhm. (--) Wann_, äh. Also, Sie haben, Sie waren in der Schule.
Haben Sie gearbeitet oder wie war das? Bis zu welchem Alter sind Sie in die Schule gegangen? (-) Schule und Gymnasium || und so weiter. HS: Bis, ||| bis zum_. Wie hieß das noch da? (-) Ich habe ni-_. // INT: Abitur oder so? /// Abitur hab ich nicht gemacht. Bis zur Untersekunda bin ich gegangen. INT: Ja. Da waren Sie wie alt? HS: 14 Jahre. INT: Und dann haben Sie aufgehört zu studieren? || Haben Sie dann_? HS: Aufgehört. ||| Gearbeitet. INT: Da haben Sie_, was haben Sie da getan? HS: Ich war Lehrmädchen in einem Strumpf- und Trikotagen-Geschäft. Da hab ich gelernt 3 Jahre. Und dann war ich gleich, ähm, Verkäuferin dort, Volontärin. INT: Haben Sie dort viele Freunde gehabt in dem Geschäft oder in der Fabrik, was war das? HS: Nein, das war ein Geschäft, das war ein offenes Geschäft, waren jüdische Inhaber. // INT: Jüdische Inhaber. || Hmhm. /// Ja. ||| Und dort hatte ich viele christliche Freundinnen. // INT: Hmhm. /// Ich hatte auch einige jüdische Freundinnen. Aber dann konnte ich nicht, weil ich ja Nachmittag gearbeitet habe.
INT: Wann, können Sie sich erinnern, hat, wollen wir sagen, die Gefahr angefangen, in Deut-, in=in Beuthen, dort wo Sie, || wo Sie waren? HS: Ja. ||| INT: (In) welchem Jahr und wie, wie war das? HS: Ich glaube, es war schon im Jahr 33 [1933], als Hitler eben ankam. Da gab es schon verschiedene, also, Auseinandersetzungen mit Juden. Al-, wie, als ich mich_, ich kann mich erinnern, das vor unserem Geschäft, als es dann schon später war, 35 [1935], stand ein breitbeiniger SS-Soldat bei uns vor der Tür und hat geschrien: "Deutsche, kauft nicht bei Juden!" // INT: Da(ran) können Sie sich erinnern? /// Ja. INT: Was war Ihre Reaktion darauf? || Können Sie sich erinnern? HS: Ich hab es schrecklich ||| empfunden, schrecklich empfunden. Nachher immer zu Hause erzählt. Aber meine Eltern haben ja auch gewusst, was los war, nicht? // INT: Hmhm. /// Ich habe dann bis, bis ich quasi
nach Berlin gegangen bin als Haustochter, hab ich immer dort gearbeitet. // INT: In dem Geschäft? /// Ja. INT: Und außer diesem, äh, wollen wir sagen, diesem Fall mit dem SS-, was noch? (An) was können Sie sich noch erinnern? Wie ha-, || wie_? HS: Auf der ||| Straße sind sie gegangen, marschiert und haben dasselbe geschrien. Oder Lieder gesungen mit, äh, eben wo Juden schlimm angeprangert wurden und so was. INT: Können Sie sich an die Lieder erinnern? HS: (--) Es war ein Horst-Wessel-Lied. Ich weiß nicht mehr, wie es ging. // INT: Nein? Egal. /// Nein. INT: Hmhm. Was war die Reaktion von den Nicht-Juden? Also, im Geschäft und überall, auf dieses antijüdi-, || wollen wir sagen? HS: Ja. ||| Sie waren alle außer sich natürlich. Viele sind schon weggegangen, ausgewandert damals, // INT: Wohin? /// 36 [1936]. // INT: Ja. Hmhm. /// Zum Beispiel, mein Schwager ist schon 36 [1936] weggegangen. Viele sind ausgewandert, weil sie_. Aber wir haben das nicht so gesehen, wir
haben nicht gedacht, dass sie alle umbringen werden. // INT: Hmhm. /// Wir haben gedacht, so lange wir leben in, in Deutschland, leben wir eben. Und dann hat, dann hab ich, äh, mit 20 Jahren hab ich meinen Mann kennengelernt. In Berlin. Und dann haben wir uns verlobt am 18. Dezember 1938. Und dann haben wir am acht-, am 17. Januar geheiratet. INT: Hmhm. Wollen wir noch etwas zurück? HS: Ja. INT: Also, Sie sagten, Sie sind_, wie alt waren Sie, wie Sie nach Berlin gingen || als Haustochter? HS: 20 Jahre. ||| INT: 20. Sind nur Sie weg von Beuthen [Bytom]? Ist die-_? HS: Nein, meine Schwester auch. // INT: Auch. /// Die war in Berlin. Sie war Kindergärtnerin und war bei einer Familie mit'm Kind. INT: Und die anderen? Ihre Eltern und_? HS: Meine Eltern sind nach, ähm, nur noch nach Shanghai gekommen, damals gab_. Mein Vater ist verhaftet gewesen, war in Buchenwald. Und als er rauskam,
musste er binnen einer Woche, glaube ich, so war's, Beuthen [Bytom] verlassen. INT: Und die anderen Geschwister waren immer noch in Beuthen [Bytom]? HS: Mein Bruder ist von der Hachschara, mein jüngster Bruder, nach Israel gegangen. Und der ältere Bruder war auch schon verheiratet mit seiner Frau. Die mussten, glaube ich, äh, mitten auf'm Meer oder mitten drin, na, wahrscheinlich nicht, aber weit weg vom Strand, vom-, sind sie angekommen, mussten alles lassen, sie konnten ja das nicht im Wasser mitschleppen. Mein Bruder hat immer gesagt, sie waren bis zu, bis zur Taille im Wasser. Also, so weit ran sind sie gekommen. Das Schiff hat dort gehalten und sie durften nur so schwarz dort aussteigen. Und so haben sie auch, war ihnen viel zu schwer und so haben sie alles gelassen und sind so angekommen in Israel. INT: Hmhm. Und Sie sind dann nach, äh, nach Berlin als Haustochter? HS: Ja. INT: Was ist das genau: Haustochter? Können Sie mir das erklären? HS: Ich war in einem jüdischen, ähm, bei einer jüdischen Familie, die ein sehr schönes
Haus mit Garten hatten. Und ich durfte mitessen und alles, aber ich musste eine Hilfe, eben auch helfen, so einem Dienstmädchen oder so was, Tisch decken und so was. Das hab ich eigentlich dort gelernt. Ich hab's zu Hause immer gesehen. Aber dort ging es viel, wollen wir sagen, eleganter zu. Da waren nur zwei Jungens. INT: Können Sie sich an die Familie erinnern? Wie hieß die Familie? HS: Weiß ich auch || nicht mehr. // INT: Wissen Sie nicht. ||| /// Nein. INT: Okay. Da waren Sie wie lange? Bis_? HS: Bis ich geheiratet habe. // INT: Hmhm. /// Mit 22 hab ich geheiratet. // INT: Haben Sie geheiratet. /// Ja. // INT: In=in Berlin? /// In Berlin. INT: Wie war Ihre Hochzeit? HS: Unsere Hochzeit war in der Kleist-Loge, in Berlin. Das ist ziemlich bekannt in Berlin. Da war eigentlich vorwiegend Familie da, die alle gekommen sind. Wir haben dort gemietet zum, zum Abendessen. Da waren mal auch meine Eltern gekommen, da waren sie noch nicht weg. (-) Und von
meinen Geschwistern, glaube ich, nur der Bruder hat auch in Berlin gelebt. Der war Sportlehrer und hat in der Kaliski-Schule Unterricht gegeben, das war eine jüdische Schule auch. INT: Da konnten, zum Beispiel Ihre Eltern, konnten noch von Beuthen [Bytom] nach Berlin und dann wieder zurück? HS: Ja. Sie waren da. Nein, sie konnten_. Sie waren von, von Shanghai, aber das war schon, da waren sie schon in Israel. Als die Ilona geboren ist, war 47 [1947]. INT: Ja. Aber zu Ihrer Hochzeit sind sie, äh, von wo gekommen, Ihre Eltern? HS: Das weiß ich jetzt nicht, ob || sie in Shanghai oder aus_. // INT: Weil_. ||| Ja. Sie haben geheiratet in welchem Jahr? In_? /// Im (Jahr) 39 [1939]. INT: 39 [1939]. Da waren Ihre Eltern noch in Beuthen [Bytom] oder schon in Shanghai? HS: Da waren sie, glaube ich, schon in Shanghai. // INT: Und sind zur Hochzeit gekommen? /// Ja. // INT: Und wieder zurück? /// Ja. INT: Das war noch erlaubt? HS: Das war, glaube ich, damals noch erlaubt. INT: Hmhm. Und war da ein Rabbiner bei Ihrer
Hochzeit oder || war das nur Standesamt? HS: Ja. Und der ||| Rabbiner hieß_, auch sehr bekannter Rabbiner und ein Freund von meinen Schwiegereltern, also, die Eltern waren Freunde. Aber wie er hieß? Auch so Strawinsky [Martin Salomonski?] oder s-, so ähnlich hieß er. Aber ich weiß jetzt nicht den Namen im Moment. INT: Hmhm. Also, 39 [1939]. HS: Ja. INT: Und wie ging das dann weiter? Also, Sie haben geheiratet. Was hat Ihr Mann, äh, ge-_. Was=was war sein Beruf? || Was hat er dort getan? HS: Mein, ||| mein Mann war Engros-Fleischer. // INT: Schon in 39 [1939]? /// Schon in 39 [1939]. Aber dann musste es ja mit, im=äh also, im vierzigen Jahr, in 40 [1940] musste er das aufgeben, er durfte nicht mehr auf'n Viehhof schlachten. Und so hat er_, (-) so fing es an eigentlich. Dann haben wir zwangsgearbeitet. Beide. // INT: Beide? /// Ja. INT: Wie war das? Äh, hat man Sie dazu gerufen? || Wie war so, können Sie mir_? HS: Ja. Man hat uns gerufen ||| von einem, von einer Buchhaltung oder von
einer Verordnung gab es, dass wir Juden arbeiten mussten. Da haben sie mich also zu Pertrix geschickt in die Batteriefabrik und meinen Mann in die Spinnstofffabrik. Sie haben mit Säure gearbeitet und (es) war ihm oft sehr schlecht. INT: Und hatten Sie eine Ahnung v-_? Die Arbeiten, die Sie dann angefangen haben, ha-, Sie hatten doch vorher nicht in so || einer Fabrik gearbeitet? HS: Nein. Nein. ||| INT: Hat man Ihnen das erklärt? || Wie war das? HS: Ja. ||| Das hat man uns gezeigt, dann musste ich an die Maschine und erstmal Probearbeiten. Es musste sehr schnell gehen, man musste so und so viel in der Stunde schaffen. Das hab ich manchmal nicht geschafft, da musste ich halt Geld von zu Hause mitbringen. Wir haben 48 Pfennig für die Stunde bekommen. // INT: War das viel oder wenig? || Wenig. /// Wenig. ||| Ja. INT: Was konnte man zum Beispiel damit, äh, also, mit dem Geld, was Sie an einem Tag verdient haben, || konnte man da irgendwas kaufen oder war das gar nix? HS: Ja. ||| Das war sehr wenig. Sehr wenig. Man konnte paar Brötchen damit
kaufen oder vielleicht ein Brot kaufen. INT: Hmhm. Und Ihr Mann, der war in der anderen Fabrik? HS: Mein Mann war in der Spinnstofffabrik. Er, dadurch, dass er so viele Kunden mit koscherem Fleisch, das heißt mit dem, mit dem, mit koscherem Fleisch und den anderen, den christlichen Kunden hat er dann die Hinterviertel verkauft. Der war sehr bekannt, schon mein Schwiegervater. // INT: Das war dann wie, äh=äh vorher, wie er Fleischer war oder nachher? Ich mein, während der Zwangsarbeit_? || War er kein Fleischer. Hmhm. /// War er kein Fleischer. Er hatte dort_. Nein. ||| Da war er eben in der_. INT: Wie lange waren Sie in dieser Zwangsarbeit? HS: Ich war ungefähr, mein Mann war in der Zwangsarbeit_, ich war, glaube ich, eineinhalb Jahr. Mein Mann war auch nicht viel länger. INT: Waren das nur Juden? || Die dort gearbeitet haben? HS: Nur Juden. ||| Ja. Wir waren abgeschlossen. Also, wir, wo wir hingingen, da gab es nur unsere christlichen Vorarbeiter. INT: Und wo haben Sie da gewohnt? Also, Sie konnten kommen und gehen?
