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Mengele kommt zu selektieren. Der Mengele, den hab'ich seit Auschwitz nicht mehr erlebt. Und es steht nirgendwo, dass es, dass er noch im März aktiv war. Er war aber aktiv, das kann ich bezeugen. Wir werden runtergetrieben im, im Hof und mussten uns nackt ausziehen. Und ich sehe so junge Mädchen, so nackt ausgezogen. Es fährt mir durch den Kopf: "Nach was für Kriterien will er jetzt Selektion machen? Wir sind ja lebendige Skeletten, alle. Welche ist, welcher hat ein bisschen Fleisch auf sich? Niemand. Wir sind fertig, ausgemergelt sind wir." Sag'ich: "O ba, meine Brille. Und den hab'ich schnell runtergezogen und so versteckt


Segment [81]
Zur Person
Zum Interview
Marianne Adam
* 02.11.1923 in Ungarn - Szombathely
Jüdische Überlebende
Lager und Ghettos
Auschwitz II-Birkenau (Polen)
Krakau-Plaszow (Polen)
Langenbielau I (Deutschland)
Hatvan (Heves, Ungarn)
Wiesau (Deutschland)
interviewt am 02.02.1996 in Berlin - Bundesrepublik Deutschland
Sprache Deutsch
Länge 01:49:38
Interviewer(in) Andrew Hood
Kamera Christopher Rowe
Transkription Irene Lehmann
Code 8910
<Testton> T: Ist viel lauter, deiner. // KAM: (unverständlich) /// Jetzt ist er'n bisschen leiser. Jetzt. hmhm. // KAM: Jetzt_. (unverständlich) /// Nö, ist ungefähr gleiche Qualität. // KAM: Gut, Kamcorder ist, ist_. /// Hmhm. Bisschen lauter ist er noch. Aber ist ja auch ok. // KAM: Nee, es ist nicht das. || Aber normalerweise // Aber es ist ok. ||| /// gibt es so Nebengeräusche noch dabei. // Hmhm. Hmhm.
KAM: Ok. <Ende Testton> INT: <englisch> Right. February the second, 1996, Marianne Adam, Andrew Hood. Berlin, Germany. And the language of the interview is German. <Interviewer und Interviewte> INT: Ich heiße Andrew Hood. Heute ist der zweite Februar 1996. Ich führe eine Befragung von Marianne Adam durch. Die Befragung findet in Berlin, Deutschland, statt. <Interviewte> INT: Können Sie mir Ihre Familiennamen sagen und buchstabieren? MA: Ja. Ich heiße Willner. W-I-L-L-N-E-R. INT: Hmhm. Und Ihre heutigen Familiennamen? MA: Adam,
verheiratet Adam. INT: Und andere Vornamen? MA: Ja. Marianne heiß ich, so bin ich eingetragen. Mein jüdischer Name ist Miriam, aber zu Hause hat man mich immer Marika genannt. INT: Und wann haben Sie Geburtstag? MA: Ich bin am 02. November, Jahre 23 [1923] geboren. INT: Und wo, in welcher Stadt und wo sind Sie geboren? MA: In Ungarn. In einem west-, westungarischen Kleinstadt, deutsch heißt es Steinamanger, ungarisch heißt es Szombathely. INT: Und können Sie mir'n bisschen von Ihrer Kindheit erzählen? MA: Ja. Ich werde versuchen. Dort in Steinamanger haben wir sehr kurze Zeit gewohnt, meine Mutter stammt von dort. Dann sind wir bald
nach Budapest gezogen, dort hat mein Vater einen, einen guten Job gehabt. Er war nämlich, äh, Diplomingenieur für Maschinenbau und hat die Leitung von einem Maschinenfabrik erhalten. INT: Wann sind Sie nach Budapest umgezogen? MA: Also, ich denke im Jahr 25 [1925], 25. Aber wir haben in einer sehr schönen Wohnung in Buda gewohnt. Unweit von der Donau. Es war alles schön, es war eine, ein glänzendes, schönes Leben, ich hab nur schöne Erlebnisse von dieser Zeit. <räuspern> // INT: Erzählen Sie_. /// Aber es war nicht alles, alles so wunderbar. Nämlich, ich hab schon im Kindergarten den Antisemitismus zu spüren bekommen. Ich war so ausgegrenzt,
weil ich nicht dazugehörte, und weil sie dachten, dass ich nicht dazugehöre. Und ein Teil der Kinder waren ausgesprochen kommunistisch erzogen. Und sie haben solche Parolen laut geschrieen, und von dort war ich erst recht ausgeschlossen, weil ich vielleicht ein besseres Kleidchen hatte als sie. Ich hab mich genug einsam gefühlt. Dann bin ich in die Schule gegangen, in eine Klosterschule, in die erste Klasse und (--) von dort hab'ich ganz schlimme Erfahrungen gemacht, als jüdisches Mädchen. INT: Können Sie mir ein Beispiel geben? MA: Trotz meiner Kurzsichtigkeit hat man mich in der letzten Bank gestellt. Ich musste dort sitzen und hab überhaupt nichts mitgekriegt.
Ich hab den Eindruck gehabt, dass die, dass die Lehrerin Geheimnisse mit den Kindern spricht. <lacht> Ich war nicht dabei und hab keine Ahnung. <Telefonklingeln> Ja. INT: Und wie hieß diese Schule? MA: Ursulen-, Sankt-Ursulen-Schule. Ja. <Schnitt> MA: Geblieben, ja, ja. Und von dort hab'ich ein ganz unangenehmes Erlebnis mitgebracht, was, was für ein Leben in meinem Herzen geblieben ist. Und zwar die Lehrerin hat, sie war eine Nonne, katholische Nonne. Sie hat etwas auf dem Tafel geschrieben und wir sollten es abschreiben. Und ich stehe auf und sage ihr: "Entschuldigen Sie, Schwester Sowieso, ich kann es nicht sehen." - "Wie, du kannst es nicht_? Komm, komm, komm ein bisschen näher, komm näher
Na, jetzt kannst du aber sehen!" - "Nein, ich kann noch immer sehen." Und so Schritt für Schritt bringt sie mich bis zum ersten Bank. Und fragt mich wieder: "Aber jetzt kannst du lesen?" Sag'ich: "Es tut mir leid, ich sehe nicht." - "Ja, weil du eine Lügnerin bist, eine dreckige Jüdin." Ich weiß noch, ganz schlimm. Ja, und hat mich in, in der Ecke gestellt, und ich mu-, musste dort knien den ganzen Vormittag. Dann geh ich heulend nach Hause und erzähle meiner Mutter, was mir passiert ist. Mutti fragt: "Und hast du wirklich nicht gesehen?" - "Nein, ich hab nicht gesehen." Und dann kam der_, dann gingen wir zum Augenarzt, und er untersucht das, eine starke Kurzsichtigkeit. Aber man hat mich Lügnerin gemacht, es hat mir sehr wehgetan. Ich wollte nicht mehr
in diese Schule gehen. INT: Wie alt waren Sie? MA: Sechs. // INT: Sechs. /// Sechs. War ein süßes Mädchen, war ich. Sie konnte mich nicht ausstehen. Und dann zu meiner Glück hat mein Vater ein Ei-, Einfamilienhaus in, in einem grünen Bezirk gekauft für, für uns Kinder, damit wir unsere Freiheit haben. Und so bin ich in einer anderen Schule gekommen, wo ich dann mich wohl gefühlt habe. // || INT: Was_. /// Und ||| dort hatten wir einen Garten zu spielen, und dort hatte ich viele Freunde, Freundinnen. Es war ein schönes Leben dort, ja, eine schöne Kindheit. INT: Können Sie'n bisschen das jüdisches Leben beschreiben? MA: Das jüdische Leben? Also, wir waren keine große Synagogengänger. Unsere Familie war ziemlich assimiliert,
das freut mich überhaupt nicht, aber ich muss es sagen, das ist die Wahrheit. Die große Feiertage sind wir vielleicht in die Synagoge gegangen. Da musste sich Mutti immer einen schicken, neuen Hut machen lassen, <lacht> und, und dann sind wir in die Synagoge gegangen, und haben uns schrecklich gelangweilt, wir Kinder. Haben das Moment gewartet, das wir "husch!" rauslaufen können, und dann mit den Jungs und mit den Mädchen dort herumtoben können. <räuspern> Es wurden keine Kerzen angezündet am Schabbat. Ja. War ziemlich, ziemlich düsteres Glaubensleben. INT: Aber Sie haben andere jüdische Kinder gekannt. MA: Ja, ja, ja. Wir waren gut befreundet. Wir waren alle sehr gut gefreundet,
befreundet. Und als wir größer waren, dann entwickelten sich schöne kleine Flirts, haben zusammen getanzt und gesungen und Dummheiten gemacht, natürlich auf einem ganz anderen Ebene, wie es heute geht. || Aber_. INT: Zum Beispiel? ||| MA: Also, hm. (4) Gucken Sie, meine Katze, wie sie sich freut. Es war anders. Es war anders. Wir sind nur miteinander spazieren gegangen, wir haben Sport getrieben, die Jungs haben mir beigebracht, mit dem Rad zu fahren, Schlittschuhlaufen, Tennis, alles haben die Jungs beigebracht. Wir waren gute, gute Freunde. INT: Was hat Ihre Mutter gemacht? MA: Meine Mutti, die war Hausfrau, die war für uns immer da. Das, äh, also vor ihrem Heirat hat sie gearbeitet,
war Sekretärin in einem Baufirma, aber dann ist sie zu Hause geblieben und hat uns verwöhnt. <lacht> INT: Und Sie haben weiter die Schule gemacht? MA: Ja, ja, ja. Dann bin ich ins Gymnasium gekommen und musste jeden Tag mit dem Zug nach Budapest fahren. Es war wirklich eine ernste Sache, es, so wenn ich so zurückdenke, fällt es mir ein, dass es kein Kinderspiel war. Um sechs Uhr musste ich schon aufstehen und mich fertig machen, und um halb sieben ging der Zug. Und es war noch eine lange Strecke bis zur Schule, mit zwei Autobusse. Aber es ist mir nicht so schwer gekommen. Ich hab die Schule geliebt. INT: Und wann haben Sie diese Zugreise gemacht, ab welchem Alter? MA: Diese Zugreise? Ab, ab elf
Jahren, ja, ja. Bis zum achtzehnten ja-, Lebensjahr. Es sind aber viele mit uns gefahren, es war so eine ganz sympathische Gesellschaft. Bis die Zeiten dann ganz schlimm geworden sind, also in Sachen Antisemitismus. Es hat sich immer mehr entwickelt, und wir haben uns immer einsamer und ausgegrenzter gefühlt. Das war zum Spüren unterwegs, im Zug. Wir waren schon aneinander gewiesen, weil die anderen sich den Rücken gekehrt haben. Die Propaganda hat schon gearbeitet, kräftig, und das haben wir zu spüren gekommen, bekommen. Zu meine Schule. Ich kann behaupten, dass es eine Ausnahme war. Dort war eine
ganz saubere, menschliche, schöne Atmosphäre. Dort war kein Unterschied unter den, den Schülern gemacht, nein, nein, man hat überhaupt gar keinen Unterschied gemacht. Es war eine schöne, gute Schule. Und dann hab'ich mit achtzehn mein Abitur gemacht. Das ist sehr gut gelungen, ich war immer, also unter den ersten, aber von Universitätsstudium keine Spur. Es war geschlossen für jüdische Kinder. <räuspern> Ich hab trotzdem den Antrag gestellt und hab eine schöne Antwort bekommen, dass ich aus rassischen Gründen unerwünscht bin. INT: Was wollten Sie studieren? MA: Ich wollte Humanmedizin studieren, schon immer. Und, also dann hab'ich mich nicht gelassen. Ich hab so lange
gekämpft, wie es mei-, wie, wie es meine lieben Eltern erlaubt haben, dass ich in-, in die, ins jüdischen Krankenhaus in Budapest mich einschreibe, für einen dreijährigen Kurs als OP-Schwester. Das hab'ich auch getan und mit Erfolg fertig gemacht. Und dort hab'ich meinen Mann kennengelernt, meine große Liebe. INT: Wie haben Sie ihn kennengelernt? MA: <lacht> Das war eine süße Geschichte. <räuspern> Ein junger Arzt, der befreundet mit ihm war, sagt mir eines Tages: "Kommen Sie bitte, ich will Ihnen jemanden vorstellen." Sag ich: "Wen, um Himmelswillen, ich kenn_." - "Von der anderen, äh, von der anderen Abteilung." Sag'ich: "Wieso gucken Sie, fragen Sie nicht so viel. Und bleiben Sie hier stehen."