HS: Ja. Da haben wir noch in der Petersburger Straße in der Wohnung von meinen Schwiegereltern, die dann ausgewandert sind im Jahr 40 [1940], sind sie noch rausgekommen. Aber es gab keine Anforderung für unmündige Geschw-, äh, Geschwister. INT: Wo sind Ihre Schwiegereltern hin? HS: Nach Brasilien. // INT: Ah, die sind hergekommen? Okay. /// Ja. Ja. INT: Und Sie durften_? || Nicht_? Nicht mit. HS: Nicht mit. ||| Da wollte meine Schwiegermutter immer raus aus dem Zuge, der sie_. Sie wollte den, ihren Sohn nicht alleine lassen. Er war der jüngere von beiden. Aber es ging nicht anders. INT: Hmhm. Da sind Sie dann dort geblieben in dem Haus? HS: Wir sind in der Wohnung geblieben. INT: Hmhm. Was haben Sie, zum Beispiel in dieser Zwangsarbeit, wie haben Sie sich da gefühlt? HS: Wir haben uns sehr schlecht gefühlt, weil sie haben uns wenige Pausen gegeben in den 11 Stunden, hab ich gearbeitet. 11 Stunden früh und eine Woche 11 Stunden in der Nacht. Und in den 11 Stunden hatten wir wenig Pausen,
wir mussten uns unser Brot selber mitbringen. Und dann hatten wir ein paar Bänke in einem, in einem, so wie eine Küche eingerichtet. Da waren nur Bänke drin, da durften wir sitzen und unser Brot essen. Dann wurde eine Sirene geblasen und dann durften wir wieder reinkommen. Geschlossen. Nicht einer hinterher und nicht einer vorher. Dann haben sie uns nach, nach, glaube ich, einem Jahr oder nach'm halben Jahr, haben sie uns die Bänke rausgenommen. Dann haben wir auf der Erde gesessen. Das war Zement. (--) Das haben sie uns, glaube ich, nach'm Jahr oder nach'm halben Jahr. INT: Und warum hat_, wollen wir sagen, Sie waren anderthalb Jahre dort. // HS: Ja. /// Und warum wurde das dann beendet? Mussten Sie raus? || Wie war das? HS: Ja. ||| Sie haben, sie haben einige Leute aus der Fabrik von den Maschinen weggeholt. Sie haben gesagt: "Der. Und der. Und der soll kommen." Und das war die Gestapo schon. So haben sie die Leute
damals schon, schon rausgenommen. Da bin ich schon 1940, äh, 1942 hab ich, bin ich illegal gegangen zu meinem Vorarbeiter. Den hab ich gefragt, ob er nicht jemanden weiß, der uns beide aufnehmen könnte. Und_. // INT: In dieser Fabrik? /// In dieser Fabrik war er mein Vorarbeiter. Und da hat er gesagt, äh: "Das kann ich mal fragen oder vielleicht ich fra-, spreche mit meiner Frau," sie haben ein Kind gehabt, "ob Sie nicht zu uns kommen können." Und da hab ich gesagt, dann müssten wir einen Tag hinkommen und ihnen alles bringen, was wir haben, was wir noch hatten. Und da hat er gesagt: "Ja, das=das können Sie. Und ich möchte auch Ihren Mann kennenlernen." Und dann ist mein Mann mal mitgekommen und wir haben verschiedene Sachen rausgebracht. Dann hat er uns einen Vorhang in einem Zimmer, in seinem Schlafzimmer, das war nur, gab nur ein Zimmer und eine Küche, einen Vorhang gemacht und dahinter hatten wir eine Couch für uns beide. Äh, wir hatten keinen Schrank oder
sowas, haben alles im Koffer gehabt. INT: Und haben, was haben Sie da mitgebracht? Was er wo-, waren das Möbel oder was wollte er? HS: Wir haben mitgebracht Geld und Kristall und Porzellan. Und Teppiche. (-) Und das hat er gesehen. Dann hatte mein Mann weniger Geld und da hat er, glaube ich, versucht, einen Teppich zu verkaufen und da hat er dann gedacht: "Das geht langsam, wenn sie alles verkaufen und so werden wir vielleicht nichts behalten." Und da haben sie uns eben nach'm halben Jahr raus gesetzt und haben gesagt, draußen im, im Wald: "Wir_, die Gestapo war da und hat euch gesucht bei mir. Und wir haben gesagt, ihr seid nicht mehr bei uns. Ihr seid gar nicht bei uns gewesen." INT: Das war im Wald? HS: Das war im Wald. INT: Da hat_, äh, ha-_, warum war das im Wald? HS: Das war in der Nähe irgendwo. Irgendwo in der Nähe war_. Ich glaube, es war sogar am Müggelsee, da
sind wir hingefahren und er auch, mit der Straßenbahn oder mit der Stadtbahn. Und da haben wir uns getroffen. // INT: Extra dafür? /// Dafür. Und da hat er uns gesagt: "Das ist es." Und da hab ich gesagt: "Ich glaube es nicht, weil dann hätten sie euch auch zuerst mitgenommen, wenn sie gewusst hätten, dass wir bei euch waren. Ich glaube es nicht." Da hat er furchtbar geschrien und hat gesagt, ähm, (-) also, das geht nicht mehr, dass wir zurückkommen. Jetzt können wir machen, was wir wollen, aber nicht mehr bei ihm sehen lassen. INT: Können Sie sich an seinen Namen erinnern? HS: Ich weiß nur, dass er Hans hieß. INT: Und seine Frau? HS: Lena. INT: Hatten die Kinder? HS: Einen Jungen. INT: Hmhm. Können Sie ihn mal beschreiben? Wie war er, nicht-, als Mensch? HS: Er war eigentlich, glaube ich, immer ein Arbeiter gewesen, ein einfacher Arbeiter. Und hat in einer, wie hier eine, wie heißen die Hütten hier, wo die armen Leute wohnen? // INT: Favela. ///
In-, war wie eine Favela: War eine Küche, da ist man gleich reingekommen in eine Küche und war ein größeres Zimmer. Das war alles. Und da_. INT: <hustet> Während diesem Aufenthalt, wie hat er sich benommen zu Ihnen? HS: Da hat er sich sehr anständig benommen. Da hat seine Frau gekocht und wir haben Geld gegeben. Und da war=er eigentlich sehr nett zu uns. INT: Haben sie zusammen gegessen mit Ihnen? HS: Er war dann nicht da. Er hat auch so lange, viel gearbeitet und ich glaube, abends ist er nur nach Hause gekommen. INT: Und=äh waren Lebensmittel, war das schwer oder leicht, also, für die Frau, um das zu kaufen? || Wie war das? War das_? HS: Nein. Das war nur ||| teuer und dafür haben wir das gezahlt. Wir w-, ich weiß nicht mehr, wie viel ihm mein Mann gegeben hat. Das weiß ich nicht. INT: Und äh, haben Sie dann weiter noch in der Fabrik gearbeitet oder, oder nicht mehr, wie Sie zu ihm gezogen sind? HS: Wie wir_, äh, da hab ich,
ich=äh, mein Mann hat noch gearbeitet bis Anfang 43 [1943]. Ich hab 42 [1942] im Dezember schon dort gewohnt bei dem Vorarbeiter. // INT: Und da haben Sie aber nicht mehr gearbeitet? /// Nein. INT: Was haben Sie den ganzen Tag gemacht? Wie war Ihr Tag? HS: Ich bin dann mit der Frau rausgegangen und, Sie haben an den Bildern ja gesehen, dass sie sogar mit uns baden waren, da in der Nähe. Also, so war es, bis dahin, bis er uns gesagt hat, wir sollen rausgehen, war es, waren wir untergebracht. INT: War das nicht gefährlich? // HS: Es war sehr gefährlich. /// Dass Sie zum Beispiel aus dem Haus raus || irgendwohin gingen? HS: Ja. ||| Ja. Das war gefährlich, aber das haben wir trotzdem gemacht. INT: Hatten Sie keine Angst? HS: Ich hatte immer Angst. Aber ich habe gewusst, dass diese Arbeiter, die alle dort gewohnt haben, das war ein Arbeiterviertel, dass die, sie haben gesagt, wir waren ausgebombt, wenn sie einer gefragt hat. INT: Aber die Leute wussten, dass Sie dort waren? Und dass Sie Juden sind?
HS: Nein. Keiner wusste (es). Keiner. Niemand wusste (es). INT: Hmhm. Haben, mussten Sie einen Stern tragen oder sowas? HS: Na, nicht mehr in der Illegalität. Zur Arbeit ja. // INT: Zur Arbeit. /// Ja. Mein Mann musste. Und aus Stoff, was Sie da bei mir sehen, das hab ich in der Fabrik tragen müssen, einen vorne und einen hinten. INT: Das war aus Stoff? || Nicht aus Stoff? HS: Nein, ||| nein. Das war schon aus Metall. // INT: Aus Metall. /// Und hin mussten wir mit einem Kleidungsstück, wo hier Jude dran war, in, in Stoff. Musste auch an jede Ecke angenäht werden. INT: Und dann nachher in der Illegalität? HS: Haben wir das nicht mehr getragen. INT: Nicht mehr getragen, natürlich nicht. Also, diese 6 Monate, die waren nicht so schlimm? || Waren nicht so schlimm. HS: Nein. Nein ||| INT: Also, wie er Ihnen dann im Wald gesagt hat, es geht nicht mehr. // HS: Ja. /// Wie=wie ging das weiter, Ihr Leben? HS: Also, dass, wie ich ihm eben gesagt hab, dass ich es nicht glaube und da war er furchtbar
böse geworden. Und da hat er gesagt: (wir sollen uns) also "Nicht mehr bei uns sehen (lassen)." Und da hab ich gesagt: "Wie kommen wir zu unseren Sachen?" Und da hat er gesagt: "Das werden wir mal sehen." Hat uns den Tag dort stehen lassen. Und mein Mann wollte dort, äh=äh, sich ertränken und da hab ich gesagt: "Nein! Wir, wir sind jung. Wir werden kämpfen." Und, und so haben wir's dann auch gemacht. INT: Ja und haben Sie da irgendwie eine Auskunft, äh, eine Unterkunft gesucht? HS: Ja. Da hat eben dieser U-Bahn-Schaffner, als wir meine Schwiegereltern begleitet haben zum Zuge, zum Zug, da hat er gefragt: "Wohin geht's denn?" Den kann-, wir kannten ihn, weil wir immer dort durchgegangen sind an der U-Bahn. INT: Ein Momentchen || noch, ja? HS: Ja. ||| <Ende Tape 1>
INT: Also, Sie sind dabei zu sagen, // HS: Ja. /// äh, wie das dann war, um eine neue Unterkunft zu finden. HS: Ja. Also, da haben wir unsere Schwiegereltern zum Zug gebracht, als sie nach Bra-_. Sie sind neunzehnhundert- (--) 42 [1942] erst, Ausgang 1943 [1943]_. (--) Nein, nein, da haben wir noch nicht illegal gelebt. INT: Na, aber, äh, nur um wieder zurückzugehen, // HS: Ja. /// wie das dort im Wald war, // HS: Ja. /// wo Ihr Mann natürlich nervös wurde. // HS: Ja. /// Wie ging das genau weiter? Was haben Sie in dem Moment || getan? HS: Ja, da ||| hab ich zu meinem, da hat mein Mann gesagt: "Was machen wir heute Nacht, wenn wir da nicht mehr hin dürfen? Morgen können wir weiter überlegen." Und da hat uns mal ein U-Bahn-Schaffner beim Rausgehen, eben als wir die Eltern weggebracht haben, (-) gesagt: "Wenn Sie
mal nicht wissen," er wusste, dass wir Juden sind, "wenn Sie mal nicht wissen, wohin, dann kommen Sie wieder zu mir. Dann kann ich Ihnen vielleicht weiterhelfen." Und da hat mein Mann sich_, da=dann sind wir den Abend noch zu einem Ehepaar gegangen, da war die Frau Jüdin und der Mann Christ. Da sind wir eine Nacht geblieben, haben ihnen aber nicht die Wahrheit gesagt, damit sie nicht ängstlich werden und vielleicht uns jemand beobachtet hat, das war am Bayerischen Platz. Und da haben wir gesagt, äh: "Die haben Besuch bekommen und da mussten wir räumen, da mussten wir raus." Für einen Tag, haben wir ihnen gesagt. Und dann, äh=äh, die hatten so breite Ehebetten, da hab ich mit meinem Mann geschlafen, andere Sachen hatten die auch nicht. Und=ähm da hab ich trotzdem geschlafen. Mein Mann hat die ganze Nacht gewacht und auf mich geguckt, wie ich überhaupt schlafen konnte in so einem (-) Zustand, ne? Also, sind wir nächsten Tag dann wirklich dort weg gegangen und haben, sind zu dem U-Bahn-Schaffner gegangen.
Und der hat gesagt: "Ich hab Ihnen doch gesagt_", er hat schlecht Deutsch gesprochen, also auch ab(ge)stammt von Polen. Er hat gesagt: "Ich hab Ihnen doch gesagt, wenn Sie_, Sie können ruhig kommen und ich geb Ihnen einen Schlüssel und da können Sie auf mein Gelände, wo ich einen Schuppen habe. Aber vielleicht können Sie sich dort unterbringen. Da komm ich einmal in der Woche hin und säe und ernte. Und da können Sie dort bleiben." INT: Wie hieß der Mann? HS: (--) Machota [Maszota? Anm. d. T.]. Mit Vornamen weiß ich auch nicht. Und meine Tochter, doch sie weiß es, glaube ich, sogar, ja. Aber ich weiß es nicht genau im Moment. INT: Das heißt er hat dort gar nicht gewohnt? HS: Nein. Er hat in Lichtenberg gewohnt. Das war nicht weit davon. Und immer Weihnachten waren wir bei ihm und Weihnachten hab ich mitgesungen und mitgefeiert, wir haben mitgegessen. Alles so was. INT: Und da sind Sie dahin, || in diesen Schuppen? HS: Ja. ||| Da haben wir von weitem gesehen, wo das
event-_, es war am Tage, es war, glaube ich, schon, es war schon bisschen dunkel und da hat mein Mann gesagt: "Wo könnte das sein?" Welche Nummer es ist, weiß ich auch nicht, die Ilona weiß es. Sie war ja da. Sie hat es ge-, aufgesucht. Und da sind wir dort als es dunkel wurde hingegangen, haben aufgeschlossen das Gartentor, dann ging's sehr weit rein bis zu diesem Schuppen da. Dort haben wir aufgemacht. Da waren so viel Fliegen an den Fenstern, dass man kaum durchgucken konnte, weil er hat gedüngt und alles gemacht. Und dort im Zimmer, dort hat er sich ein bisschen aufgehalten. Dort gab es eine Bank in dem Zimmer und da hat mein Mann gesagt, (-) da hat er gesagt: "Oben auf'm Hängeboden", oder auf dem Boden, wo er sonst Getreide oder was aufbewahrt hat, "da hat er eine, noch einen Stuhl, einen Liegestuhl." Den haben wir, da haben wir uns eine Leiter angestellt und haben uns den Liegestuhl runter
geholt. Und da hab ich auf der Bank gelegen und mein Mann auf dem so genannten Liegestuhl, wo kein Fußteil war, nur auf so'n_. (-) In der Nacht fing ich an zu weinen, weil es war so hart und ich hab kein Nachthemd und überhaupt nichts gehabt: So, wie man war, denn wir wussten ja nicht, wie lange wir da bleiben. Und=ähm da hat mein Mann gesagt: "Ja, was besseres kann ich dir nicht bieten, aber du kannst jetzt mal mit mir wechseln." So hab ich mit ihm gewechselt und hab gesehen, dass es eben_. Da musste man die Füße auf der Erde haben, es war so kalt, der Boden. Es war zwar im Juli, aber es gab ja auch immer in Deutschland kalte Tage. (-) Es war, glaube ich, es war, glaube ich, im Juli als wir dahin gekommen sind. Und_, ich glaub, am 6. Juli sind wir dahin gezogen, als er uns rausgeworfen hat, den nächsten Tag sind wir dann || dahin gezogen. INT: Das war ||| im Jahr 43 [1943]? HS: 43 [1943]. Also hab ich dort geschlafen und hab auch gemerkt, ich kann da auch nicht
schlafen, (da) hat mein Mann gesagt: "Ich auch nicht. Dann werden wir eben warten bis es hell wird und dann werden wir weiter sehen." Und so sind wir als es hell wurde, sind wir zu einer Familie gegangen, die meinen Schwiegervater mit Fleisch beliefert haben, er war ja Engros-Fleischer. Und mein Mann hat das eben beim Vater gelernt. <Licht geht aus> (5) Ja. Und die haben meinem Schwiegervater versprochen, als er sich verabschiedet hat von ihnen: "Wir werden für den Arno", das war mein Mann, "sorgen und für seine Frau. Wir werden ihnen alles geben, damit sie leben können." Und so sind wir dort hingefahren. Das war in den, das war in der Nähe von der Philippstraße, in die sch-, und in der Nähe, wo die Juden alle hingekommen sind, die sie gefasst haben, die Illegalen. (-) Und dort bin ich hingegangen. Und da hat die Frau gesagt zu mir, die Frau Schaewe (nach Gehör): "Da könn-_", Frau Luka: "Sie können hier arbeiten
und Marken kleben", du hat sie zu mir gesagt, "und=ähm Marken kleben und alles, was hier im Haushalt ist. Wenn du das machst, dann ist es gut." Und so war ich froh, dass ich beschäftigt war. Denn ich konnte nicht den ganzen Tag da draußen bleiben. Wir haben gesagt, wir haben doch Ausweise gehabt, ich als Laborantin und mein Mann als Pfleger. // INT: Wo haben Sie das=äh || beko-_? /// Das haben wir ||| bekommen von einem Angestellten von der Charité, der (Remedus?), der (Armesius?) verkauft hat. // INT: Und der hat Ihnen das_? /// Der ist da immer zu Luka gekommen, mit seinen Marken hingekommen. So haben wir den kennenglernt. Der wusste, dass wir Juden sind, das hat er eben gesagt. Und da hat er uns die Ausweise besorgt. Leider hab ich meinen Ausweis zerrissen, aber ich hab zwei von meinem Mann. Einmal einen anderen Namen noch und einmal auf "Fischer", wir haben uns Fischer genannt. INT: Äh. Und da sind Sie jeden Ta-_, aber Sie haben in diesem Schuppen da gewohnt? HS: Ja. INT: Und äh, || dorthin_? HS: Jeden
Tag ||| rausgegangen. || Ja. INT: Rausgegangen. ||| Und=äh Sie haben gesagt: "Marken kleben". War das eine Beschäftigung? Ich weiß nicht, was || das ist. HS: Ja. ||| Es gab Marken für die christlichen Leute, die haben auf Fleischmarken, Wurstmarken, Brotmarken, haben die bekommen. Und die haben sie abgeben müssen und das wurde auf so ein Heft geklebt, in so ein Heft rein. Und das hab ich gemacht. INT: Hmhm. Das heißt, dass_, äh, sind Sie da alleine hin gegangen oder mit Ihrem_? // HS: Alleine. /// Alleine. HS: Ich bin_, meistens ist mein Mann zu einer anderen Zeit rausgegangen, damit es nicht so auffällt. INT: Und war das weit? Mussten Sie da laufen oder wie sind Sie_? HS: Wir mussten ein Stück laufen. Bis nach, bis nach Mahlsdorf. Und nach Hönow ist kein Zug gegangen. Da hat mein Mann von jemandem ein Rad geschenkt bekommen. Und ich hab aber keins gehabt, wir hatten eben nur eins. Und da ist mein Mann mit'm Rad gefahren, aber von, bis Mahlsdorf, dann hat er das Rad dort abgegeben und dann ist er in die Stadt gefahren. Und ich bin das gelaufen. INT: War das_, wie lange
sind Sie da gelaufen? Stunden oder_? HS: Nein, Stunden, glaube ich nicht, aber vielleicht 'ne Stunde. INT: Stunde. Und auf der Straße und dort, wo Sie waren, äh, die anderen Leute, die dort gelebt haben_. HS: Denen haben wir gesagt, wir sind, die dort in der Straße gewohnt haben, wir sind in Berlin ausgebombt, was viele Leute gemacht haben und die haben sich dann draußen_, weil es draußen nicht so viel gebombt wurde, nicht? War ja schon so wie auf'm Land. War zu Groß-Berlin gehörte, aber, aber war schon ländlich. INT: Und haben Sie w=während dieser Zeit gehört oder gelesen, was überall || passiert? Wie haben Sie das? HS: Ja. Gehört_. ||| Wir haben gehört, wenn wir nach Hause kamen, haben viele Leute dort, die dort gewohnt haben, den englischen Sender gehört. Da haben wir uns auf die Straße gestellt, hinter einem Baum oder so, und haben das alles gehört und wussten Bescheid. Und diese Luka, die haben uns auch gesagt, wie weit sie sind und wo der Krieg jetzt ist und wo_. Das
haben sie uns gesagt, also wussten wir ungefähr_. Wie sie vor Berlin standen dann, äh, dann=dann wussten wir, dann wollte dieser, dieser (-) Schaffner uns gerne los werden. Denn er hat gesagt, er hat jetzt schon so lange gewartet und er will pflanzen und er will dort rein in das Zimmer und da sind wir immer da, also, wenn wir da waren. Und jetzt möchte er gerne, dass wir da raus ziehen, wegziehen. Da haben wir ihn auch gebeten und gebettelt, er soll uns doch lassen, denn der_, sie sind schon vor Berlin und das würde bald zu Ende gehen, haben wir gehofft. INT: Wer war schon vor Berlin? HS: Die Russen. INT: Die Russen. || Hmhm. HS: Ja. ||| Denn die Russen sind ja von da rein gekommen. INT: Hmhm. Und das hat er dann zugelassen? HS: Das hat er_. Er hat gebrummt und geschimpft ein bisschen. Nicht gerade mit "Juden" beschimpft, das nicht, denn er wusste ja_, er war ein sehr frommer Katholik, die ganze Familie. Deshalb hat der Sohn, bei dem jetzt die Ilona
war, äh, aufgesucht hat, der hat gesagt, äh, nur deshalb hat der Vater das gemacht, weil er so ein frommer Katholik war. INT: Und waren die frommen Katholiken nicht Antisemiten? HS: Die meisten nicht. Die meisten || nein. INT: Haben ||| Sie den Rest von der Familie auch gekannt? || Also_. HS: Ja. ||| Alle gekannt. Er hat zwei Söhne (einen Sohn) gehabt, der eben beim Militär dort fotografiert ist. Und der hat mit einer holländischen Freundin, das durfte er eigentlich auch nicht, sie durften sich nicht vermischen doch, und die hat er dann mitgebracht nach Berlin. (---) Den Sohn und dann hatten sie eine Tochter. Die haben wir alle gekannt. INT: Und=äh Sie haben am Anfang hatten Sie eben den Liegestuhl und die Bank. HS: Ja. INT: Aber (-) wie ging das || weiter dann? HS: Ja, ||| dann haben wir wieder an den geschrieben. Mein Mann hat immer geschrieben und per Post ihm das geschickt, keinen Absender geschickt. // INT: Dem? /// Dem, diesem Vorarbeiter. Er möchte uns doch die Sachen bringen,
wenigstens ein Bett und=und die Couch, auf der wir beide gelegen_, ich weiß nicht, von wo wir die Couch bekommen haben, die hatten wir dort bei ihm, wo wir darauf geschlafen haben. Und (-) da haben wir ihm gesagt, wir möchten doch eine von unseren Daunendecken, wir hatten zwei. Und dann, dann haben wir ihm gesagt, er möchte uns doch das Daunenbett bringen. Es war, es ist zum Winter gegangen. Und=und die Couch, da konnten wir bei grade drauf liegen. INT: Hat er's getan? HS: Er hat uns das gebracht. Er hat uns das sogar gebracht. Und etwas hat er uns auch abholen lassen von ihm zu Hause. Ja. Da hat er uns nicht angezeigt also. Da wa-, da waren wir noch ziemlich_, das hat er noch g=g-, vielleicht gerne gemacht, dass er uns das gebracht hat. Aber die anderen Sachen wollte er nie mehr rausgeben. // INT: || (unverständlich) /// Die Frau ||| hab ich getroffen auf der Straße in meinem Mantel und in meinem Kostüm und meiner Bekleidung, die ich hatte.
INT: Hmhm. Das heißt, dass in dem Schuppen ging's dann irgendwie || dort zu wohnen. Wie war_? HS: Ja. Ja. Wir hatten keinen ||| Schrank, wir hatten einen Kleiderhaken und da haben wir, wenn wir die Sachen ausgezogen haben_, wir hatten auch nichts zu wechseln vorerst, nachher haben wir uns besorgt. INT: Und hm, (-) wie war das mit Kochen oder Toilette oder Badezimmer? Wie war das? HS: Also, Toilette hatten wir bei dem Vorarbeiter draußen. Also, das ging. Das mussten wir eben_. // INT: Eine richtige Toilette? /// Ja. Eine richtige_. Ich weiß nicht, ob es zum Ziehen war, das weiß ich (nicht). Das war bei, bei dem Schaffner nicht. Es war eine Toilette aus Holz gebaut und das war's. // INT: Un-_. /// Zeitungspapier war auch da. // INT: Ja. /// Es gab gar kein Klosettpapier, glaube ich, im Krieg. INT: Und konnten Sie sich waschen? War, War da Wasser? || Wie war_? HS: Ja. Da || musste mein Mann eben_, wie gesagt, wir hatten kein Wasser dort. // INT: Kein Wasser? /// Kein Wasser. Und auch keine
Anlage zum Schlauch anlegen oder so was. Und da musste mein Mann immer zwei Eimer Wasser_. Da wir keine Eimer hatten, haben wir gehört, dass jemand Eimer verkauft, da sind wir dort hin und haben uns zwei Eimer gekauft. Diese Leute wussten auch, dass wir Juden sind. Das war auch ein Fleischer. Und der hat uns die zwei Eimer verkauft und so musste mein Mann immer das Wasser holen. Zum Waschen und zum Kochen. INT: War Licht, hatten Sie || Licht? HS: Licht ||| ja. Wir durften sogar_, weil doch im Krieg durfte man doch kein Licht machen dann nachher wegen der Angriffe, nicht? Da musste es also alles dunkel und verhangen sein. Das haben wir uns dann auch besorgt, das Fenster zum Verhängen. INT: Hmhm. Und außer der_, wollen wir sagen, Sie haben gearbeitet, Sie haben, sind hin und her. Was konnten Sie noch? Konnten Sie Freunde haben? Haben Sie sich mit jemanden angefreundet? Wie war_? HS: Nein, nur mit diesen ganzen Fleischern, die mein Schwiegervater beliefert hat. Das
waren drei, glaube ich. Zu denen sind wir gegangen, dort haben wir zum Abendbrot gegessen. Und dort, wo wir waren, wo wir da bei dem Fleischer, beim dem Luka waren, der hat uns immer, da haben wir Mittagbrot gegessen. Mein Mann ist manchmal nicht gekommen, der hat dann, wenn die, nach den Bombenangriffen die Scheiben von denen mit Holz bekleidet. Und=und ich hab eben, wie gesagt, dort geräumt und gekocht. Und=und eben, da war die Toilette eine halbe Treppe tiefer und wie gesagt, gab es da, in der Nacht gab es einen Nachttopf, den musste ich dann morgens dort runter tragen, es war eine halbe Treppe tiefer. Aber das war nur unsere Toilette. // INT: Hmhm. /// Aber nichts zum Waschen, gar nichts. Nicht etwa ein=ein Ti-, Waschtisch oder was, nichts. // INT: Ja. /// Die haben sich gewaschen, die beiden hatten so, ich weiß nicht, ob Sie's noch kennen von früher, so eine Schüssel und einen Krug.