Er läuft er weg und bringt meinen Nikolaus, so an der Hand gezogen. "Komm, komm, komm, und hier ist sie, da ist sie. Macht, macht miteinander, ähm, Bekanntschaft. Und ich lasse euch." Und er ist schon weggerannt, und wir sind dort geblieben. Und als ich ihm die Hand gereicht habe, das werde ich nie vergessen, habe ich so ein Gefühl in meinem Herzen bekommen. Ein Gefühl, was mir gesagt hat, dass dieser Mensch in meinem Leben sehr viel bedeuten wird. Das kann ich nicht erklären, wie. Das ist mir noch nie passiert, dann zum ersten Mal. Dieser Mensch wird für mich sehr viel bedeuten. Und es war auch so, vom ersten Moment an, waren wir, also zueinander gehörig. Wir haben
einander geliebt. Und 42 Jahre ausgeharrt. Mit einer tragischen Pause von Auschwitz, dann waren wir weit voneinander und haben wir überhaupt nichts gewusst voneinander. Er, er wurde früher befreit, hat aber auf mich gewartet. Und er hat immer betont, dass er ganz sicher war in seinem Herzen, dass ich wiederkomme. INT: Haben Sie Geschwistern [Geschwister] gehabt? MA: Ich hab eine einzige Schwester, die Edith, fünf Jahre älter als ich. Die lebt, die lebt im elterlichen Haus, INT: || Wie war_? /// in diesem ||| grünen Bezirk. INT: Haben Sie viel mit Ihrer Schwester gemacht, zusammengemacht? MA: Ich sage Ih, Ihnen, der Un-, der Altersunterschied war so groß, dass wir keine Freundinnen sein
konnten. Sie war ja schon ein kleines Fräulein, und ich war noch immer ein Baby. Aber als wir dann älter geworden sind, als ich achtzehn, neunzehn_. Zwanzig sag'ich nicht mehr, weil dann war ich schon weg. Dann haben wir uns wirklich gefunden, dann sind wir sehr gute Freundinnen geworden, aufrichtige liebe Schwestern. INT: Was haben Sie von Hitler mitgekriegt in den Zeiten? MA: Viel. Man hat ja immer gehört im Radio seine Reden. Aber nicht genug viel um weglaufen zu können. Nicht genug viel. Also, als der Krieg ausgebrochen ist, waren wir schon in der Klemme. Da war schon keine Möglichkeit da wegzugehen.
Übrigens hatten wir zwei große Möglichkeiten zum Auswandern. Papa hat einen Job in Madrid gekriegt, in Spanien. Er sollte dort die Führung von einem Fabrik übernehmen. Und die Kisten standen schon fertig. Wir haben angefangen zu packen. Und dann hat die Geschichte reingespuckt, ist der Bürgerkrieg ausgebrochen, so sind wir zu Hause geblieben. Schicksal. Und noch eine zweite Möglichkeit, dieselbe Sache. Nach Ägypten, nach Alexandria, sollten wir alle ziehen mit dem selben Zweck. Dann ist der große zweite Weltkrieg ausgebrochen. INT: Und hat Antisemitismus zugenommen, als die Krieg ausgebrochen ist?
MA: Ja, sicherlich, es ist, es ist noch schlimmer geworden, es ist noch schlimmer geworden. Es wurde irgendwie so hochgespielt, dass die, also die Nicht-Juden, die arischen Menschen, die, die, die müssen kämpfen für das Vaterland, und Juden, die nicht, die nützen nur alles aus und_, also die gewohnte Lüge. Was wir leider kennen, ja. // INT: Was haben || Sie_? /// Aber bald ||| hat man alle jungen Männer ein-, einbezogen für_. Also übersetzt würde ich "Arbeitsdienst" sagen. Aber es war kein Arbeitsdienst. Es war ein Sklavenarbeit für die ungarischen und für die deutsche Armee. Es war so eine halbmilitärische Organisation, sie haben eine Militärkappe gehabt und
eine grü-, einen gelben Armband. Und sie haben schreckliche Sachen gemacht, sehr viele Jugendliche sind zugrunde gegangen bei dieser Gelegenheit. Einen, ein großer Teil von ihnen wurde auf die Front geschleppt, nach, also Russland und Ukraine, damals war es Front. Und man hat ihnen klar gemacht, dass, dass sie lebendig nie mehr zurückkommen. Und es war auch der Fall. INT: Kannten Sie jemand, der gegangen ist als Arbeitskraft? MA: Ja, ja, alle. Alle meine Freunde sind gegangen, alle, alle. Mein Schwager, der auch heute lebt, der hat diesen Ukraine-Weg überlebt. Ich weiß nicht, von zweihundert Leuten sind zwei im Leben geblieben. Es war
schrecklich. (---) Sein, es war sein Glück, dass er krank geworden ist und dann vom Krankenhaus weggelaufen ist und zu Fuß nach Ungarn gegangen ist, in diesem schrecklichen Winter in 43 [1943]. INT: Was, was erinnern Sie sich von die Einmarschierung von den Nazis? MA: Ja, das war ein schrecklicher Nachmittag am 19. März 44 [1944]. Ich war bei meiner Freundin, haben wir zusammen Klavier gespielt und gelacht und haben das Leben genossen. Und auf einmal kommt das Dienstmädchen und sagt mir: "Kommen Sie gleich nach Hause. Ihr Papa will, will etw-, will Ihnen etwas sagen." - "Ja, ich komme." Ich hab mich verabschiedet, komme nach Hause. Papa
wartet mich mit einem grauen, grau gefärbten Gesicht. Und sagt mir: "Die deutschen Truppen sind eingerückt. Jetzt sind wir dran." Wir haben schon gehört durch Radio London, dass es grausam, Grausamkeiten geschehen sind, am Ostfront. Aber haben so wirklich nicht geglaubt, wir wollten nicht glauben. Wir wollten nicht hingucken, wir wollten nicht. Es war ein großer Fehler. Dann haben wir einzige [einzelne] Personen kennen gelernt, die geflüchtet sind. Und die haben wir, denen haben wir geholfen. Und auch versteckt haben wir einige. Und ernährt haben wir_, und an-, angekleidet. Aber wir hatten so richtig nicht geglaubt, was sie erzählen.