Da in dem Krug, da hat mein Mann dann eben Wasser geholt und dann hab ich mich in einem_, da gab's sogar eine Schüssel, eine Plastikschüssel, da durfte ich mich drin waschen, aber mein Mann hat genau geguckt, wie viel Wasser, dass ich nicht zu viel Wasser nehme. INT: Ja. Haben Sie Hunger gelitten? HS: Nein. // INT: Nie? /// Nein. Dann gab es für die christlichen Leute Brotkarten. Und da wusste ich aber nicht, wie ich zu dem Brot komme. Dann hab ich von=von Freunden so=so Marken bekommen für Brot. Da bin ich an einer Bäckerei dort rausgegangen und hab ges-, und da hab ich gesehen, die Frau hatte ein ganz verbundenes Bein. Sag ich: "Was haben Sie denn?" Und da, <INT hustet> da sagt sie: "Ich bin von=ähm, von Mücken gestochen worden", oder von 'ner Biene sogar. Dort wo sie gebacken haben, war warm und da sind die hingekommen. Und da hab ich gesagt: "Wissen Sie, ich kann
Ihnen vielleicht was besorgen, so eine Ichthyol-Salbe," das war so eine schwarze Salbe gegen so Stiche. Und das hab ich dann von diesem Mensch, der uns, der, der uns die Ausweise gegeben hat, der hat uns das auch besorgt. INT: Und das haben Sie ihr dann hingebracht? HS: Das, da hab ich ihr gesagt: "Ich weiß_." Und dafür hat sie uns dann ohne Marken Brot gegeben. Und sogar auch, wenn sie einmal in der Woche gebacken haben, da hat er uns, haben sie uns auch Kuchen gegeben. Mein Mann hat die Frau nicht gekannt, nur ich. // INT: Nur Sie. /// Ja. INT: Hmhm. (-) Und (-) hatten Sie da auch Angst während dieser Zeit? Was haben Sie da gespürt die ganze || Zeit? HS: Immer ||| Angst gespürt. Immer Angst. Und immer geschaut, ob nicht jemand hinter mir her kommt. Das mache ich bis heute noch komischerweise. INT: War irgendjemand mal hinter Ihnen? HS: Einmal war ein=ein,
ich glaube, es war ein jüdischer Spitzel auf der Straße. (-) Ich bin über die Straße gegangen, um dorthin zu kommen, zu dem Fleischer Luka. Und da ist einer, hab ich gespürt, hinter mir her gekommen. Da bin ich ganz schnell im Zickzack in eine andere Straße gegangen, da war er weg. Und dieser Schutzmann, der uns in der U-Bahn_, der hat_, da hab ich so scharfe Schritte gehört, wie ich mit meinem Mann von diesem Lebensmittelhändler, der uns die Lebensmittel gegeben (hat), gekommen bin, sind wir in die U-Bahn Frankfurter Allee und da hab ich so scharfe Schritte hinter mir gehört. Da sag ich zu meinem Mann: "Es kommt jemand hinter uns mit so Stiefeln." Und da hat er gesagt: "Ach wo!" und "Brauchst du nicht Angst zu haben." Wir sind in die U-Bahn rein und da kommt, da kommt, kommt er an uns ran und sagt, ein richtiger SchuPo, wie man das genannt hat da in Oberschlesien. Und da hat er gesagt, ähm: "Mich schickt eine Frau
hinter Ihnen her und Sie sind jüdische Spione." Und da fing ich an zu weinen. Und da kam die U-Bahn eingefahren und ich bin eingestiegen, erstmal in den Platz, nicht etwa gesetzt, draußen stehengeblieben, aber in der U-Bahn. Da hat er ge-, ist er zu mir gekommen und hat den angehalten, diesen, der=der da die Bahn, so eine Kelle immer runtergehalten hat, wenn er abfahr-, wenn der Zug abgefahren ist. Und da hat er gesagt: "Kommen Sie raus, junge Frau. Ich muss erst schauen, ob die Frau, die mich hinter Ihnen her geschickt hat, noch da ist. Wenn sie nicht mehr da_, das werden wir dann_. Aber laufen Sie nicht weg! Wenn Sie weglaufen, ist's viel schlimmer. Da kann's nur viel schlimmer werden. Ich guck, ob die Frau da ist." Ist er wieder runter gekommen, hat gesagt: "Die Frau ist nicht mehr da, hat sie wohl auch Angst bekommen." Dass sie sich auf sowas eingelassen hat. Und=und da hat er gesagt: "Die Frau ist weg und ich lasse Sie laufen. Aber geh-, gehen Sie jetzt bald, denn hier sind schon 'n
paar Menschen, haben sich schon um uns gescharrt und die sagen dann, ich hab Sie laufen lassen. Die wiss-, dürfen gar nicht wissen, wer Sie sind." Da haben wir gesagt: "Wir sind Juden und wir sind wirklich illegal." // INT: Das haben Sie gesagt? /// Das haben wir dem SchuPo gesagt. Der hat uns ja gesagt, wenn er raufgeht und die Frau ist weg, dann lässt er uns laufen. // INT: Hmhm. /// Da sind wir also beide ge=äh, wir konnten gar nicht laufen, so weich waren unsere Knie, da sind wir nach oben gegangen und da hat mein Mann gesagt: "Was machen wir jetzt? Wir müssen ja immer eine Bahn gebrauchen." Dann haben wir uns, glaube ich, hingesetzt auf die Straße, auf so'ne Schwelle zum Bürgersteig. Und da haben wir beide überlegt, was wir machen. Wir konnten aber nicht zu Fuß bis dahin laufen, das war sehr weit. (-) Dann sind wir später mit einer U-Bahn, mit einer Stadtbahn, glaube ich, bis nach, bis nach Mahlsdorf gefahren, das war 'ne Stadtbahn. Und von dort, von Mahlsdorf, da hatten wir, glaube ich, noch nicht das Rad,
da. Und wenn mein Mann das Rad hatte_, ich konnte nicht auf das Rad, denn da waren diese Kohlen, die wir gebraucht haben für den Ofen. Und da konnte ich mich nicht noch hinten auf'm Sitz oder vorne auf die Stange setzen, das ging nicht. Da bin ich gelaufen nebenan und er ist, und er ist mit'm Rad gefahren. // INT: Hmhm. /// So sind wir nach Hause gekommen. Also, diesen Tag sind wir beide gelaufen von Mahlsdorf. Und=äh und dann haben wir überlegt_, wir mussten ja weitermachen. Wir konnten uns nicht melden beide, wir wollten nicht. Wenn wir schon so lange gelebt haben illegal, da wollten wir uns nicht, äh, selber Preis geben. INT: Wenn Sie sich gemeldet hätten, was wäre dann? HS: Na, sofort abge-, ab nach Auschwitz oder irgendwo in ein Lager. Sofort. INT: Natürlich wollten Sie sich nicht melden. HS: Nein. INT: Nein. Und da sind Sie wieder zurück in diese selben || (unverständlich)? HS: Ja. ||| Ja. INT: Hmhm. Und wie ging das dann weiter? Also, Ihr Mann musste doch
arbeiten und so weiter. HS: Er ist auch fast jeden Tag raus gegangen. Wir sind dort immer weggegangen, weil wir den Leuten ja gesagt haben, mein Mann ist Pfleger und ich bin Laborantin. Dann ist dort ein Kind krank geworden. Und mein Mann war nicht da. // INT: Dort in der Nähe? /// Dort im Nebenhaus, im Zweit-Nebenhaus. Und da hat die F-, die Frau mich gerufen, hat gesagt: "Wenn Sie was verstehen davon, mein Kind hat so einen Ausschlag. Was kann_, ist das Scharlach oder ist das, oder ist das was einfacheres?" Das weiß ich jetzt nicht, wie das hieß. Masern. Und da bin ich hingegangen. Und da hab ich gesagt: "Das ist kein Scharlach, das ist Masern." Gedacht hab ich, dass das das sein wird. Ich hab es ja nicht gewusst. Und es waren wirklich Masern. Hat Gott geholfen. INT: Und haben Sie da irgendwas getan und_? || Nein. Nein. ||| Da hab ich gesagt: "Und jetzt frage Sie den Arzt, was, was Sie dafür nehmen, was Sie dazu nehmen müssen." Hatte Fieber. Aber ich hab ihr gesagt:
"Das ist kein Scharlach." Scharlach, da musste man, glaube ich, ins Krankenhaus. // INT: Hmhm. /// Da einzeln irgendwo hingelegt werden. INT: Hmhm. Und die Leute haben geglaubt, dass Sie Laborantin || sind? HS: Ja. ||| Ja. Wir sind ja jeden Tag raus gegangen. Ungefähr um die gleiche Zeit. // INT: Hmhm. /// Mein Mann ein bisschen später oder ich ein bisschen später. INT: Hmhm. Und da sind Sie geblieben bis? HS: Bis die Russen kamen. INT: Das heißt, || wie lange_? HS: 45 [1945] ||| im April. INT: Ja. Ge-, äh, wie lange waren Sie also in diesem Haus oder Schuppen? HS: Von 43 [1943] bis 45 [1945]. INT: 2 Jahre? HS: Ja. Fast 2 Jahre waren's. INT: Fast 2 Jahre. Hmhm. Was erinnern Sie sich noch, was in diesen 2 Jahren passiert ist? Also, ich mein, Sie haben gearbeitet und dann ist das alles passiert, was Sie mir || erzählt haben. HS: Ja. ||| Dann hat mich mein Mann mal angerufen bei den Leuten, bei den Lukas, wo ich gearbeitet habe, und hat mir gesagt: "Eben hat man ein Attentat auf Hitler [Hitler-Attentat, 20. Juli 1944] verübt.
Ich weiß nicht, wie ich nach Hause kommen werde, ob sie nicht die Stadtbahn_. Da kamen diese, die Soldaten mit so Schildern vorne (Feldgendarmerie). Und das war eine schlimme Polizei. Und da hat er gesagt: "Ich weiß nicht, wie ich nachher_. Ich werd erstmal warten, bis alles vorbei ist." Da war er bei anderen Fleischern, die das auch gewusst haben, dass wir Juden sind. Und so ist er dann zu mir gekommen und so sind wir abends nach Hause und wussten, dass es ein Attentat (gegeben hat), dass dem Hitler nichts passiert ist. INT: Hmhm. Und das war wirklich ein Attentat? HS: Ja. // INT: Sie wussten es? /// Ich weiß nicht mehr, welcher Tag es war. Es war kurz vor'm Ende des Krieges (20. Juli 1944). INT: Hmhm. Und haben Sie das gehört, dass=dass ihm nichts passiert war, dem Hitler? HS: Ja. Ja. // INT: Im Radio oder_? /// Im Radio. Bei den Leuten. Ganz leise, man durfte doch keinen englischen Sender hören. (-) // INT: Hmhm. /// (-) Das war ein Auslandsender. Wo sie gesagt haben, ihm ist nichts passiert, aber so viele Offiziere haben sie umge-, erschossen, || die das veranlasst haben. INT: Wo war Hitler
zur Zeit? ||| Wo war er da, der Hitler? HS: Ich glaube, er war in Berlin. Ja. Er hat doch unter der Erde so eine Wohnung gehabt. Einen Bunker. INT: Hmhm. Haben Sie irgendwelche Zeitungen lesen können oder_? HS: Ja. // INT: Was für eine Zeitung? /// Das haben wir mal bekommen, eine Allgemeine Zeitung. // INT: Allgemein. /// Ja. Das haben uns die Leute dann mal gegeben, damit wir das nachlesen können. Aber (es) stand ja nur drin, was Hitler wollte. Und (es) stand ja nichts drin, dass sie, dass sie in=in Russland, dass die Russen vorgekommen sind oder so. Das haben sie ja nicht gesagt. INT: Und auch nichts von den Konzentrationslagern? HS: Nein, das hat man, das hat man im englischen Sender gehört. // INT: Ja. /// Und das haben auch schon christliche Leute gehört, die uns das erzählt haben. Also, diese Fleischer, sonst sind wir ja mit niemandem zusammen gekommen. Die haben meinen Mann mit Freunden_, da war auch ein Freund darunter, der hatte auch ein, ein=äh, eine Fleischerei oder zwei Fleischerein. Und der