Wir konnten nicht glauben, dass solche Unmenschlichkeiten überhaupt vorkommen können im zwanzigsten Jahrhundert. Und das war ein großer Fehler. Das war eine Naivität. Heute sag'ich schon, ein jeder Jude musste Hitlers Mein Kampf lesen, um zu sehen, um zu wissen, wohin dieser gefährliche Weg führt. INT: Was hat sich geändert, einmal, dass die Nazis einmarschiert haben? In Ihrem Leben? MA: Oh, oh. Man hat ja den gelben Stern gleich eingeführt. Und damit war schon unser Bewegungsfreiheit deutlich eingeschränkt. Wir dürften nicht mehr den Tram benutzen, den Zug benutzen. Wir dürften keinen
Autobus benutzen, wir dürften nicht auf den Stra-, auf die Straße gehen, nur im gewissen Zeitraum, zwei, drei Stunden täglich. Vater konnte nicht mehr arbeiten gehen. // INT: || Erinnern_? /// Ich konnte ||| auch nicht in die Stadt gehen. Es ging dann ganz schnell. Dann ist der Eichmann gleich erschienen in Budapest, und er hatte schon große Erfahrungen im Organisieren des Todes. Das hat er ge-, gemacht. INT: Erinnern Sie sich an den ersten Tag, wo den, wo Sie den gelben Stern getragen haben? MA: Ja. Ja, ja, ja. Wie, ich hab so die ganze Bedeutung nicht wahrgenommen. Ich hab nicht_, vielleicht weil ich so jung war und optimistisch_. "Und, na und, wir sind Juden, und also wissen, dass wir Juden sind,
was ist schon daran?" Wir sind aber vogelfrei geworden. Man konnte uns wo immer verhaften, verschleppen, töten. // INT: || Wie_? /// Wir ||| waren gezeichnete, ausgelieferte Menschen. Meine beste Freundin hat sich abgewandt auf der Straße, sie wollte mir nicht grüßen. Die beste Freundin. Es war sehr schmerzhaft. Meine Jugendzeit haben wir zusammen verbracht. Zusammen musiziert, zusammen große Spaziergänge gemacht. Es war ihr ein Stückchen gelbes Fleck genügend, dass sie das alles verleugnen soll. Es war schmerzhaft. Naja, und dann kam das Ghettoisierung. Es war kein Ghetto, es war so, wir wurden zusammengepfercht,
in einem Haus, etwa zwanzig Personen. INT: Wer hat die Befehle gegeben? || Zusammenzuziehen? MA: Die Gendarmen, ||| die ungarischen Gendarmen, die waren wunderbar, die haben fabelhaft mitgearbeitet mit den deutschen Faschisten. Und also das ganze Regime war faschistisch in Ungarn. INT: Erinnern Sie sich an den Tag, wo Sie ausziehen sollten, mussten? MA: Ja, ja, ja, ja, ja. Ich erinnere mich genau. Dort haben wir in einem Vorzimmer gehaust, wir alle drei. Vater, Mutter und ich. Meine Schwester ist zuhause geblieben, weil_. Also, sie hat den katholischen Glauben aufgenommen, und ihr Mann war als Offizier auf dem Front. Und so war sie verschont von der Deportierung, Gott sei Dank, damals.
So sind wir zu dritt gegangen mit Papa und Mama. (4) Ich kann Ihnen sagen, dass, dass ich mir eine sehr gute Meinung, äh, machen konnte über diese Menschen, die dort zusammengepfercht gelebt haben. Die haben Verständnis füreinander gehabt, sie waren lieb miteinander, sie haben einander geholfen. Ich hab nie ein schlechtes Wort gehört, obwohl wir wirklich in großer Enge und in großer Nervenanspannung gelebt haben. Aber es ging wunderschön, die waren fabelhafte Menschen, alle. INT: Wieviel Leute in einem Haus? MA: Ungefähr zwanzig. Ungefähr zwanzig in einem Dreizimmerhaus.
// INT: Und wie_? /// Es war schwer. Dann eines Tages kam die Nachricht, morgen kommen die Gendarmen und holen uns ab. Und dann haben wir gepackt, was wir konnten. Wir wussten nicht wohin. INT: Wie alt waren Sie? MA: Zwanzig vorbei. Den 21. hab ich im Lager erlebt. <räuspern> Ja, ich war schon mit meinem Mann verheiratet, das habe ich jetzt ausgelassen. Ja, als diese schreckliche Zeiten kamen, hat er, ist er sehr unruhig geworden, und es gingen Gerüchte um, dass man junge Mädchen auf die Front schicken wird. Und er wollte mich davon verschonen, und so ist er nach Hause gekommen. Zwei Jahre, zwei Tage Urlaub hat er bekommen,
und da haben wir uns (---) also bürgerlich, wie sagt man das? Ge- // T: Getraut. /// Ja, getraut. Genau. Und na-, natürlich von kirchlicher Trauung konnte nicht die Rede sein, ich mit dem gelben Stern, er mit dem gelben Armband. Und dann sind wir, haben wir ein einziges Nacht miteinander verbracht, nächsten Morgen musste er weg. War wieder der große Abschied. Wir wussten nicht, dass es beinahe für immer war. Als er zum nächsten Mal in drei Wochen wiedergekommen ist, um mich zu besuchen, war das Haus schon leer. Wir waren schon nicht da.
Und seine Eltern wurden von Siebenbürgen verschleppt. Alle Geschwister auseinander getrieben, alle waren anderswo. Da ist er ganz zusammen gebrochen, damals. Als er gesehen hat, dass nicht einmal, nicht einmal die junge Eh-, Ehefrau da ist. Das war hart für ihn. Ja, und Briefe wechseln war also überhaupt gar nicht. Wir haben nichts übereinander gewusst. INT: Als Sie im // MA: Ja. /// Haus zusammengezogen sind, welche Jahreszeit war es? MA: Es war Frühling, Frühling. Mai. April, Mai. INT: Und wie lange sind Sie da geblieben? MA: Hmhm, ungefähr drei Wochen, ungefähr drei Wochen. Dann kamen
die Gendarmen und dann haben sie uns weitergetrieben. In Wagons, aber diesmal noch nicht Todeswagons, sondern andere Wagons, viele Grobheiten und Gemeinheiten mussten wir schlucken. Und auch Schläge waren da. Man hat uns ins Ghetto reingeworfen in, von Hatvan. Das ist ein kleine Stadt. Es waren schon viele, viele Juden dort. Aber wir haben das Pech oder das Glück gehabt, die Glück gehabt, keine, kein Unterkunft mehr zu finden. Wir wurden auf die grüne Wiese <Türklingel> rausgeworfen. Ja. INT: Kurze Pause. <Ende Band 1>
 
INT: Interviewer Andrew Hood, in Berlin, Deutschland. (5) Frau Adam_. // KAM: Moment, Moment. /// Achso. <Interviewte> INT: Frau Adam, wie lange waren Sie in Sammellager? MA: Ganz wenige Zeit. Zwei oder drei Tage, ich kann mich nicht erinnern. Wie gesagt, wir sind auf der grünen Wiese (--) gewo-, haben dort gewohnt. Ohne Verpflegung, ohne ein Dach überm Kopf. Es hat die ganze Zeit lang geregnet. Wir sind dort geschlafen im Schlamm und Schmutz. Und dann kamen die Wagons. Und wir als neu Angekommene waren die erste, die weggegangen
sind. Also eingepfercht in den Wagons. Darüber hat man schon so oft geschrieben, ich spreche auch ungerne darüber. Es war schrecklich, es war der Tod. Die waren wirklich Todeswagone, aber diese Reise war eine Reise ins Tod. War grässlich. INT: Wie lange hat es gedauert, die Reise? MA: Zwei oder drei Tage. Zwei Nächte. In meinen Alpträumen kommt es noch zurück. Absolute Erniedrigung. Ohne Essen, ohne Toilette, ohne Wasser. Mit weinenden kleinen Kindern. Wahnsinnig gewordene Erwachsene. Und die Hitze hat uns
erstickt. Es hat nicht mehr geregnet. Wir sind total ausgetrocknet. Und was ich so nachträglich bemerkenswert, bemerkenswert gefunden habe_. Nur seit Jahren bin ich drauf gekommen, dass meine Mutter sich von mir abgewandt hat. Sie hat etwas gespürt, dass wir hier nicht zusammen sein werden. Und sie hat sich an ihrer alten Freundin, eine alte Wienerin, Wiener Dame gewendet. Und sie hat sie betreut, und mich hat sie sozusagen nicht einmal angeredet, nicht einmal angeguckt. Sie wollte, wollte diese starke Verbindung zerreißen, bevor es
zu spät ist. Ja, und dann, seit, nach zwei oder drei Tage, zwei Nächte sind wir irgendwo hin angekommen, jemand hatte rausgeguckt aus dem vergitterten Fenster und hat große Feuerflammen gesehen. Und dann hat der Betreffende gesagt: "Na hier sind wir wohl ausge-, aufgehoben, wahrscheinlich sind wir in einem großen Fabrik. Hier können wir alle arbeiten." - "Ja, ja, ja." Und alle haben Lust bekommen zu arbeiten. Und dann hat man, dann ist das Wagon stehen geblieben, und man hat es mit Gewalt aufgerissen. Und es sprangen auf, äh, Männer in gestreiften Kleider, wir hab-, hatten keine Ahnung, was das bedeutet, dass sie Häftlinge sind, oder nicht. Und die haben uns
genug grob zum Aussteigen gefordert. <seufzen> Als wir schon unten waren, können Sie sich vorstellen, in was für einem Zustand? Hat man gleich angefangen zu schreien: "Männer separat. Männer abtreten." Und ich hab noch so die Zeit, so ein bisschen rausgeschoben, um mit Papa zusammenzubleiben und von ihm zu verabschieden. Aber es ist schon einer gekommen in gestreiften Kleidern und ihn ganz grob weggerissen. Und so sind wir mit Mutti, mit dieser Wiener Dame in der unzählbaren Menschenmenge von Frauen, von Kindern von Alten, von Babys gelangt.
Mutti war in der Mitte, an ihrer rechten Seite war die Tante aus Wien, und an ihrer linken Seite war ich. Ich hab sie am Arm gehalten. Wir wussten nicht, was dort vorne geschi-, geschah. Wir haben nur die Rücken gesehen, welche vor uns waren. Und auf einmal kommen wir an, und dort stehen zwei oder drei SS-Männer, und die haben ausgewählt. Nicht für das Tod, wir waren ja alle zum Tode verurteilt. Für's noch ein wenig Weiterleben. Man hat mich abgerissen von Mutters Hand und mit einem Gewehrkolben in den Rücken gestoßen, so dass ich gefallen bin.
Hab ich mich so, bin ich aufgestanden und hab Muttis Namen geschrieen. Sie war schon weg. Das war meine letzte Begegnung mit meinen Eltern. Ja. Von unseren Bezirk sind etwa neun oder zehn junge Mädchen ins Frauenlager hereingekommen. Wie wir später erfahren haben, soviel Frauen haben überlebt. Also haben versucht zu überleben, denn wir waren ja auch zum Tode verurteilt. <räuspern> || Aber_. INT: Was geschah, ||| was geschah dann? MA: Hm, es war eine schreckliche Sache. Wir wurden ins Bad getrieben, mussten
aus splitternackt, nackt ausziehen, mussten alle Gepäcke hinwerfen. Alles, absolut alles. Und dann wurden wir getrieben mit der Peitsche, natürlich überall junge SS-Männer, die haben sich wunderbar amüsiert. Wir waren ja blutjunge Mädchen. Und man hat uns getrieben und getrieben mit der Peitsche. Auf einma bleibt stehen die Kolonne, und es erscheinen, es erscheinen, äh, Häftling-Frauen, die auf grobe Weise uns auf eine Bank gestoßen haben und unsere Haare völlig, nicht abgeschnitten, abrasiert haben. Der nächste harte Stelle war, dass alles Haar von unsern Körpern abrasiert wurde.
Und wieder weiter getrieben. Und dann kamen wir in einen großen Raum, wo Dusch-, also, wo wir uns duschen sollten. Sind einige Tropfen, ganz heiße Tropfen gefallen. Wir waren glücklich, wir hätten es geschluckt, wir hätten uns damit gewaschen, aber es war schon vorbei, wir mussten weiterlaufen. Dann hat man uns zugeschmissen welche schreckliche Kleider. Keine Häftlingskleider, sondern unbrauchbare. Die groß waren, die haben kleine Kleider, die Dicken, die haben dünne Kleider. Es war nicht, nicht so organisiert, aber wie es kam eben. Und tauschen konnte man nicht. An meinem Kleid, was ich bekommen habe, war ein, ein Loch und sehr viel Blut,
Herzengegend. Naja, ich musste das anziehen, und damit war ich erledigt. || Das_. INT: Haben Sie was zum Essen und Trinken gekriegt? MA: Nein, nein. Diesen Tag überhaupt nicht, nein. Trinken, das hat uns gequält, der Durst. Aber im Lager B Abschnitt 3, das man Mexiko-Lager genennt hat, dort war überhaupt kein Wasservorrat, überhaupt kein Wasser. Ab und zu hat man etwas Tee gebracht, natürlich mussten wir lange Schlangen stehen. Zu Mittag haben sie eine warme Suppe, sogenannte Suppe, war keine Suppe, waren sogar Steine drinne, schmutzig und dreckig.
Und es hat nach gar nichts gerochen, und damals konnten wir noch solche Sauereien nicht essen. Aber die alte Häftlinge, die haben uns klar gemacht: "Du wirst in einer Woche vor Hunger sterben, wenn du das nicht aufisst. Du musst alles aufessen, was du bekommst. Und wenn möglich, stehlen, oder, oder, was immer, du musst dich ernähren, sonst bist du kaputt. Ja, und dann hab'ich erfahren, dass in diesem Lager maximum drei Wochen durchhalten konnte. Es war speziell für die ungarische Juden eingerichtet. Es war aber noch nicht fertig, und man hat es auch nicht weiter entwickelt. Man klingelt. (5)
(4) INT: Man könnte zur Tür gehen? MA: Ist jemand? Ja. // KAM: Bitte. /// Ja, dann muss ich von den sogenannten Zählappellen etwas erzählen, das war eine schreckliche Sache. Morgens früh, es war noch dunkel, mir scheint, drei oder vier Uhr früh, hat man uns aufgeweckt, aufgeweckt. So, wir haben keine Schlafstätte gehabt, wir waren eingepfercht in einer Baracke, wo gar nichts war, nur der Fußboden, und der wimmelte auch von Ungeziefer. Und wir müssten uns aufeinander kauern. Und wer kein Platz hatte, der musste stehen. So ist die erste Nacht vergangen. Und die Diensthabende,
sogenannte Blockälteste kommt herein und pfeift, und alles heraus, Zählappell. Und wir springen auf, wir wussten nicht einmal, wo wir sind. Ganze Nacht durch hat man geschossen, und man hat Geschrei gehört. Ja, Zählappell, was ist denn das? Und das Mädchen, auf dessen Bauch ich geschlafen habe, ist nicht aufgestanden, ist gestorben. Mit ihr bin ich geschlafen, die ganze Nacht. Sie konnte nicht mehr weiter, ihr Herz hat es nicht verkraftet. Ja, Zählappell. In Fünferreihen aufstellen, gerade stehen, und niemand bewegt sich. Es hat etwa drei, vier Stunden lang gedauert. Die Blockälteste sind herumgefluch-, -fuchtelt
dort mit ihren Peitschen und geschlagen. "Ihr sollt wissen, ihr seid nicht im Sanatorium, ihr seid im Vernichtungslager. Ihr sollt glücklich sein, dass ihr noch nicht im Gas gegangen si-, seid. Von hier kann man nicht fortkommen, nur durch die Gaskammer, durch diesen Kamin. Sieht ihr den Kamin? Ja, dort werdet ihr freikommen." Und solche ermutigende Worte. Und dann kam endlich, endlich nach Stunden, wir waren schon erschöpft, konnten, dürften wir überhaupt nicht bewegen, uns überhaupt nicht bewegen. Dann kam, kamen die SS-Burschen mit, mit schönen (---) An-, schönen Hunden, so, die waren Bluthunde, alle, alle geschulte
Bluthunde. Und die SS-Burschen wussten, dass, dass wir Neuankömmlinge sind, also, bei uns war alles erlaubt. Sie haben die Hunde freigelassen und auf uns gehetzt. Etwa drei Mädchen sind gestorben. Die Kehle durchgebissen. Unbeschreiblich. Um Angst zu verbreiten und um Freude am Blut zu haben. Dann sind sie lachend weiter gegangen. Ja, und es blieben so einige freie Stunden, wo in_, wo wir relativ in Ruhe gelassen wurden. Und da sprach man von einem Transport. Und dann hab'ich bemerkt, dass die einflussreiche, alte Häftlinge ihre
Verwandten, Bekannten weggeschoben haben, nämlich am Vortag ist, wurde wieder ein Transport zusammengestellt, ein Arbeitstransport. Aber die gegr-, die gingen (---) grade ins Gas, und ihre Kleider kamen zurück. Und mit guten Überzeugung haben sie gedacht, das ist Transport auch für's Gas. Haben gesehen, ist_. Aber ich dachte so: "Schlimmer kann es nicht werden, ich geh." Und so sind wir nach Krakau-Plaszow || ge-, gekommen. INT: Wie lange ||| waren Sie dann in Auschwitz? MA: Diese erste, diese erste Zeit, es ist sehr schwer zu sagen, wenn Sie, wenn Sie von mir s-, wenn Sie mir solche Fragen stellen, kann ich sie nicht präzise beantworten. // INT: Brauchen_. /// Wir hatten kein,
äh, keine Schriftmöglichkeiten, kein Papier, gar kein Bleistift. Für, ein Bleistift zu haben, hat den Tod bedeutet. Wir hatten kein Kalender, wir hatten keine Ahnung, wo wir leben, und wieviel Tage vergangen sind. Ich denke, etwa zweieinhalb Wochen war ich in diesem schrecklichen B-Abschnitt-3-Lager. Weil, wie gesagt, man hat gemunkelt, dass man hier mehr als drei Wochen nicht aushalten kann. Und da ich noch immer gelebt habe, glaube ich, dass ich ein bisschen weniger Zeit dort verbracht habe. Und dann sind wir nach Krakau-Plaszow gekommen. Ja, dort hat man die neue, sozusagen kräftige, ungarische Arbeitskräfte gebraucht, weil die armen polnischen Juden schon ausgemergelt waren,
seit drei, vier Jahren, haben sie dies, diese Hölle durchgemacht. Nur wir waren die Frischen. Und natürlich habe ich, wurde ich in der schlechtesten Kommando eingete-, eingeteilt, ins Baukommando und Steinbruch. Hart, grausam. INT: Was haben Sie da gemacht? MA: Ja. Steine haben wir ausgehoben aus dem Steinbruch. Und hochgetragen, bergauf. Und dabei hat man uns immer mit der Peitsche geschlagen, wie ein schlechter Film. Ich hab, ich hab mich so gefühlt wie ein Außenstehende, sag'ich: "Das kann wohl nicht wahr sein. Dass sie_, nicht ich, das bin nicht, nicht ich. Es ist ein schlechtes Film, und es ist, wird gleich wieder
die Licht aufgehen, und ich geh nach Hause. Es ist nicht möglich." Und der Lagerführer hat von seiner Terrasse, das war übrigens auch im Schindler-Film zu sehen, aus lauter Vergnügen auf uns geschossen. Und so, von zu Hause. Mehrere Mädchen sind zusammengebrochen neben mir. Sie haben ihm nichts getan, eben, mussten vernichtet werden, weil sie europäische Juden waren. INT: Es war auch Männer da? MA: Ja, in diesem Lager war, waren auch Männer. Es war interessant, schön, schön, gut die Frage, ja. Das einzige KZ, wo Männer, also, in, in separaten Baracken, natürlich, um den_, in abgesonderten Teilen waren ihre Baracken, aber am Arbeitsplatz waren wir trotzdem zusammen. Der Arbeit-, Arbeitsleiter war
immer ein Mann. Manche waren grausam. Die meisten hatten uns gehasst. Ja. Sie haben einen schrecklichen Hass für, für das ungarische Judentum gehegt. Ich konnte es mir nicht erklären, damals. Natürlich war die Blockälteste, die Block-, also unsere Chefin war ja auch eine, eine polnische Jüdin. Eine Sadistin, sie hat uns gequält, ge-, geschlagen, blutig geschlagen. Sie war glücklich, wenn jemand von uns gestorben ist. Und eines Tages hat s-, jemand ihr die Frage gestellt: "Sagen Sie bitte, Frau Blockälteste, woher dieser Hass? Was haben wir Ihnen angetan? Wie kann man uns so behandeln?" - "Ihr seid ja keine Menschen. Ihr seid ja Affen.