uns auch Fleisch und Wurst und Butter mal mitgebracht und so was. Es gab ja für die anderen auch nur Marken. Also, für uns hätte es sowieso nichts gegeben, da wir auch keine Marken hatten. Aber zu der Frau, hab ich dann immer Brotmarken von dieser Frau Luka bekommen, da bin ich immer zu dieser Frau da gegangen. Nach'm Krieg bin ich zu ihr gegangen und hab ihr gesagt: "Ich bin Jüdin. Und wenn Sie wollen, dann_, wir machen ein Fest dort und deshalb hab ich zu Ihnen gesagt, ich besorg Ihnen das_." und es, der Fuß ist auch abgeschwollen, es war so eine schwarze Salbe. Das hat der mir besorgt, der auch gewusst hat, dass wir Juden sind. Und so hab ich der öfter mal besorgt und sie hat mir dafür Brötchen oder Brot gegeben. Medikament, was sie einnehmen wollte. INT: Und außer Brot, äh, haben Sie leicht Lebensmittel dort ge=gefunden? HS: Ja, dort bei, dort bei dem Menschen, wo wir gewohnt haben, da sind wir einmal im Monat oder vielleicht auch einmal in drei Wochen hingegangen, der hat uns alles, Zucker und Mehl
und alles gegeben. Alles gegeben. Was wir zum Leben brauchten. Wir haben's gezahlt, nicht? // INT: Ja. /// Salz, Zucker, Mehl und alles, was man brauchte. Konserven. INT: Und konnten Sie da kochen in diesem_? HS: Dort hab ich einen Herd gehabt, wo man den Ofen reinstellen, wo man den Topf reinstellen musste, der ist ganz schwarz geworden, der Topf. Es war immer nur ein Topf, mehr Töpfe hab ich nicht gehabt. Also, da wurden, wurde alles gekocht. Wenn es gekocht war, musste ich rausnehmen, hab ich nebenan gestellt, da war's 'n bisschen warm und dann das andere gekocht. // INT: Hmhm. /// || Wir haben immer_. INT: Das haben Sie dann ||| am Abend gemacht? HS: Ja. // INT: Hmhm. /// Oder Mittags, wenn wir eben beide nicht weg waren. Aber möglichst sind wir jeden Tag_, weil wir ja gesagt haben, wir arbeiten. Da muss man ja jeden Tag arbeiten gehen. INT: Und waren die Leute nicht misstrauisch? HS: Ja, eine Frau hat mir eben gesagt, wo ich Wasser geholt hab, mein Mann Wasser geholt hat: "Ich kann mir nicht helfen, Sie sehen mir aus wie 'ne Jidsche." // INT: Was haben Sie gesagt? /// Das ha-, hab ich
gesagt: "Kann sein, aber ich hab nichts damit zu tun." Und bin in die Er-, fast in die Erde versunken, wenn sich'n Loch aufgetan hätte. Das hab ich dann meinem Mann erzählt. Wir sind trotzdem immer, weil wir wussten, das sind alles Kommunisten dort, (-) trotzdem sind wir weiter da hingegangen. "Und ihr Mann ist nicht eingezogen?" Sag ich: "Nein, mein Mann ist Krankenpfleger, der ist nicht eingezogen." (---) Hat immer das Wasser_ und da wollte er natürlich nicht das Wasser holen, dass man ihn sieht. Ein großer sta-, stattlicher Mensch, der nicht eingezogen war. Da haben sie gesagt: "Die=die, die drücken sich dafü-, davor." Mein Mann sah überhaupt nicht jüdisch aus. (--) Na ja. INT: Schwer zu sagen, wie sieht, wie sieht man aus als jüdisch, || ne? HS: Ja. ||| Ja. Aber eine hat's mir so auf'n Kopf zu gesagt. // INT: Ja. Ich weiß. /// Aber sie hat es nicht böse gemeint. // INT: Hmhm. /// Vielleicht hat sie was
geahnt, aber gesagt, äh, gesprochen haben wir nie wieder davon. Wir sind da hingegangen, wenn die gebacken hat, da haben sie uns eingeladen. Wenn wir gerade da waren, mal Sonnabend oder Sonntag. INT: // Hmhm. /// Wenn wir nicht zur Arbeit gegangen sind. // INT: Hmhm. /// Sonntag sind wir nie gegangen. // INT: Nie? /// Dann wusste man ja, denn wir Arbeiter arbeiten am Sonnabend, Sonntag nicht. INT: Nein, natürlich. Äh, also, Sie sind dort 2 Jahre geblieben, nicht? HS: Ja. INT: Und wie dann die Russen kamen, HS: Ja. INT: wie war das? || Was, was haben Sie gehört? Was hat man Ihnen_? Wie haben Sie das gemerkt? HS: Ja da s-_. ||| Wir haben gehört, ähm, also, Schläge, Bombenanschläge und_. Sie sind ja immer weiter gegangen und da haben sie erstmal das, das Land ges-, das gesäubert von den Soldaten, von den deutschen Soldaten. Türlich haben sie sie umgebracht und haben gesagt, ähm_. Und deshalb mussten wir sagen, deshalb hab ich das Schema (Schma Israel) sagen müssen, damit sie gewusst haben_. Sie haben meinen Mann gejagt
durch den Garten, sie haben alle Männer mitgenommen, wo sie_. // INT: Die Russen? /// Die Russen. Alle mitgenommen. Und da hab ich immer gesagt: "Wir sind doch Juden!" Und ich hab gewusst, dass heißt ewreij und haben ihnen das immer gesagt. Bis dann einer, ein Jude kam, so ein Leutnant oder bisschen höherer Beamter, (-) bisschen höherer Soldat. Und der hat dann gesagt: "Dann sagen Sie das Schema (Schma Israel)." Und da hab ich dann gesagt. Und da hat er gesagt: "Da kann Ihr Mann bleiben." // INT: Hmhm. /// Ich gesagt, wir werden in die Stadt reingehen, äh, wenn der Krieg aus ist. Da hat er gesagt: "Wir sind hier noch überall in der Gegend rum und die deutschen Soldaten_, jetzt trauen Sie sich noch nicht in die Stadt." INT: Hmhm. (---) Okay, wir werden's wieder wechseln, || ne? HS: Ja. ||| INT: <Portugiesisch, 2 Sek., nicht transkribiert> HS: Jetzt bring ich Ihnen Wasser. INT: Ich hab Wasser. <Ende Tape 2>
 
INT: Número três. Ja, Dona Hilde. Sie waren dabei (-) mir zu erzählen_, (-) was ich kann mich nicht mehr erinnern. Können Sie sich erinnern? HS: Die Russen kamen, nicht? INT: Ja! Genau, genau, genau. || Und wie ging das dann_? HS: Und dann hörten wir, ||| dass sie nicht weit mehr von Berlin sind. Und da haben wir eben ihn gebeten, uns noch so lange da zu lassen, es kann nicht mehr lange dauern. Sagt er immer, haben sie gesagt: "Lange dauern! Lange dauern! Das dauert ja lange genug für mich! Ich muss hier pflanzen und immer sind sie hier!" Aber er hat uns dann doch da gelassen. (-) Und so sind die Russen gekommen und wir haben im Garten gehört, wie geschossen wird. Und dann hat wieder einer geschrien und einer_, und=äh schreckliche Laute, die die von sich gegeben haben, die Sterbenden da. Und=ähm_. // INT: Das waren alle
Leute, die in der Nähe dort gewohnt haben? /// Ja. Die, hauptsächlich Männer. Und wenn sie, wenn sie, äh, wieder schießen wollten, haben sie sie eben erst, erst, zuerst abgeschossen, die Russen. Es war ja Krieg, war ja immer noch Krieg. Sie waren zwar in Berlin, aber es war immer noch Krieg. // INT: Hmhm. /// Und dann, äh, hörten wir Russen auf dem Weg, in der Mitte war ein, ein Weg mit Steinen. Da hörte man sie dort ankommen. Und wir waren dort im Kartoffelkeller unter der Erde. INT: Warum waren Sie dort? HS: Weil wir Angst hatten, dass_, die Bomben sind nur so <zischt> und <zischt>. Und die Bomben, die in der Nähe fallen, die hat man nicht gehört. Und da haben wir Angst gehabt, dass wir noch vor'm Schluss, kurz vor'm Schluss, dort sterben müssen. Und da haben wir, sind wir dort in den Keller gegangen. Da hatten wir beide kaum Platz, aber wir mussten ganz gebückt da sitzen und da bin ich wieder, bin ich eingeschlafen. Und da hat mein Mann gesagt:
"Wie kannst du schlafen? Was sich hier tut!" Also bin ich wach geworden. Und da hörten wir Schritte und dann sind schon welche auf uns zu gekommen und haben geschrien mit uns. // INT: Auf Russisch? /// Auf Russisch. Und ich versteh kein Wort Russisch. Da haben sie meinen Mann durch den Garten, durch den Garten gejagt. Sie wollten, hauptsächlich die Männer haben sie mitgeschleppt. Frauen haben sie vergewaltigt und die Männer haben sie mitgeschleppt. Also haben sie_. Und ich hab immer gesagt: "Ewreij! Ewreij!" Und ich wusste nicht genau, wie's heißt, aber mir hat jemand gesagt, das heißt Jude. Und da ist ein höherer Offizier gekommen und der hat zu mir dann gesagt: "Da(nn) sag das Schema (Schma Israel)." Und dann hab ich ihm das gesagt und seitdem hat er gesagt: "Dann könnt ihr bleiben." Und da haben wir gesagt: "Wo sollen wir jetzt hin?" Da hat er gesagt: Ja, das kann er uns auch nicht sagen, sollen wir n bisschen warten, es wird noch gekämpft und dann können wir nach n paar Tagen nach Berlin reingehen. Denn da draußen war ja nichts. Da draußen lagen nur tote Pferde und, und tote Leute und_. Schrecklich.
INT: Und der (-) Machota [Maszota? Anm. d. T.], nicht? HS: Ja. INT: Der war nicht dort in dem Moment? HS: Nein. INT: Der war woanders. Hmhm. HS: Ja. INT: Und wie lange sind Sie dann dort noch geblieben? HS: Nur ein paar Tage. Dann bin ich mit meinem Mann, ähm, in die Stadt gegangen. Also, sind wir noch über Brücken, die fast im Wasser lagen. Und da hab ich immer gesagt, ich habe Angst da hinzugehen. Der, das wird jetzt, der Stein da runter fallen. Da hat mein Mann mich an die Hand genommen, hat er gesagt: "Jetzt gehen wir nach Berlin." Und so sind wir angekommen und haben gehört, dass dieser Julius Meyer das ein bisschen einrichtet dort, wer zurückgekommen ist und wer aus'm Lager kommt, haben sie abgewartet und haben uns gesagt, sie können uns Kartoffeln, der Julius Meyer hat uns Kartoffeln besorgt und noch Gemüse, glaube ich. Und dann_. INT: Wo sind Sie da hingegangen? Wo, also, nach Berlin, aber wo? HS: In die Innenstadt. || Ja. INT: Ich weiß, ||| aber wo? In einem Haus oder in=in einem_? HS: Wir haben gesucht, wo_. Vielleicht hat uns auch jemand schon vorher gesagt,
wo dort die Gemeinde gegründet wird wieder oder welche Leute überhaupt da sind. Wir kannten ja auch den Julius Meyer nicht, der war zuerst da. Der Galinski [Heinz Galinski] ist aus'm Lager gekommen, der=der dann nachher der Vorsitzende von der Gemeinde war bis_, vor kurzem ist er gestorben. INT: Und das war gleich nach'm, nach'm Krieg also? HS: Gleich nach'm Krieg. Wir sind über, (-) das hab ich Ihnen ja gesagt, da haben Pferde gelegen, wo so Stücke rausgeschnitten waren, weil die Leute das gegessen haben, || gekocht. // INT: Mitten auf der Straße? ||| /// Mitten auf der Straße. Und wie viele Pferde haben wir gesehen! Es sind ja welche auch zu Pferd gekommen, nicht? Und=ähm da hat mein Mann immer gesagt zu mir: "Guck weg! Guck weg! Guck da nicht hin!" (--) Da sind wir da eben reingegangen, ich weiß nicht, ob wir dann da geblieben sind. Da hat er gesagt, ähm, zu uns: "Wir, ich werde dort mal nach Mahlsdorf gehen und dann werdet ihr irgendwo eingewiesen in ein Haus von so einem großen Nazi." Und so war's dann auch.