Ohne Haare, barfuß. In diesen schrecklichen Kleidern. Ihr kommt ja vom Irrenhaus." Sie sind nämlich von ihrem Ghetto dort hingezogen, und ihre zerlumpten, aber doch ihre eigenen Kleider gehabt. Aber wir waren in Auschwitz angekleidet. Und später hab'ich erfahren, später, vielleicht schon hier_. Ich hab sehr viel gelesen, ich wollte, wollte immer alles wissen. Und dann hab'ich erfahren, ja, auch im Schindler-Film kommt es vor, ja, ja. Sie haben Platz gebraucht für die ungarischen Transporte. Und deswegen mussten die Kinder weg. Und alle Kinder wurden getötet.
Und natürlich haben sie uns gehasst, weil wir den Platz weggenommen haben von den Kindern. Als ob wir aus Vergnügen dort gewesen wären. Deswegen hat uns auch diese Blockälteste so gehasst. Na, und was geschieht dann? Dann wurden wir bald evakuiert, auch von dort, weil die Russen kamen, die kamen immer und haben uns nie erreicht. Sie sind stehen geblieben. Wie ich jetzt erfahren habe, es war nicht in ihrem Plan, ein bisschen schneller zu gehen, weil hier ein Vernichtungslager ist, überhaupt nicht. Und auch den Alliierten war es nicht im, im militärischen Plan, überhaupt nicht. Es hat niemanden interessiert. Wieviel Menschen dort man, dort täglich den_. Ist eine Tragödie, es ist jetzt klar geworden, erst jetzt. Ja, die Russen kamen wieder. Und wir wurden wieder ins Wagon gepfercht.
Diesmal hundertzwanzig Leute, in einem einzigen Kleid, barfuß, ohne gar nichts. Ich glaube, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass wir vier bis fünf Tage lang gereist haben. Sechzig Kilometer, sechzig Kilometer. Man hat immer an eine Gleise geschoben, und wir konnten dort stehen. Wir wussten nicht, ob der, ob der, der Person, der neben uns stand, ohnmächtig oder tot ist. Oder noch lebt. Alle standen wir so, gerecht [aufrecht] geha-, gar keine Möglichkeit, die Füße unter-zu, -zubekommen. Ja, es war noch, noch ärger wie der erste Fahrt. Ja, und man hat uns selektiert, dort beim Ankunft. Wieder, war, kam mir sehr bekannt
vor, diesmal ein ungarisch sprechender Siebenbürger Sachse. Der hat in einem gepflegten Ungarisch die Mädchen angesprochen. Sehr schön und freundlich nach rechts gelockt, also in die Gaskammer. "Ihr seid_, wahrscheinlich habt ihr viel gearbeitet, das ist ein Schonungslager, komm doch her." Alle Fünferreihen sind ausgetreten miteinander, ohne Bedenken sind sie in die Tod gegangen. INT: Haben Sie eine Nummer gekriegt? MA: Ja, jetzt, diesmal wurde ich tätowiert, wir kamen in den tschechischen Lager, also dort hat man die tschechischen Familien umgebracht, vor ein paar Tagen, um uns, um uns Platz zu machen, natürlich.
Und dann hat man uns tätowiert, wir waren noch glücklich, dass es so geschah. Wir haben als einen guten Zeichen genommen. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen meine Tätowierung zeigen. <zeigt Tätowierung auf ihrem Unterarm> MA: A 17169. INT: Also, es gab wieder Selektion? MA: Ja. Und immer wieder, und immer wieder. // INT: Was_? /// Dann wurden wir gefragt, wer Pflegerin wäre, oder wer gelernte Sani-, Sanitärin [Sanitäterin] werde, wäre. Dann hab'ich mich gemeldet, ich hatte wieder nichts zu verlieren. Und so hat man mich in die
Krätzeblock verlegt, Krätzeblock, wo die Krätzekranken eingeliefert wurden. Und die mussten wir schmieren. Eine sehr hoch gestellte Arbeit. Aber es ging mir besser als den anderen, bitteschön. Zu essen hab'ich nicht mehr bekommen, aber ich dürfte dort drinnen bleiben in die Baracke. Sonst hat man alle rausgefegt, und ob schön, ob Regen, ob sägende [sengende] Sonne, sägende Sonne, oder, oder Wind, oder Kälte, oder Wärme, die müssten draußen hausen und stehen. Wir dürften auf unseren Pritschen bleiben, und das war eine gute Sache. Und ich konnte meinen Freundinnen ein bisschen Liebe erweisen, ich hab sie immer zu mir gebracht und bin wach gestanden, und sie haben bei mir geschlafen. INT: Und was haben Sie gemacht als Pflegerin da, im Kratzenblock [Krätzeblock]? MA: Nichts anderes
als geschmiert die krätzige Leute, die armen. Aber dann hab, hab'ich gehört, ich weiß nicht woher, es, es haben ja so viele Gerüchte_, sind so viele Gerüchte umgegangen. Eine von diesen Gerüchten war, dass in allen sechs Wochen das schwarze Auto hier stehenbleibt und alle mitnimmt. Sowohl Pflegerinnen, wie auch Krätzekranke. Um in die Gas, ins Gas alle zu eilen und verbrennen. Mit gefiel es überhaupt nicht, dieses Plan. Ich wollte nicht vergast werden. Und ich hab meinen Kolleginnen gesagt: <hustet> "Kommt, gehen wir, machen wir etwas. Laufen wir von hier weg. Gehen wir in einen anderen Baracke. Machen wir etwas, bleiben wir nicht hier. Es sind schon fünf Wochen
vorbei. Das Auto kommt, und wir müssen sterben." - "Ah, du bist nicht normal, du bist verrückt. Man redet ja so vieles." Niemand hat mir zugehört. (4) Dann hab'ich den Mut gefasst und allein und verlassen rausgegangen auf den Sammelplatz. Und dort hab'ich angesprochen die höchste, die höchste Angestellte der SS. Die ging dort herum mit einer Peitsche und brüllte und hat wirklich Transporte zusammengelegt, Arbeitstransporte. Und ich hab mich gemeldet, ich weiß, noch heute weiß ich nicht, woher ich die, die Mut hatte. Hab'ich sie gefragt: "Haben Sie vielleicht eine Pflegerin nötig im Transport? Ich bin gelernte Pflegerin, ich möchte gerne weg von Auschwitz."
Sagt sie: "Und, bist du Ärztin?" Sag'ich: "Nein, das bin ich nicht." - "Dann sag, dass du Ärztin bist!" Sag'ich: "Das kann ich nicht sagen. Erstens bin ich zu jung und zweitens, ich, ich kann nicht ärztliche Arbeit machen, ich hab's ja nicht gelernt." - "Weil du eine blöde, eine verrückte, eine dumme_! Marsch, in die Reihe!" Und schiebt mich herein in die Reihe, die rausmarschiert von Auschwitz, so bin ich rausgekommen. Und schon in Berlin hab'ich ein Buch gelesen. In Berlin hab'ich ge-, erfahren, binnen zwei oder drei Tagen, alle, alle in die Gas gegangen sind, die mit mir gearbeitet haben. (---) Tja. INT: Und ungefähr wie lange waren Sie in Auschwitz dieses Mal? MA: Ha, ach, wieder die schwere Frage.
Es war Anfang September so ungefähr, als ich weggekommen bin. Und dann kamen die großen Selektionen, als die jüdische Feiertage kamen in, in Oktober, das hab'ich schon vom Hören bekommen, und dann war es eine grausame Selektion. Mengele hat Blut getrunken damals, ich war weg, gottseidank. INT: Und wohin sind Sie hingebracht? MA: In einem kleinen Arbeitslager, Wiesau hieß es, Wiesau. Es war irgendwo in Sachsen, es war ganz ruhig, wir waren dort wenige. Gehungert haben wir weiterhin, weil der liebe, gute, nette Lagerführer, der in Zivil Fischhändler war, der hatte einen großen Grad als SS-Mann, der hat alles,
alles gestohlen, was für uns gekommen ist. <lacht> Einfach, und wir wurden immer dünner. Aber ich musste nicht ausrücken, denn ich war verschont vom, vom Regen. Es war schon Herbst, und Herbstregen hat angefangen. Und die Mädchen, die haben bei, bei Familien gearbeitet, wo der Mann eingerückt war, und sie müssten die Ernte, die Ernte einholen. Sie haben den Frauen geholfen. Und manchmal, es kam vor, dass sie auch Menschlichkeit begegnet haben. Haben sie uns erzählt. Dass sie sogar was zu essen bekamen, dass sie sogar zu einem Tisch eingeladen wurden, und dass, dass man ihnen
sogar ein Dankewort, Dankwort gesagt hat. INT: Was haben Sie da gemacht? MA: Ich war Pflegerin, ich war Pflegerin, hab die Kranke, hab mich mit den Kranken befasst. || Und hab alles_. INT: Wie kam das, ||| dass Sie Pflegerin wieder geworden sind? MA: Na, ich hab mich so gemeldet, bei der, bei dieser großen SS-Frau, beim Abfahrt, ich war so registriert als Pflegerin. Und dann wurden wir, kamen wieder die Russen, die kamen ja immer. Und wir mussten immer weglaufen und immer wieder. Und_. INT: Haben Sie Leute kennengelernt im Lager, haben Sie Freunde oder || Freundschaften_? MA: Ja, ich, ich hab eine wunderbare Freundin, ich würde so sagen, mein Lagerschwester. Und hier in Wiesau kamen wir zusammen, gerade hier hab'ich sie getroffen. Ich hab sie von weiten
gekannt. Von Budapest. Aber hab sie nicht von näher gekannt. Wir haben uns zusammengetan, und es war die reinste, eine wunderschöne Freundschaft für uns. Wir haben unser Leben aufs Spiel gesetzt füreinander. Und wir haben auch die Befreiung erlebt. Aber dann ist sie später tragischerweise verschollen. (---) INT Sie haben diese Frau in Wiesau wieder gesehen. Wie war die Begegnung zum ersten Mal? MA: Oh, sie war sehr lieb. Sie hat aufgeschrieen: "Marika, du bist es! Bist du meinetwegen in diesen Transport gekommen? Damit wir zusammen sind?" Und hab'ich sie belogen,
hab'ich "Ja" gesagt. Obwohl mich die Frau reingepeitscht hat. In diese Reihe. Und, also, die reinste Freundschaft. Eine reine Seele, eine wunderbare. INT: Über was habt Ihr, über was haben Sie gesprochen? MA: Also, wir haben miteinander gemeinsam gegen die (---) Unvermenschlichung gekämpft, wir wollten nicht untergehen. Wir wollten nicht Tiere werden. Das war dort der Grund, wir sollten wie, als, als, als gequälte Tiere krepieren. Das wollten wir nicht annehmen. Wir haben miteinander über Musik gesprochen, über Literatur,
über Literatur. Wir haben in einem gewissen Moment, es ist lächerlich jetzt, aber wir wollten uns ein bisschen absondern. Es war nicht, nicht dass wir nicht dazugehört haben, aber manchmal waren die Diskussionen so niedrig. Immer über Essen, immer über Küche, immer über dieselben Fragen. Und wir wollten ein bisschen höher, höher stehen bleiben. Und so haben wir untereinander französisch gesprochen, damit uns niemand versteht. <lacht> Das war schön. <Ende Band 2>
INT: <englisch> February second, 1996, survivor Marianne Adam, Interviewer Andrew Hood, in Berlin, Germany, tape three. (5) Ja? // KAM: Mir läuft gerade noch_. MA: Das ist die letzte? INT: Mal sehen. Sie sind voll mit Geschichten. Wir gehen, wir fa-. <Schnitt> MA: Wie die Katze es genossen hat. <lacht> // KAM: Die Katze_. (unverständlich) /// INT: Die Katze_. /// Ja. INT: Frau Adam, äh, wie hießen ihre Freundinnen im Lager? MA: Meine Freundin, wie sie hieß? Genauso wie mein Schwester, Edith. Sie war ja auch Edith. INT: Und Sie haben über Literatur und Musik miteinander gesprochen?
MA: Ja, ja. Sehr viel. INT: Und über? MA: Über alles, was, was, was ein bisschen schöner ist, und was uns herausbringt aus diesem schrecklichen Schmutz. Innerlicher Schmutz. Ja, und dann haben wir Glück gehabt, mit Edith. Wir wurden nämlich an einem Arbeits-, ja, hab'ich schon gesagt, dass wir angekommen sind ins KZ Langenr-, Reichenbach-Langenbielau. Ja, das war ein richtiges KZ. Und von dort hat man uns zur Arbeit gebracht an einem Warenlager von Organisation Todt. Das wissen die alte Leute, was das ist. Was das war? Das war ein, eine halb militärische, deutsche Vereinigung,
der mitgeholfen hat. Es waren dort auch anständige Menschen, aber viele schlechte Menschen auch. Und, also wir wurden dort eingeteilt, mussten Wagonen beladen mit der Ware. Groß Möbelstücke, und dann mussten wir die Wagons anschieben, es war schon Winter, Januar, Februar, große Kälte. Unser, unsere Hände sind draufgefroren. Und in dieser verzweifelten Lage, als wir dort in die Reihe standen, fragte jemand: "Wer spricht deutsch?" Und ich guckte Edith an, es war ihre Muttersprache, ihre Mama war eine deutsche Jüdin. Ich: "Na, sprechen wir deutsch?" Sagt sie: "Ja, wir haben nichts zu verlieren." Sind wir beide rausgetreten:
"Wir sprechen deutsch." Und wir wurden eingeteilt in diesen, äh, Warenlager und mussten dort Buch führen über die Ware, was reingekommen oder rausgegangen ist. Besser als Wagons schieben. Essen haben wir wieder nichts bekommen mehr, aber wir waren gut, gut versorgt in einem kleinen Zimmer, wo man auch Feuer machen konnte. Es ging uns besser, viel besser. Einige Wochen haben wir so verbracht, da. Ja, von Scheye Kreuzer hab'ich Ihnen noch nichts erzählt. Eines Tages kommt ein Häftling herein, mit einem SS-Mann. Der Häftling war ganz gut gekleidet. Aber na-, natürlich mit dem Häftlingnummer, man sah ihm an,
dass er kein freier Mensch ist. Und sie sind reingekommen in unserem Büro. Und der Häftling fä-, fängt an, mit mir zu reden. Er fragt mich: "Wer bist du? Woher kommst du? Du musst sehr ungeschickt sein, weil du so mager bist. Du kannst kein Essen von nirgendwo bekommen?" - "Nein, das kann ich nicht, ich hab keine Verbindungen." Sag'ich: "Aber es ist nicht erlaubt, miteinander zu reden", und ich guck auf den SS-Mann. Daraufhin, mein neuer Freund: "Du brauchst kein Angst von Hans haben. Der ist unser Mensch." Und umarmt den SS-Mann. Ja. Es gab auch sowas. "Du kannst ruhig mit mir reden, alles. Der Hans gehört uns, der ist unser Mann."
Und da stellt er mir die Frage, ob ich bereit wäre, Geld und welche Sachen hereinzuschmuggeln im Lager. Es war sehr gefährlich. Todesstrafe. Und ich, da ich immer so dumm war, hab'ich "Ja" gesagt. Und es gelang mir. Ja. // INT: || Und wie_. /// Ein, ||| ein französischer Junge ist immer gekommen, und ich hab's hinübergeworfen ins Männerlager, sie waren nämlich abgesondert von uns. Es ging aber nur einige Tage, diese ganze Geschichte, ja, ja, ja. Und er, aus Dankbarkeit, hat uns tagtäglich aufgesucht und immer ein geschmiertes Butterbrot gebracht. So zusammengelegt und sogar mit Zucker bestreut. Für uns himmlisches Essen.
Das haben wir mit Edith geteilt. <hustet> Das war der Lohn. Und wieder einige Wochen Leben haben wir dadurch bekommen. Ein wenig Kalorien. Und, ja, es ging. Ich bekam immer wieder die Päckchen. Es, es gelang mir hereinzuschmuggeln, ich habe auf meinem Körper gebunden. Und der Gérard ist gekommen, ich hab rübergeworfen, es sah alles wunderbar aus. Wie eines Tages ein großes Aufruhr im Lager war. Man hat was gesucht. Du liebe Güte. Wahrscheinlich ist jemand von der Untergrund geschnappt worden. Und man hat im Frauenlager gesucht. Sag'ich: "Das ist meine Sache.
Man sucht mich." Natürlich mussten wir vor den Mithäftlingen alles verheimlichen. Man konnte ja nicht wissen, wer für ein Stückchen Brot alles verraten kann. Wir mussten voreinander auch fürchten, in dieser schrecklichen Lage. So hat niemand von, von dieser Angelegenheit gewusst. Und ich hab eins gedacht. Bin ins Klo gegangen, auf die Latrine, es war eine schreckliche Sache. Alles habe ich reingeworfen, auch die deutsche Marken, es gab mehr als hundert Mark. Es, das Leben für mich, ich hätte für mich etwas Lebensmittel besorgen können. Nein, ich hab nicht riskiert, ich wollte nicht gehängt werden. Und große Schmutz
hat alles verschluckt. Und das war meine Tätigkeit, mein Untergrundtätigkeit. Ja. Es kam zu unsere Baracke, wir wurden untersucht, und es wurde nichts gefunden. Ja, solche schöne Sachen. Und dann kamen wieder die Russen, weil die kamen in einem fort. Und dann hat man uns wieder evakuiert. Und diesmal war es ganz schrecklich. Diesmal kam der Todesmarsch. Rund herum in den böhmischen Gebirgen, ich hab den Eindruck, dass man uns in, im Kreis getrieben hat. INT: Wieviel Leute? MA: Ach, das kann man nicht wissen. Mal sind noch zweihundert dazugekommen. Mal sind hundert abgeblieben. Man konnte nie wissen. INT: Wie ist das passiert? Von einem Tag zum anderen? MA: Ja, ja, alles, alles,
alles. Auf einmal, und uns hat man nie gesagt, wohin wir gehen. Getrieben hat man uns. Und wer nicht gehen konnte, was natürlich sehr schnell passiert ist, der mu-, musste in die letzte Reihe bleiben. Und dann hat man ihn schön erschossen. Und eines Tages konnte ich auch nicht weiter gehen. Ich hatte wahnsinnige Schmerzen im Fuß. Und hab Edith gesagt: "Ich kann nicht mehr weiter. Ich will nicht mehr, ich_", mir war es genug. Ich verzage. Edith hat angefangen, mich anzuflehen: "Mach nicht sowas mit mir. On, tu das nicht, wie werd'ich_, was wer'ich deinem Mann sagen, wo hab'ich dich gelassen? An einer Brücke in, in der Tschechei? Wo, wo?
Was soll ich ihm sagen? Wie kann du sowas_, wie kannst du mich verlassen?" Aber ich bin trotzdem stehen geblieben. Und die sind ge-, gegangen und gegangen, und wir zu zweit waren schon dort. Und der SS-Mann s-, Mann sagt: "Knien, auf die Knie." Ich geh auf die Knie, die Edith, die schimpft mich noch immer. Sie schimpft: "Mich sollen sie auch erschießen. Wenn meine Freundin nicht lebt, dann will ich auch nicht leben." Er versucht, mich zu erschießen, und es funktionierte nicht. Tja. Er hat mir einen Fußtritt gegeben. Und mit den wehen Füßen bin ich nachgelaufen, sind wir nachgelaufen. Der Tod wollte mich nicht haben. <lacht>
Ja. Er hat nicht noch einmal versucht, nicht noch einmal gedrückt. Ein einziges Mal hat er gedrückt. S-, es hat versagt, oder keine Ku-, Kugel, weiß nicht, weiß nicht, was geschah. Ich bin im Leben geblieben. || Ich konnte noch weiter. INT: Welches Jahr, ||| welches Jahreszeit war das? MA: Es waren schon solche, solche Frühlingsgerüche im, im, im Wald. Es war ein wunderschönes Gegend. Die Mädchen haben sich geschleppt, manche haben gesagt: "Ich hab so gerne gewandert. Nie in meinem Leben werd'ich wandern. Ich mag das nicht, ich brauch nicht immer Natur, ich brau-, brauche nur ein Zuhause.