Dann hat er, ist er, glaube ich, mit uns mitgegangen. Dann ist mein Bruder doch gekommen. Da haben sie auch_, da sind wir auf das Einwohnermeldeamt dort in Mahlsdorf gegangen. Und da hat der Russe, der da war, zu uns, da hat er das Gewehr auf uns gehalten. "Wer du? Wer du?", hat er gesagt, wussten sie schon 'n bisschen Deutsch, wer wir sind. Da hab ich gesagt: "Das ist mein Bruder." So, nu konnt ich auch nicht Russisch. Und der konnte auch nicht Englisch, wie mein Bruder. (-) Und da hat er gesagt: "Ja, von wo kommt er?" Und da hat er an gehabt und da hab ich_, hat er die Uniform angehabt. Da sag ich: "Das gehört zum englischen Militär." Und dann hat er uns laufen lassen. Da hatten wir schon beide ein Rad. Da ist mein Bruder auf'm Rad und ich auf'm Rad dorthin gefahren, wo wir gewusst haben, wo schon so eine Stelle ist, wo man sich melden kann. INT: Und=äh Julius Meyer, den kannten Sie vorher nicht? HS: Nein. Nein. INT: Und wie wussten Sie da=äh, wie sind Sie, wie sind Sie zu ihm gekommen? Das war dort in der Gemeinde oder wo? HS: Ja. Da sind wir zur Gemeinde,
irgendwo zur Gemeinde gegangen. Das weiß ich nicht mehr, wo. Ich kann mich sogar an die, an das erste Mal, dass ich den Julius Meyer kennengelernt hab, überhaupt nicht erinnern. INT: Aber wie Sie dort ankamen, haben Sie Ihre Sachen alle-, ni=nicht mitgenommen, was Sie || da hatten? HS: Nein. ||| Nein. // INT: Alles dort gelassen? /// Alles dort gelassen. Wir sind auch, glaube ich, wieder da zurückgegangen. Aber ich weiß nicht, ob am gleichen Tage, ob wir nicht bei jemandem gewohnt haben. // INT: Hmhm. /// Aber es waren ja fast keine Juden da. Gleich nach'm Krieg war noch niemand da. Die Meisten sind ja, es sind ja einige Illegale auch gewesen da drunter. // || INT: Die sind_? /// Aber die Meisten ||| (der Illegalen in der Zeit von 1943 bis 1945) hat ja die Kübler [Stella Kübler-Goldschlag, Stella Kübler-Isaaksohn, jüdischer Fahndungsdienst, Greifer] geholt (denunziert), von der das Buch die Ilona hat. INT: Wer ist Kübler? HS: Das ist eine jüdische Frau gewesen, bildschöne, blonde Frau, die ist dort in die Gaststätten gegangen, wo es markenfreies Essen gab und da hat sie alle Juden hingebracht. Wenn sie pro Tag so viel gebracht hat_, dadurch wurde sie nicht weggeschickt, nach Auschwitz. Jeden Tag wurde sie auf die Straße gelassen, um Leute zu holen,
die sie erkennt. // INT: Hmhm. /// Die hat die meisten über-_. Nach'm Krieg wollte man sie lynchen. Ilona hat das Buch davon. Die wollt mir das sogar geben, sag ich: "Ich will das nicht mehr lesen jetzt." // INT: Hmhm. /// Und da hat sie jeden Tag Leute_, die war (diejenige), die (die) meisten Juden angebracht hat, dort zu der Gestapo, die dort auch in der Stadt-Mitte irgendwo war. INT: Hmhm. Waren viele Leute in, wollen wir sagen, in Berlin selbst illegal? Weil Sie haben ja ein bisschen draußen gewohnt. // HS: Ja. /// Waren viele Leute dort? HS: Ja. Es waren illegal, ich glaub, wir waren nachher 16. // INT: Hmhm. 16. /// Die illegal gelebt haben. Viele haben sie auch bekommen, das, (die) hat sie ja geholt da von den. Wir sind dort nicht hingegangen. Uns hat man gewarnt: "Geht dort nicht essen. Lieber esst irgendwas, aber ko-, geht nicht dahin." Da hat man uns gewarnt, weil man wusste, von da war die Frau Kübler [Stella Kübler-Goldschlag, Stella Kübler-Isaaksohn, jüdischer Fahndungsdienst, Greifer] da hingeschickt. Auch andere jüdische Leute, nicht nur sie. Auch andere Juden haben
Juden angebracht. Wir Juden erkennen Juden wieder, nicht? INT: Und was war_, warum haben die, diese Juden das getan? HS: Weil sie frei gekommen sind. Sie sind nachher, glaube ich, gar nicht frei gekommen. Wie der Krieg zu-_, sie wurden nicht nach Auschwitz geschickt, sie wurden nicht in die Läger [Lager] geschickt. Sie durften für jeden, den sie gebracht haben, bleiben. Aber jeden Tag mussten sie raus. Und dann mussten sie jeden Tag wenigstens einen oder ich weiß nicht wie viele, mitbringen. (-) Und der wollten wir nicht begegnen, also das haben wir im Großen_. Und dort in der Nähe hab ich dort gearbeitet bei Luka. Also hab ich immer aufgepasst. Um das Haus hab ich da 'n großen Bogen_. Oranienburger Straße, da wurden sie alle hingebracht, die Juden. Das war Stadtmitte. (5) Na ja. INT: Und=äh wie Sie dann eben nach dem Krieg dort bei Julius Meyer mit dem || (unverständlich), HS: Ja. ||| INT: dann haben Sie,
wo haben Sie da gewohnt? Wo ha-_? Hat man Sie irgendwo hingebracht da, wo ein Na-, oder wo der Nazi_? HS: Ja. Dort in dieses schöne Haus da. INT: Hmhm. Und der Nazi war nicht mehr da? HS: <schüttelt den Kopf> Es war 'n Blutordensträger, der ging vorn mit der roten Fahne, was weiß ich. Und den hat man wohl geholt, die ganze Familie weggebracht. // INT: Hmhm. /// Die sind auch bestimmt, glaub ich, nie wieder gekommen. Den haben sie, glaub ich, umgebracht. Gleich nach'm Krieg || haben wir_. INT: Was haben Sie ||| gespürt, wie Sie gesehen haben, dass die Russen // HS: Ja. /// die Deutschen getötet haben und so weiter oder gejagt haben? HS: Genugtuung haben wir empfunden. Wir haben gesagt, das, was sie gemacht haben, das müssen sie jetzt bezahlen. // INT: Hmhm. /// Ich hab immer gehofft, dass wir wieder in ein freies Leben kommen. Mein Mann, mein Mann hat nicht so viel gehofft, wie ich. Ich hab immer gesagt: "Wie Gott es will. Wenn wir_." Ich glaube sehr an eine innere Bestimmung. Und da hab ich immer gesagt: "Wie Gott
es will. Wenn wir nicht leben sollen, dann werden wir eben umgebracht werden und wenn wir leben sollen, dann werden wir leben." INT: Hmhm. Und der Rest von Ihrer Familie, also Ge-_, Ihre Eltern, weiß ich schon. // HS: Ja. /// Und Ihre Geschwister? HS: Der Herbert, der älteste, der jetzt auch noch in Israel ist, der ist, der ist mit der Frau, hab ich Ihnen gesagt, || alles im Wasser gelassen, da angekommen. INT: Ja. Ja. ||| HS: Der jüngere Bruder war auf Hachschara. Und meine Schwester ist nach Israel gegangen mit ihrem, sie hatte einen jüdischen Mann in Berlin geheiratet und ist mit ihm nach Israel gegangen. Die waren alle draußen. Und meine Schwester Käthe, die älteste meiner Schwestern, (-) die konnte nur noch nach Shanghai gehen. // INT: Aber, äh, da war noch eine Schwester? /// Die, äh, die lebt in London, die lebt jetzt noch in London. // INT: Ja und_? /// Die war in Israel, hat dort einen Engländer geheiratet, einen Christen und ist mit ihm nach London gegangen. INT: Und ist irgendjemand umgekommen
von Ihrer Familie? HS: Meine jüngste Schwester, die Irmgard. INT: Und warum ist es mit ihr passiert? HS: Weil sie in Beuthen [Bytom] geblieben ist und dort hat man sie alle, von allen gewusst, die Juden waren. || Während man das in Berlin nicht wusste. INT: Sie ist die, ||| sie ist die einzige, die dort geblieben || war? HS: Ja. ||| Mit ihrem Mann. War jung verheiratet. INT: Hmhm. Und von der haben Sie nichts mehr || gehört? HS: Nie wieder ||| gehört. // INT: Hmhm. /// Man hat nur gesagt, an dem Tage sind, wie sie weg kamen, sind alle nach Auschwitz gekommen. INT: Hmhm. Okay, also wieder zurück: Nach'm Krieg, HS: Ja. INT: wie=wie haben Sie dann wieder angefangen, Ihr Leben aufzubauen? HS: Also, dann haben wir gehört, in Berlin_. (-) Dann sind wir dort nach Mahlsdorf und jeden Tag von Mahlsdorf reingefahren, immer hören, ob, was da los (war). Mein Mann wollte natürlich in seinem Beruf arbeiten. Und da haben wir gehört, es wird eine koschere Fleischerei aufgemacht. Da waren 20 Bewerber, waren schon jüdische Fleischer da, die
auch verstanden haben, Wurst zu machen. Aber wir hatten dann einen christlichen Wurstmacher, der=der durfte das machen. Und da haben wir, da hat mein Mann sich beworben. Das ist von einem der Bilder da <deutet hinter sich>, wo so geschlachtet wird. Da musste er auch zeigen, dass er schächten kann. Das hat er dann auch gemacht und dann hat man, er war jünger als die anderen alle, die zurückkamen, und dann hat man ihm, weil man gesehen hat, er hat einen Meisterbrief und einen Gesellenbrief, und dann hat man ihm das gegeben, weil man gesagt hat, er ist jung und er_. Ach, dann hat man ihm Fleisch gegeben und gesagt (gefragt), was das für Fleisch ist und von welchem Stück. Mein Mann hat jeden Fussel vom Fleisch gekannt. Und da hat er also richtig das gesagt. Und so hat er das bekommen, die Genehmigung zum koscher Schlachten. INT: Hmhm. Waren da jü-, genug Juden, um das koscher Fleisch zu essen? HS: Dann waren schon mehr Juden da. // INT: Hmhm. /// Und die haben dann, die haben Marken bekommen. Denn die christlichen Leute haben
nur auf Marken bekommen. Und dann haben die Juden auch auf Marken, also, die jüdische Gemeinde hat das, glaub ich, viel mehr bekommen. Und sie haben Büchsenfleisch und wir haben Frischfleisch bekommen. Das hat mein Mann von den Amerikanern, die haben das eingeflogen nach Berlin. INT: Aber waren da Juden genug, um=um, wollen wir sagen, so viel=äh koscher Fleisch zu || essen? HS: Ja. ||| Ja. Im Anfang waren es weniger, nachher sind's immer mehr geworden. Kamen ja dann sehr viele nach Berlin zurück. // INT: Hmhm. /// Wir durften nur auf diese Karten geben. Und christliche Leute, hab ich Ihnen ja gesagt, die haben Fleisch abgeladen und da haben sie die Zipfel, die runtergefallen sind, die aus den Nachbarhäusern, überall haben sie angestanden danach und haben das von der Erde aufgehoben und nach Haus genommen. Von den_. Wir haben so, so Viertel immer bekommen, nicht? Wir haben ja nur Vorderviertel, weil es ja koscher war. Und was dann runter gefallen ist, wenn sie das so hier drüber getragen haben, da, das ist runter gefallen und das durften die aufnehmen. Dann haben wir verkauft,
es kommt die Ilona, dann haben wir Suppe verkauft von dem abgekochten Fleisch für die Wurst. Das haben wir auch verkauft. Ich weiß nicht, ob's 30 Pfennig oder 10 Pfennig war, das durften sie kaufen. Da haben sie auch Schlange um das ganze Carré, um das ganze Steil-, Stadtteil. INT: Und Sie haben gesagt, (es) sind viele Leute zurück nach Berlin. HS: Ja. INT: Wo waren die alle? HS: Die meisten waren in Lägern [Lagern]. (-) Oder illegal auch in anderen Städten, aber da wussten sie, in Berlin, ist doch Hauptstadt gewesen, da sind viele Leute gekommen. Es sind meistens_, deutsche Juden sind fast nicht aus den Lägern [Lagern] gekommen. Alles Polen. || Alles Polen. // INT: Hmhm. ||| Also keine deutschen Juden? /// Fast keine Deutschen. Wir hatten noch ein Ehepaar, die auch illegal gelebt hat und mehrere Ehepaare. Und die haben sich dann dort auch gemeldet. INT: Äh, was war Ihre Reaktion, also, dass die
polnischen Juden // HS: Ja. /// nach Berlin kamen? Zum Beispiel, was war die Reaktion von den Polen selbst, von den polnischen Juden, dass sie doch nach Berlin, wo die ganzen Deutschen waren? HS: Ja. Aber sie wussten, dass in Berlin schon mehrere, (-) dass schon viele aus den Lägern dorthin gekommen sind. // INT: Hmhm. /// Und dass auch illegal gelebt hat ein Teil. Es waren ja viel zu wenig, waren ja_. // INT: Und das wussten die Leute? /// Das wussten die. Und Sie wissen ja, polnische Juden sind mehr als wir so, nicht? Machen 'n bisschen so und dann sind sie schon da. (4) || Und_. INT: Hmhm. Und ||| wie ging das dann weiter? Also, äh, Ihr Mann hat dann gearbeitet || und Sie_? HS: Ja. Und ich war, ||| wir hatten nur, glaub ich, zwei oder drei Mal in der Woche offen das Geschäft. Weil mein Mann musste ja das Fleisch einkaufen und wir mussten die Wurst machen. Da hatten wir zwei oder drei Mal in der Woche geöffnet. // INT: Haben Sie mitgeholfen, die Wurst zu machen? /// Ja, schon_. Mein Mann ist zum Viehhof um halb 5 und ich bin um halb 6 ins Geschäft gegangen.
Das war ne, weit zu laufen, wo wir gewohnt haben, in Friedenau nachher, bis dorthin. Und da haben, ähm, dann hab ich die Ilona, ist die Ilona geboren 47 [1947]. Und da hatte ich schon jahrelang ein Mädchen (Hausmädchen), diese, zu der sie immer Detta (nach Gehör) gesagt hat, die Meta (nach Gehör) hieß. Und so ist sie immer mittags mit dem Kind zu mir gekommen in die Fleischerei, damit ich zusammen mit, mit ihnen essen konnte. // INT: Hmhm. /// Und mit meinem Mann. (-) Wir haben schwer gearbeitet in der Zeit, schwer gearbeitet. Mein Mann musste um 5 raus, also, um halb 5 manchmal auf'n Viehhof. Und da hat er gesagt: "Du musst in der Zeit im Geschäft sein, wenn die Angestellten kommen." Sind auch viel früher gekommen, als man_, um 8 Uhr. Und da bin ich immer runter und ich musste aufpassen, wenn die in, eingeräumt haben in den Laden, dass sie sich nichts einstecken. Das waren alles christliche Angestellte, wir hatten nur einen Schoret, einen jüdischen, ein alter Herr. INT: Und wie haben sich diese
christlichen Angestellten || benommen? HS: Fantastisch ||| benommen zu uns. Fantas-, zu mir haben sie Madame gesagt und zu meinem Mann haben sie Chef gesagt. INT: Hat-, haben Sie 'ne Ahnung, wo diese Leute waren während dem Krieg? HS: Eingezogen zum Teil, zum großen Teil. Aber auch schon n paar Ältere, die nicht_, doch einer hat zum Beispiel, die=die Ilona besucht hat, der-_, ich auch, der, wir haben ihn ins Hotel eingeladen. Der kam und der hatte im Krieg eine Fußverletzung und jetzt kann er gar nicht mehr laufen. Jetzt geht er, glaub ich, an zwei Stöcken. Das war unser bester Arbeiter, der beste Geselle, den wir hatten. // INT: Hmhm. /// Der war anständig und wenn mein Mann gesagt hat: "Ich muss noch dahin fahren"_, wir haben (einen) eigenen Wagen dann nachher gehabt, n alten Wagen natürlich, gab ja noch keine neuen Wagen. Und da ist=ähm, der hat uns, wir hatten ja im Osten auch ein Geschäft. || Und als_. INT: Also, Sie hatten ||| zwei Geschäfte? /// Zwei Geschäfte.
Jetzt waren die, das steht in der, in der Zeitung drin, dass die jüdischen Geschäfte, das, ich glaube, das hat Ilona mir auch gelassen, in einer Hand von Arno Simon waren, die jüdischen koscheren Fleischereien. (-) Und da waren schon ne Menge jüdische Leute da, sehr viele. INT: Und war da wieder jüdisches Leben? HS: Ja. Da hatten wir gleich einen Ball. Da haben wir einen Kantor, der ist jetzt noch Kantor in Berlin. Wenn wir nach Berlin fahren, gehen wir beide in die Synagoge, die Ilona und ich. Und dann is-, kommt er meistens_, dann müssen wir ihm sagen, von wo wir sind, weil er uns nicht erkennt. // INT: Hmhm. /// (-) Er ist jetzt alt geworden, war ein, ein Grieche. // INT: Ein Grieche? /// Ein Grieche. INT: Und=äh wie lange sind Sie in Berlin geblieben? Bis wann? HS: (-) Bis 54 [1954], wie wir ausgewandert sind. // INT: 54 [1954], hmhm. /// Solange hatten wir, die Läden hatten wir, glaub ich, bis, von 47 [1947], glaub ich, bis 51 [1951].