Und ein warmes Bett und was zu essen, nie mehr werde ich wandern." Sag'ich: "Ihr werdet schon wandern, wenn es vorbei ist." Ja, und dann kamen wir in einem nichtsbedeutenden Lager, sehr viel Schmutz, sehr viel <räuspern> Läusen. Ja. INT: Wie hieß diese Lager? MA: Ich hab jetzt vergessen, ich hab in meinem Buch, hab jetzt ver-, (---) hab jetzt vergessen, ist mir aus dem Kopf, es war nichtsbedeutend. Nur Schmutz war und Dreck und sehr viele Läusen. Aber etwas, etwas geschah hier, was ich jetzt erzählen muss, ja, ja. Es war Anfang März. Auf einmal kommt da-, das Gerücht, dass
Mengele kommt zu selektieren. Der Mengele, den hab'ich seit Auschwitz nicht mehr erlebt. Und es steht nirgendwo, dass es, dass er noch im März aktiv war. Er war aber aktiv, das kann ich bezeugen. Wir werden runtergetrieben im, im Hof und mussten uns nackt ausziehen. Und ich sehe so junge Mädchen, so nackt ausgezogen. Es fährt mir durch den Kopf: "Nach was für Kriterien will er jetzt Selektion machen? Wir sind ja lebendige Skeletten, alle. Welche ist, welcher hat ein bisschen Fleisch auf sich? Niemand. Wir sind fertig, ausgemergelt sind wir." Sag'ich: "O ba, meine Brille. Und den hab'ich schnell runtergezogen und so versteckt
in meinem Hand, und an diese Seite stand Mengele, und ich bin stramm vor ihm marschiert. Und zu den Lebendigen gekommen. Und ich guck hinüber. Alle Ausgesuchte haben Brillen getragen. Er hat die zum Tode verurteilt, die Brillenträger. Ja. (5) Die Mageren konnte er schon nicht mehr auswählen, weil wir alle gleich waren. So hat der Herr Mengele mir das Leben gerettet, <räuspern> oder diese Eingabe, dass_. Nie im Leben hab'ich meine Brille runtergenommen, dann, ein einziges Mal. Und das war le-, lebensrettend.
Und dann kamen wieder die Russen, weil die kamen immer wieder, und dann wurden wir wieder weitergetrieben. Ja, etwas, Schanzen, Schanzen haben wir gegraben. <räuspern> Man hat uns anständig geschlagen. Kleine Hitlerjungen sind vom Stadt gekommen und haben sich sehr schön amusi-, amüsiert. Und haben den SS-Mann gezeigt: "Guck mal, diese dort arbeitet nicht." Dann ist der SS-Mann dort hingerannt und blutig geschlagen, und die Kinder waren glücklich. <räuspern> Die wussten ja nicht, was sie tun. Die waren nicht schuld daran. Das Elternhaus war schuld daran, aber es, es geschahen auch positive Dinge dort. Unterwegs zum Arbeit,
ja. Manche Frauen sind zum Fenster gekommen und uns Äpfel und Brot runtergeschmissen: "Haltet aus, nur ein wenig, nur ein wenig. Ihr werdet gleich befreit. Nur ein bisschen Optimismus, ihr werdet es erleben." Und den SS-Mann haben sie gedroht: "Ich komme und verhafte dich." - "Du mich? Du wirst im Lager sitzen in einer Woche." Und solche Gespräche, schön. INT: Aber ist die Spannung gestiegen? MA: Die Spannung ist gestiegen, ja, ja, ja, ja. Die wollten, dass niemand, niemand erlebt die Befreiung, es war so organisiert. Sie wollten, dass niemand die Befreiung erlebt. Und dann kamen wir ins letzte Lager, von dort habe ich wenige
Erinnerungen, ich war schon so kaputt, dass ich gelegen bin. Es hat mich nichts mehr interessiert. <räuspern> Und (4) dann hat man dort gemunkelt, dass wir ein Nebenlager von Theresienstadt sind, und dass, dass man uns nach Theresienstadt treiben wird, und dass alles mit Minen unter-. Wie sagt man das, miniert, miniert, wie sagt man das? Es ist unter-? // INT: Minenfeldern? /// Ja. Nein, nein. Es ist mit Minen unter-, äh, - gearbeitet. Also, es, man würde sprengen, das ganze. // INT: Klar. /// Ja. Alle Häftlingen werden dorthin ge-, transportiert, und man wird alle umbringen mit Minen. Aber es ist nicht gelungen, wahrscheinlich die Russen haben schon die Wege besetzt. So vergingen die Tage, und auf einmal kommt der 09.
Mai, natürlich der letzte Tag. Und dann, im letzten Moment wollte man noch uns erledigen. Aber nicht unsere SS-Mannschaft. Sie haben sich rechtzeitig Zivilkleider geholt, und sie sind verschwunden. Aber es kamen junge SS-Leute vom Front her, und die haben uns nie gekannt, und wir haben gar keine Verbindung zu ihnen gehabt. Und wahrscheinlich war so ihr Befehl, dass sie uns niedermetzeln sollen. Und dann hab'ich Edith gesagt: "Edith, wir haben schon so vieles erlebt, jetzt lassen wir uns nicht töten im letzten Moment. Und wohin mit uns?" Wir sind hochgeklettert am Dachboden und herausgeklettert auf dem Dach und uns versteckt.
Hinter dem Schornstein und so runtergeguckt. Und die Mädchen standen dort in ganz schöne Reihen, und vier SS-Jungen haben die, haben die, äh, Maschinengewehre montiert. Und auf sie_. Und eine Weile vergeht in so einer Spannung, und auf einmal gucken wir herunter, alles wird abmontiert, und die Leute sind weg, die SS-Leute. Wie wir später erfahren haben, hatten wir eine SS-Aufseherin, wir, im Lager, die mit, für die Telefonanschluss, äh_. // INT: Zuständig war. /// Zuständig war, ja. Das Wort hab'ich gesucht. Ja. Und sie hat es abgeschnitten. Und so hat,
haben die SS-Burschen das Wort, "Los, Feuer!" nicht erfahren können. Und ohne Befehl kein Schuss. So sind wir etwa vierhundert junge Mädchen im Leben geblieben. Wir sind die anderen runtergekommen, und dann kamen die Russen. Es war, die Freude war nirgendwo, glaub nicht. Nein, nein. Was sollten wir mit unserem Leben anfangen, das ist nicht zu verstehen. Man hat uns runtergeworfen in eine Tiefe. Und mei-, unser ganzes Leben wurde vernichtet. Jetzt hochklettern, aber wohin? In nichts und gar nichts. INT: Ich möchte eine Frage. // MA: Ja. /// Wann haben Sie Ihre Schwester zum letzten Mal gesehen, Ihre Schwester? // MA: Damals? /// Damals. MA: Damals?
Als die Gendarmen uns, uns zu Wagonen getrieben haben. Dann hab'ich sie gesehen. Und dann nicht mehr. Naja, das Rückkehr ist schon ein anderes Kapitel, da-, darüber konnte ich da gut nach noch erzählen. Es war sehr dramatisch. Aber es ist uns gelungen. Und auch meinen Mann hab'ich gefunden, und auch meine Schwester hab'ich gefunden. Und ich kann mich als, als glücklicher Mensch bezeichnen. Andere sind wirklich ohne niemanden geblieben. INT: Wie war das, als Sie zum ersten Mal die Russen gesehen haben? (4) MA: Ja. Die Mädchen haben immer be-, behauptet: "Wir, wir Juden, wir Juden!" Und die haben gesagt: "Ah, <russisch> nitschewo (auf deutsch etwa: spielt keine Rolle), bei sind-, bei uns sind auch Judenmenschen." <lacht>
Also, es ist kein Unterschied, ob wir Juden sind oder SS-Männer. Nitschewo (Spielt keine Rolle). Aber was ganz schlimm war, dass wir in Gefahr war, waren, weil sie haben nämlich Transporte zusammengestellt, die Russen, zur Arbeit. Und dort wurden weit, nicht nur die Deutschen mitgenommen, sondern auch wir. Wen man geschnappt hat, die Straße. Konntest sagen, dass du nicht hingehörst, dass du kein Faschist bist, dass du bis jetzt im Lager war. Nitschewo. Drei haben gefehlt, drei hat man reingeworfen. Dann bis Sibirien, nicht einmal Halt gehalten. Viele, ich hab drei Geschwister kennengelernt in Israel, die haben dieses Schicksal durchgemacht. Vier Jahre lang Sibirien, nach
Auschwitz, ohne Pause. Vier Jahre. INT: Aber Sie und Edith? MA: Nein, wir kamen nach Hause, wir kamen nach Hause zu meiner Schwester. Wir haben Glück gehabt. Und dann bin ich wieder weitergefahren. Zu meinem Mann nach Siebenbürgen. Und hab mein neues Leben angefangen. Es ist mir klar geworden, dass mein altes Leben in Stückchen gebrochen ist, das kann man nicht mehr zusammenkleben. Man muss sich was ganz neues anfangen. INT: Was hat Ihre Schwester zu Ihnen gesagt, als Sie angekommen sind? MA: Sie konnte nicht glauben, dass ich da bin. Sie konnte nicht glauben. (5) Ich auch nicht.