INT: Und die Gemeinde dort ist dann gewachsen? HS: Ja. // INT: Hmhm. /// Da gab es schon mehrere Leute, die das geleitet haben, außer'm Julius Meyer noch n paar. INT: Und warum sind Sie ausgewandert 54 [1954]? HS: Weil mein Schwager hier war und die Eltern von meinem Mann. Aber der Vater, der Schwiegervater, mein Schwieger-, ist schon früher gestorben. Mein_, ich, das Telegramm, weiß ich gar nicht, wo ich das habe, hat mein Schwager_, wir haben, sie-, mein Schwager hat hier in der Zeitung gelesen, wer überlebt hat. Das gab es. Und da hat er gelesen: "Hildegard und Arno Simon". Da hat er, er hat in Rio gelebt, da hat er zu der Schwiegermutter telefoniert, zu seiner Mutter, und hat nur ein Telegramm geschickt: "Arno und Hilde leben. Glückwunsch! Siegbert." Und da hat die Mutter ge-, die Mutter hat immer gesagt: "Mein Sohn lebt. Mein Arno lebt", hat sie immer gesagt, trotz dem sie gar nicht wissen konnte. // INT: Nein. /// So wenig Menschen haben das
überlebt. INT: Und=äh dann sind, dann haben Sie sich entschlossen herzukommen? HS: Ja. Hat mein Schwager geschrieben: "Und das ist ein schönes Land. Und da braucht ihr keinen Wintermantel und es ist immer warm." Und so_, und da wir, da mein Mann nur den einen Bruder hatte, sind wir nach Brasilien gekommen. INT: Aber wollten Sie auswandern in diesem, wollen wir sagen, in 54 [1954]? HS: Eigentlich nicht. Ich nicht mehr. Aber_. INT: Wie haben ||| Sie sich damals dort gefühlt? Also, war das wieder ein Leben? HS: Ja. // INT: Hmhm. /// In Berlin, meinen Sie? INT: Ja, ja. || In Berlin. HS: Ja. ||| Eigentlich wollten, wollten wir nicht geh-_. Mein Mann hat sich, war zwei Jahre vorher in Brasilien, ha-, da hat auch der Vater nicht mehr gelebt, nur die Mutter und die, und der Bruder natürlich mit Familie. Und da ist er hingefahren, da hat er uns da gelassen, die Ilona und mich, in Berlin gelassen. Wir haben eine sehr schöne Wohnung auch zugeteilt bekommen. Es gab da drin keine Heizung, weil die Heizung war alles kalt. Es gab nicht mal das Wohnungen
geheizt wurden. Und da haben wir uns einen Ofen gekauft, der die ganze Wohnung geheizt hat. Und da ist ein Schornsteinfeger zu mir gekommen, hat er gesagt: "Wie kommen Sie dazu? Sie haben kein Recht gehabt, Sie hätten die Schornsteinfegerei benachrichtigen müssen, dass Sie sich einen, eine Heizung kaufen." Sag ich: "Das nicht mehr. Das", hab ich ihm gesagt, "nicht mehr. Wir sind Juden und wir wollen's jetzt warm haben. Wir haben's kalt lange genug gehabt!" Hab ihm die Tür zugeworfen und weg war er, war nie wieder gekommen. INT: Und ist die Ilona in die Schule gegangen? HS: Ilona ist in die Schule gegangen. Als ich sie angemeldet habe in unsere Gegend, in einer christlichen Schule natürlich, gab ja keine jüdische Schule, da hab, da hat er gesagt, ja und das Kind und so und wie alt sie ist und alles gefragt. Und dann hat er gesagt: "Welchen Glauben hat sie?" Und da hab ich gesagt: "Jüdisch." Er hat auf so einem Roll-, auf so einem runden Stuhl gesessen, ich dachte, er kippt da über, so hat er sich erschrocken. Er sagt: "Das einzige
Kind!" In der ganzen Gegend hat er noch kein jüdisches Kind gehabt. Und das war 47 [1947] schon, ist die Ilona geboren, im November, und sie war 6 Jahre, als ich sie angemeldet hab. Das war immerhin 53 [1953]. INT: Und da ist sie in die Schule gegangen? HS: Da ist sie in die Schule gegangen, ich glaub, n halbes Jahr. // INT: Und dann sind Sie hergekommen? /// Ja. INT: Und wie war das, wie Sie ankamen hier? Was war Ihre Reaktion? Wie=wie haben Sie das Land gesehen? HS: Schrecklich. // INT: || Warum? /// Mein Mann ||| hat's noch schlimmer gefunden. Den Schmutz in Rio auf der Stra-_. Wir sind am Hafen angekommen, mit einem deutschen Schiff gekommen, sehr gutem Schiff. INT: Wie hieß das Schiff? Können Sie sich erinnern? HS: Das wir die Ilona sagen. INT: Na, ist auch egal. HS: Ja. Äh, das w-_. INT: Also, Sie kamen an, ||was_? Wa-_? HS: Wir kamen an. ||| Dann wurden wir abgeholt von meinem_. <zum Mikrophon gerichtet> Jetzt hab ich hier dran, || glaub ich, gebastelt. // INT: Nein, nein. Ist okay. ||| Okay. /// Und=ähm ist mein Schwager uns abholen gekommen und viele Freunde von ihm. Und unsere ganze Verwandtschaft. Es war, also, es war so was von=von freudig,
dass wir frei waren und dass wir in Brasilien waren, wo schließlich mein Mann seine Mutter hatte und wo er den einzigen Bruder hatte. // INT: Hmhm. /// Und dann haben wir hier auch angefangen mit=mit Fleisch, ne? INT: Das heißt, äh, Ihr Schwager hat in Rio gewohnt, aber Ihre Schwiegermutter hat schon hier (São Paulo) gewohnt? HS: Nein und mein Schwager hat damals auch schon_. // INT: || Hier_. /// Da ||| war er, glaub ich, er war Vertreter und er war_. Deshalb hatte das meine Schwiegermutter hierher gekabelt, also hierher n Tele-, Telegramm geschickt. // INT: Und=äh_. /// Sie hat immer gesagt, sie weiß, dass der Sohn lebt. // INT: Ihr Sohn lebt. /// Ja. INT: Hmhm. Natürlich_. Wie war die, der_, wie sagt man? HS: Der Empfang? INT: Der Empfang, ja. HS: Empfang war schrecklich, also, war zum Weinen und zum Lachen. Denn alle haben sich mit uns gefreut. Und wir haben die erste Zeit bei meinem Schwager gewohnt, (der) ein Haus hatte in der, weiß auch die Ilona, (wie die) Straße heißt. Im Westen von_. INT: Ja, ja. Und dann haben Sie dann hier, Ihr=Ihr=Ihr, äh, Ihr
Mann hat dann gleich // HS: Ja. /// dasselbe hier angefangen? HS: Angefangen, ja. // INT: Hmhm. Äh_. /// Und das ging wunderbar. Da es nur Fleisch gab für Juden, sind sie dann eben mehr geworden. Und wir haben, mein Mann hat viel geschlachtet. INT: Ah, er selbst hat geschlachtet? HS: Er selbst musste zum Viehhof und durfte zusehen. Aber ich glaube, er durfte schächten, das heißt, da wird dort der Hals geschnitten, damit das Blut ausläuft, || nicht? // INT: Ja, ja. ||| Hmhm. /// Und so haben wir dann eine Wohnung zur Miete bekommen. Neben Hanfs, ich weiß nicht, ob Sie kannten, die Rea Hanf (nach Gehör), dort neben Hanfs direkt ein Haus. Und das war für uns gut, wir haben ja keine Sprache gesprochen. Ich noch besser_. Mein Mann hat das bis zu seinem Tod nicht gekonnt. INT: Wie haben Sie das gelernt? Einfach so oder || haben S-_? HS: Mit ||| Dienstmädchen. INT: Und ging dann die Ilona sofort in die Schule? HS: Die Ilona ging dort in derselben Stra-, (unverständlich, Name der Straße) haben wir dann gewohnt, die erste Wohnung. Und dort ist sie in die Schule gegangen. Und dann in
die Rudolf-Steiner-Schule später. // INT: Hmhm. Okay. /// Sie hat immer, was sie gelernt hat, ihre ersten Worte, sie war noch nicht 7 Jahre alt, hat sie immer gesagt: <Portugiesisch, 3 Sek., nicht transkribiert> hat sie, das hat sie irgendwie so verstanden. // INT: Hmhm. /// Also, sie hat natürlich am schnellsten gelernt. // INT: Genau, Kinder, ne? /// Ja. INT: Hmhm. (--) Erinnern Sie sich an etwas, was Sie von der Kriegszeit erzählen wollen? Etwas, was Sie vielleicht vergessen haben? HS: (---) Ich glaube nicht. (--) Das hab ich Ihnen erzählt mit dem Schutzmann da, mit dem Polizisten. (---) INT: Sie wollten was von einem Brief erzählen? HS: Dieser Brief, den der an uns gerichtet hat, der erste, mein Vorarbeiter. || Er w-_. // INT: Wann haben ||| Sie den Brief bekommen? Drüben oder hier? /// Nein, dr-, in Berlin. Da haben wir ihn gebeten, wie er uns rausgeworfen (hat),
hat gesagt, wir können nicht mehr kommen, haben wir ihn gebeten, ihm die Sachen, uns die Sachen zu geben oder zu schicken oder zu holen. Er wohnte ja nur zw-, n=äh, nur vielleicht, ich weiß nicht, wie weit, paar Straßen weiter. (-) Und da haben wir gesagt, er möchte uns das doch bringen. Da er gesagt hat, die Polizei sucht uns und ich ihm ins Gesicht gesagt hab, ich glaube das nicht, war er mit mir sowieso stockböse. Also, mit meinem Mann, er schreibt auch den Brief an meinem Mann: "Lieber Arno", schreibt er noch, || aber_. INT: Und was ||| schreibt er in dem Brief? HS: Wir sollen ihn nicht mehr belästigen, denn er hätte nichts mehr von uns. Im Gegenteil, wir hätten von ihm. Und wir sollen ihn nicht mehr belästigen, sonst gi-, übergibt er uns dem nächsten, der nächsten Polizeiwache. || Das steht da drin. INT: Das war nach'm Krieg? ||| Oder vor? HS: Na, im Krieg. // INT: Ja, im Krieg. /// Im Krieg. Wie wir dort zu dem anderen || gegangen sind. // INT: Ja, ja. Hmhm. ||| /// Dort hat er das, dort hat er das hingebracht und hat das irgendwo dort im Briefkasten oder hat uns in die Hand sogar gegeben. Und er will nicht mehr mit uns gesehen werden und wir sollen uns ja nicht
sehen lassen bei ihm. INT: Und haben Sie den nochmal gesehen später? HS: Die Frau hab ich immer in meinen Sachen gesehen. Und ich hatte || keinen Wintermantel, hat er gesagt_. INT: Ja, aber nach dem Krieg, ||| meine ich. HS: Nach'm Krieg haben wir ihn angezeigt. Wir sind dorthin reingegangen, haben unser Porzellan und so was geholt und=ähm und Glas oder Kristall, ich weiß nicht mehr genau, vielleicht war's auch noch n Teppich. Und=ähm (-) und dann haben wir ihn angezeigt. Da ist er vor Gericht gekommen, ich glaub, wir durf-, brauchten gar nicht zum Gericht, wir haben das schriftlich gegeben. Da ist er für'n halbes Jahr, weil er uns das Leben gerettet hat zum ersten Mal, na-, er hätte, sonst hätten wir nicht gewusst, wohin. // INT: Ja. Das ist wahr. /// Er hat uns bei sich behalten n dreiviertel Jahr ungefähr. // INT: Hmhm. /// Mich von, von Dezember bis, Anfang Dezember bis 6. Juli, da hat er uns, glaub ich, rausgeworfen. Und's steht kein Datum leider auf dem Brief. Und sein Nachname auch nicht. Aber so langsam, glaub ich, mit He-
fing er an, also, ich=äh || vielleicht komm ich noch darauf. INT: Lebt er noch? ||| Lebt_? || Nein. HS: Nein. ||| Nein. Ich glaube nicht. Der war schon damals, ich war jung, aber er war schon älter. Als Vorarbeiter hat er schon eine höhere || Stellung gehabt. INT: Und der andere, ||| der Machota [Maszota? Anm. d. T.], lebt der noch? HS: Nein. Ist Frau und Mann gestorben. || Da war die Ilona bei dem Sohn. INT: Mit dem hatten Sie noch Kontakt, ||| ah ja. HS: Ja. Da sind wir auch aus Brasilien hingekommen und ich glaube, mein Mann hat ihm Geld gebracht. Und wir haben ihm, äh, in Berlin aus den koscheren Fleischereien auch immer Fleisch und Wurst, da hat er doch noch nicht bekommen, hingebracht. Davon hat allerdings der Sohn gesagt, bei dem die Ilona jetzt war, er weiß nichts davon. Er weiß nur, dass der Vater mit, mit meinem Mann gezankt hätte, aber nur gezankt deshalb, weil wir nicht raus wollten. Wir sind auf Knien ge-, haben wir ihn gebeten, dass er uns noch lassen soll, weil wir wussten, sie sind nahe von Berlin. INT: Hmhm. Und sind Sie oft nach Berlin oder überhaupt nach Berlin zurück, wie Sie da schon hier gewohnt haben? HS: Ich, wir sind sehr oft, mein Mann
und ich, wir sind jedes zweite Jahr auch mit der Ilona und ohne sie, sie hat ja auch in Deutschland studiert und sie hat in England studiert und sie konnte Deutsch und Englisch. // INT: Hmhm. /// Und Portugiesisch natürlich. Und=ähm dann haben wir sie auch mitgenommen und haben sie dort in der Schule gelassen. // INT: Hmhm. /// Ich weiß nicht mehr, wie die Schule hieß. // INT: Hm, ist nicht so_. /// Und in England war sie auch, (--) war sie, glaub ich, 2 Jahre. Und dann ist sie immer Wochenende zu meiner Schwester, die dort in London lebt, gegangen. INT: Und dann, äh, die Ilona hat geheiratet? HS: Ja. INT: Wie heißt Ihr Schwiegersohn? HS: Mein Schwiegersohn heißt Richard Scht-, Strimber, Richard Strimber. INT: Und haben Sie Enkelkinder? HS: Ja. INT: || Wie heißen sie? HS: Zwei. ||| Jackie und=äh und Anik. Weil meine Sch-, eine Schwester, die ich noch hatte, die ist=äh im Lager umgekommen und mein, mein Mann war schon tot_, weiß ich nicht, warum hab ich den Namen_? A-
hab ich gesagt, nach meinem Mann, möcht ich gern, die Anik. Wenigstens den ersten ersten Buchstaben. Weil Jack hieß der Mann, der Vater von meinem Schwiegersohn, da ist der Jackie nach benannt, weil er zuerst geboren ist. INT: Hmhm. Haben Sie noch irgendetwas, was Sie sagen wollen, erzählen wollen? HS: Nein, nur nach dem Krieg hatten wir eben das Geschäft, war s-, hat uns sehr in Anspruch genommen. Meinen Mann schon so früh. Und, und wir hatten so viel Gesellen, wie Sie da gesehen hatten, es war 'ne ganze Menge. Und wir haben für ganz Berlin eben geliefert. Und dann, wenn die Christen auch Fleisch bekommen haben, da war das schon, da war das Geschäft ging bergab und da haben wir's, da sind wir nach Brasilien gegangen. // INT: Hmhm. /// Ja, mein Mann war vorher noch in einer, in einer Wurstwaren-Fabrik beteiligt. INT: Ein || Momentchen // HS: Ja. ||| Ja. /// nochmal, ja? <Ende Tape 3>
 
INT: <portugiesisch> Número quatro. Dona Hilde, (unverständlich) que a senhora terminou dizer seu relato. Eh, o quis a senhora gosta (unverständlich) deixar pras futuras geraçãos? Seus netos, bisnetos, todos. Alguma coisa que a senhora senti com todo que a senhora passou? <portugiesisch, Ende> (Dona Hilde, Sie waren fertig mit der Erzählung Ihrer Erlebnisse. Gibt es noch etwas, dass Sie zukünftigen Generationen hinterlassen möchten, in Anbetracht dessen, was Sie erlebt haben? Ihren Enkeln und Großenkeln?) HS: Ich würde sagen, ich wünsche es niemandem von meinen, nicht Kinder und Enkelkinder und kei-, und vor allem keinem jüdischen Menschen, dass er das nochmal mitmacht, was ich mitgemacht habe. Trotzdem bin ich glücklich, dass ich es überlebt habe. Denn so wenig Menschen sind geblieben. INT: Äh, glauben Sie, dass Sie heute noch drunter leiden? HS: Nein.
// INT: Nein. /// Es ist jetzt ein bisschen vor der Zeit gewesen, vor_, dass ich ein bisschen da daran gedacht habe, aber im Allgemeinen hab ich's nicht vergessen, aber es ist_. INT: Sie träumen nicht davon? HS: Nein. Nein. Und ich schreck nicht auf im Schlaf und das alles nicht mehr. INT: Okay. Haben Sie noch irgendwas, was Sie sagen wollen? HS: Ich glaube nicht. INT: Nein. Okay. <Portugiesisch, 3 Sek., nicht transkribiert> (Dann machen wir jetzt mit den Fotos weiter) <Bild 1> INT: Dona Hilde, a senhora pode descrever a foto? HS: Ja. Das sind meine Eltern. Die sind, äh, zu mir gekommen, als die Ilona geboren ist. Und das ist ungefähr, das ist dann paar Tage später, als ich mit ihr aus'm Hospital nach Hause kam. // INT: Im Jahre? /// Im Jahre 1947. <Bild 2> HS: Das ist das Ehepaar, bei denen wir illegal gelebt haben. Und er war mein Vorarbeiter, wie ich
Zwangsarbeit machen musste bei Pertrix. Und der hat mir gesagt, wir könnten eventuell bei ihm unterkommen, weil ich ihn gefragt habe, ob er nicht jemand weiß, wo wir illegal leben können. Und das haben wir dann auch getan. // INT: Und dieses Bild wurde || aufgenommen_? /// Und dieses ||| Bild wurde, das wird 43 [1943] gewesen sein, denn wir waren, nur ein halbes Jahr hat er uns nur da gelassen, dann hat er uns ja rausgeworfen. <Bild 3> INT: Bitte. HS: Da hatten wir dann illegal gelebt, als der uns rausgeworfen hat, hat uns ein U-Bahn-Schaffner, ein, ein katholisch-frommer Mann, äh, in=in seinen Schuppen genommen, das war draußen auf'm Land in Hönow. Und das war ungefähr dann=äh 43 [1943], 44 [1944] kann's auch gewesen sein. // INT: Wann wurde das Bild aufgenommen? Damals? /// Damals, ja. <Bild 4> Das sind die, die
Dorfbewohner, die vis-à-vis und nebenan bei uns gewohnt haben. Da wir kein Wasser hatten, mussten wir dort immer Wasser holen. Und (-) und dort hat mein Mann Wasser geholt oder eben ich. Und das sind die Leute, das waren sehr viel Kommunisten da drunter, die uns das gegeben haben, die aber nicht gewusst haben, dass wir Juden sind. <Bild 5> INT: Okay. HS: Das ist unsere koscher F-, koscher Fleischerei nach'm Krieg in der Maxstraße in Berlin. Das war z=ziemlich groß und wir durften nur jüdische Bevölkerung versorgen. Dort gab es Wurst und Fleisch. Und da haben meine Eltern, als sie bei mir waren, dort war eine Wohnung hinter, die haben dort gewohnt. <Bild 6> INT: Okay. HS: Das ist unsere, das sind unsere Angestellten in der, eben Fleischerei oder auch Wurstwaren-Fabrik. Das waren
alle unsere Freunde und waren furchtbar nett zu uns, sind alles christliche Leute. Nur da ist einer, der auf das koschere Fleisch geachtet hat, ein jüdischer Mensch. <Bild 6> Das ist mein Bruder, der uns nach der Illegalität im Jahre 46 [1946] besucht hat. Er war Soldat, äh, israelischer Soldat oder bei den, bei den britischen Soldaten und ist zu mir gekommen und hat mir seine ganze Schokoladen-Versorgung von den ganzen Monaten vorher, als er gewusst hat, dass wir leben, uns mitgebracht. Es hat kaum Platz gehabt auf meinem Nachtisch. Und äh, und dann sin=sind wir auf die Behörde gegangen, um zu sagen, dass, dass er der Bruder ist, dass er mein Bruder ist, sonst hätten sie gefragt, wer das ist. Und da haben wir ihnen das erklärt, dass wir Bruder und Schwester sind. <Bild 7> INT: Hmhm. HS: Das ist ein, ein Stern, der aus Stoff, den wir tragen müssten,
mussten vor der Illegalität. Da musste jede Ecke angenäht werden und das musste links von, links auf der Brust sein und damit man das gut sehen konnte. Und solche aus Stoff haben wir mehrere gehabt, aber ich hab wahrscheinlich die schon weggetan. Und der andere, wo "Jude" draufsteht, das wurde bei uns in der Fabrik, wo ich zwangsgearbeitet habe, gestanzt und wir mussten das, weiß ich nicht mehr, ob 1 Mark oder 10 Pfennig, kaufen. Das mussten wir vorne auf der Brust tragen und hinten am Rücken, dam-, damit sie gewusst haben, schon von Weitem, allerdings waren w=wir nur Juden in dieser Abteilung. INT: Okay. <Bild 7> HS: (Das sind meine) Geschwister, mein älterer Bruder und mein jüngerer Bruder und meine Schwester, die jetzt in London lebt. Da fehlt nur, da fehlt nur mein, meine jüngste Schwester, die, die im Lager in Auschwitz umgekommen ist. // INT: Hmhm. /// <Bild 8> KAM: Grava. (Nimmt auf.) HS: Das ist ein Telegramm, was mein
Schwager, der in Rio war zu dieser Zeit, seiner Mutter nach, nach=äh São Paulo, äh, das Telegramm, das er ihr geschickt hat. KAM: Porto. <Bild 9> HS: Das ist ein Brief aus der Illegalität, wie wir, wie der uns, nachdem er uns rausgeworfen hat, // INT: Wer war das? /// der Vorarbeiter, haben wir ihn gebeten, doch ein, ein, unsere Couch und ein Bett uns zu bringen. Und er, äh, darin hat er uns dann gebeten, ihn nie wieder anzuschreiben, äh, dass wir, dass, er gibt uns nichts mehr raus, denn wir hätten noch Sachen von ihm. Hat uns gedroht und uns gesagt, er gibt uns in der nächsten Polizeistation bekannt. INT: <portugiesisch> Dona Hilde, a senhora pode apresentar a sua família? (Dona Hilde, würde Sie uns Ihre Familie vorstellen?) HS: Sim. Essa é minha querida família. Comece com minha filha. Depois com meu genro. (Ja. Das ist meine geliebte Familie, beginnend mit meiner Tochter. Dann mein Schwiegersohn.)
INT: Como se chama a sua filha, dona Hilde? (Wie heißt Ihre Tochter?) HS: A filha Ilona, a única en felizmente que eu tenho. Meu querido genro. (Meine Tochter Ilona, die einzige die ich habe. Mein geliebter Schwiegersohn.) INT: Como dizem? (Wie heißt er?) HS: Ri=Richard. E eu, meu, meu neto, querido neto_. (Richard. Und mein, mein Enkel, geliebter Enkelsohn_.) IS: Como se chama? (Wie heißt er?) HS: É Jackie. E a minha querida no=eh, (Jackie. Und meine geliebte, äh,) // IS: || Neta, Anik. (Enkeltochter, Anik) /// neta, Anik. ||| (Enkeltochter Anik) INT: Quem gostaria dizer alguma coisa? Ilona? (Wer möchte gerne etwas sagen? Ilona? IS: Me gostaria, sim. (Ich möchte gerne, ja.) <Rest des Interviews Portugiesisch, 5 Min., nicht transkribiert>
<Portugiesisch, nicht transkribiert>
<Portugiesisch, nicht transkribiert>
<Portugiesisch, nicht transkribiert>
<Portugiesisch, nicht transkribiert>
<Portugiesisch, nicht transkribiert> <Ende Tape 4>
 
 
Abzeichen und Armbinden (Fotos)
Arbeitsleben
Befolgung religiöser und kultureller Bräuche (jüdisch)
Befreiung
Berichtigung nach der Befreiung
Berlin (Preußen, Deutschland)
Berufe des Ehepartners
Beuthen (Preußen, Deutschland)
Beziehungen zwischen Helfern und Hilfeempfängern
Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden
Boykott jüdischer Geschäfte
Brasilien 1945 (8. Mai) - 2000 (1. Januar)
Deutschland 1918 (11. November) - 1939 (31. August)
Deutschland 1933 (31. Januar) - 1939 (31. August)
Deutschland 1939 (1. September) - 1945 (7. Mai)
Deutschland 1941 (22. Juni) - 1945 (7. Mai)
Deutschland 1943
Deutschland 1944
Deutschland 1945 (1. Januar - 7. Mai)
Deutschland 1945 (8. Mai) - 1949 (23. Mai)
Deutschland, Bundesrepublik 1949 (23. Mai) - 1961 (August 12. August))
Dokumente und Artefakte (Fotos) Kriegszeit
Entscheidungen in Bezug auf Flucht
Entscheidungen in Bezug auf Migration
Familienangehörige im weiteren Sinne
Familienfotos (nach der Befreiung) (Fotos)
Familienfotos (Nachkriegszeit) (Fotos)
Familienleben
Familienunternehmen (Fotos)
Flüchtlinge, jüdisch
Fotografien (Fotos) 1943
Fotografien (Fotos) 1946
Fotografien (Fotos) 1947
Fotografien (Fotos) Kriegszeit
Fotografien (Fotos) Nachkriegszeit
Fotografien von Interviewten (Fotos)
Furcht vor der Aufdeckung jüdischer Identität
Goldschlag, Stella
Hausangestellte
Helfer (zivile)
Hilfe: Unterstützung bei der Einstellung
Hilfe: Unterstützung im Versteck und/oder beim Untertauchen
Hilfe: Versorgung mit Unterkunft
Hönow (Deutschland)
Kenntnis von politischen oder militärischen Ereignissen
Korrespondenz (Fotos)
kulturelle und gesellschaftliche Aktivitäten
Leben unter falscher Identität
Lebensbedingungen
Pessach
Sao Paulo (Brasilien)
Schabbat
Schicksal nahestehender Personen
Soldaten, jüdisch
Streitkräfte, sowjetische
Vorstellung von Freunden und/oder Familienangehörigen
Wiedererlangung verlorenen Eigentums
Zivile Zwangsarbeitsaufseher, deutsch
Zwangsarbeit: Fabrikarbeit
Zwangsarbeitsbedingungen
Angestellte Luka*
Brüder Rudi Hecht
Brüder Herbert Hecht
Ehemänner Arno Simon
Enkel Jacki Simon Strimber
Enkelinnen Anik Simon Strimber
Großmütter, mütterlicherseits Leschziner
Großväter, mütterlicherseits Leschziner
Helfer Hans
Interviewer Anita Pinkuss
Interviewte Hildegard Simon
Mütter Emma Hecht
Onkel, mütterlicherseits Hugo Goldberger
Rabbiner Henry Sobel
Rabbiner Golinsky
Schwestern Ilse Smith
Schwestern Irma Berger
Schwestern Käthe Siedner
sonstige Beziehungen Julius Meyer*
Töchter, leiblich Ilona Strimber
Väter Jacob Hecht
zivile Helfer Machota family
zivile Helfer Machota