Es ist eben so. Ja, wir müssen im Leben bleiben, damit wir, damit unser Volk nicht ausstirbt. (8) Ja, und das wäre meine Geschichte gewesen. INT: Aber ich möchte noch ein bisschen fragen. Sie sind dann von Ihrer Schwester zu Ihrem Mann gefahren. // MA: Ja, ja. /// Ähm, wie war die erste Begegnung dann nach dem Krieg mit ihm? MA: <lacht> (---) Soll ich Ihnen einen Roman erzählen, oder soll ich Ihnen die Wahrheit erzählen? <lacht> // INT: Die Wahrheit. /// Es ist überhaupt nicht romantisch. Ich bin im, also in, in einem Stadt gekommen, wo die Grenze war,
die ungarisch-rumänische Grenze, und ich musste über die Grenze. Und bis man meine Akten übersehen hatte, gesehen hat, dass ich kein Feind, keine Feindin bin, dass man mich bereit macht, hat eine Woche gedauert. Ich hatte kein Geld mehr, ich hatte keine Schlafmöglichkeit, ich hatte ni-, nichts und gar nichts. Ich war in einem fremden Stadt, verlassen von Gott und vom Menschen. Nichts hatte ich. Und dann habe ich jemanden angefleht, er sollte mir helfen, ich soll meinen Mann anrufen. Ins Krankenhaus von seinem Stadt. Und endlich bekomm'ich ihn zu hören. "Nikolaus, ich bin es." - "Ja. Schön, dass du da bist." Als ich, als ob ich von einem Ausflug gekommen wäre. Sag'ich: "Du, ich habe eine Bitte, bitte ko-, komm und hol mich ab." Sag'ich: "Ich steh da ohne Geld und ohne gar nichts. Ich bin
müde und hungrig. Ich möchte nach Hause. Bitte, hol mich ab." Daraufhin sagt er, der Arme: "Ich kann nicht weggehen, ich kann meine Kranken nicht allein lassen. Mein Chef fehlt. Ich muss hierbleiben. Komm doch weiter mit dem Transport, mit welchem du hierher, bisher gekommen bist." Ah, hab ich angefangen zu heulen, dort, dort. Ja, hab'ich wieder getan. Naja, das war unsere erste Begegnung. Aber in den 42 Jahren, was wir zusammen schön erlebt haben, hat der Arme immer zu hören bekommen: "Ja, du hast mich auch damals nicht abgeholt. Was soll ich von dir_." <lacht> Das war meine große Keule.
Ja, er hatte wirklich sowas vorgestellt, dass ich mit einem geschlossenen Transport gefahren bin, || ja war es. INT: Ja, aber ||| wie haben Sie es geschafft, weiterzufahren? MA: Ach, mit einer, es waren dort eine, ein, eine Organisation, die angeblich gehol-, geholfen hat, und dort hab'ich ein Billett bekommen für, für einen Autobus. So bin ich nach, zu meinem Mann angekommen. Hat auf mich gewartet. Ja-, Jahre später hat mir jemand gesagt: "Ich habe euch, ich hab eure Begegnung gesehen, ich hab so geweint." Hab'ich sie angeguckt: "Ich auch, vor Zorn." <lacht> Ja, ich wusste, dass er lebt, für mich war es schon keine Überraschung, weil er Briefe gewechselt hat mit,
mit meiner Schwester. Er hat aber in diesem Moment erfahren, dass ich existiere. Der Betreffende sagte: "Ich hab die Begegnung gesehen, ich habe so geweint." Sag'ich: "Ich auch." <lacht> Naja, Romantik ist eben nicht immer da. T: Ganz, ganz kurz. Das schabt immer so'n bisschen an der Bluse. <rascheln> Jetzt, ja, danke. INT: Und dann haben Sie in Rumänien // MA: Ja, ja. /// gelebt? MA: Dann hab'ich die Sprache gelernt, und dann hab'ich gearbeitet, dann hab'ich welche Examen abgelegt und meine zwei Kinder gekriegt. INT: War es für Sie sicher, dass Ihre Mutter gestorben_? MA: Naja, naja, das wusste ich. Aber, dass mein Vater vielleicht durchkommt, daran hab'ich jahrelang noch
geglaubt. Weil von Mutter weiß ich, dass sie nicht ins Frauenlager gekommen ist. Also, sie ist an die andere Seite gekommen. Das hab'ich leider gewusst. Aber vom Papa hab'ich nichts gewusst, ob er hereingekommen ist ins Lager, oder nicht. (4) Ja, also ein zerbrochenes Leben, wir müssen neu anfangen. Und was in Zukunft betrifft: Ja, man darf nie vergessen, was geschehen ist, und man darf nie minimalisieren. Es war so, das kann man nicht abstreiten. Aber andererseits (---) nie mit Ha-, mit Hass und Reue, mit, mit Hass und Rache zurückdenken, nein, nein, nein.
Ich hab mich bewusst geheilt von dieser Lage. Ich empfinde keinen Hass mehr, gar keinen Hass. Es ist so gekommen, verstehen tu, tu ich es überhaupt nicht, ich werde auch nie verstehen. Es sind Situationen, die unverständlich für uns Menschen sind. Aber Verständnis muss man bringen, sehr viel Verständnis. Liebe muss man füreinander bringen, sich ni-, nicht abkapseln. Sondern offen sein für Menschen. Vielleicht wenn sie, wenn sie un-, unrechte Wege gehen wollen, die Jugendlichen. Man muss sie ansprechen, anreden, man muss mit ihnen sprechen. Also Versöhnung
und Liebe. Weil Hass und Rache (---) bildet ein Teufelkreis, was nur Hass_. INT: Wie lange sind Sie in Rumänien geblieben? MA: Etwa dreißig Jahre lang. INT: Haben Sie irgendwann, oder, wann haben Sie Deutschland zum ersten Mal wieder_? MA: Ja. Im Jahre 64 [1964] war ich als Zeugin in Frankfurter Auschwitz-Prozess gela-, eingeladen. Dort hab'ich ausgesagt. // INT: War es || ein_. /// Dann hab'ich_, ||| es war ein Schock für mich. Ich hab so eine Angst von, von Polizisten. Überhaupt von, von Menschen, die eine Uniform tragen. Von Hunden hatt'ich_, ich bin immer auf die andere Seite
gelaufen. Als ein Hund gekommen ist. Und ich mag Tiere. Ich bin ein großer Tierfreund. Es ist Gottseidank vergangen, aber damals war es noch frisch. Frisch genug, um diesem Angst zu spüren. (4) Gottseidank konnten wir es überleben. (---) Und das wäre meine Geschichte gewesen. INT: Gut. Frau Adam. MA: Und hab'ich kein Medizin studiert, bin aber eine gute Mutti geworden und eine erträgliche Ehefrau. <lacht> INT: Gut. Ich danke Ihnen sehr für das Interview. MA: Gerne, gerne. INT: Dankeschön. <Ende Band 3>
 
INT: <englisch> In Berlin, Germany, tape four. <Stimmengemurmel, 20 Sek.> <Interviewte> INT: Stellen Sie am besten einfach // MA: Ja. /// Ihre Familie vor. MA: Hier hinten sind meine beide Töchter. Die Nicole und sie ist die Marie. Und hier ist mein Schwiegersohn, der Peter, Ehemann von Nicole. Und hier sind die zwei wunderschöne Enkelkinder,
hoch und klug und schön. Und lieb. Und zärtlich. Und leider ist das Mädchen nicht da. Sie ist, sie ist verreist auf einem Ballettkurs. Sie ist dort zu sehen an diesem Foto, in der Mitte. Sie ist Maries Töchterchen, mein drittes Enkelkind. Wie, wie Sie es sehen, hat es sich gelohnt, im Leben zu bleiben, nicht wahr? <lacht> <Schnitt> INT: Ok? MA: Ja. Nun stell'ich meine Familie vor, ja? Mit Namen. Hier neben mir sitzt Adam, der ist vierzehneinhalb. Hier sitzt
Marie, meine Tochter. Und hier sitzt Nicole, meine ältere Tochter. Und hier sitzt Daniel, mein ältester schw-, Enkelsohn. Und der ist der Peter, mein Schwiegersohn, mein ältester Schwieger-, ja. Und wir haben noch ein Familienmitglied, die Andrea, die gehört zu Marie. Sie ist so, dort zu sehen, auf diesem Foto. Sie ist leider verreist und kann jetzt nicht sich, nicht mit uns zeigen lassen. PI: Und last, bust not least, Ernst. MA: Ern-, ja, ja. Ja, der andere Schwiegersohn arbeitet. Der heißt Ernst und ist mit Marie verheiratet. Und ist eben der Vater von Andrea. Ich glaube, jetzt hab'ich alles erklärt. INT: Danke. <Foto 1> INT: Ok.
MA: Sagen Sie mir bescheid. INT: Können Sie jetzt. MA: Ja. Das ist ein Bild von einem Sommerurlaub in den guten, alten, friedlichen Zeiten. Aus der Schweiz. In der Mitte sitzt Mami, das kleine Kind bin ich. Vier oder fünf Jahre alt. Und die mit der Brille ist meine Schwester, die dann später eine ausgesprochene Schönheit geworden ist. <lacht> <Foto 2> INT: Ok. MA: Ja. Hier sind wir beide mit meiner Schwester und unserem Opa zu sehen. Ich bin hier so fünf, sechs, sieben Jahre alt, maximum sieben Jahre alt. Und meine Schwester fünf Jahre älter. Ich liebe dieses
Bild. Es hat etwas Schönes. Opa hat eine Tragödie durchgelebt. Mit 86 wurde er nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Eine Tragödie. Er war ein wunderbarer Mensch, ich habe ihn immer sehr stark geliebt. Stationsvorsteher war er von Beruf. Eine menschenlieber, ein, ein heiterer, ein geistreicher, ganz lieber Mann. INT: Wie war sein Name? MA: Ignatz Willner. <Foto 3> INT: Ok. MA: Ja. So sah ich aus als fünfzehnjähriges Mädchen noch vor dem Shoah. Ein glückliches, so nachdenkliches Gesicht. Aber noch wirklich
ohne Sorgen. INT: Wann ist das Foto aufgenommen? // MA: Bitte? /// Wann ist das Foto gemacht worden, ungefähr? MA: Äh, ich muss jetzt nachrechnen. Ungefähr im Jahre 36 [1936]. <Foto 4> INT: Ok. || Frau Adam. MA: Ja. ||| Ein Foto, kurz vor unserem Begegnung gemacht. Es ist nicht, war kein Wunder, dass ich verliebt geworden bin in ihn. Er war ein netter Junge. INT: Danke. <Foto 5> INT: Ja. MA: Ja, als mein junger Mann zum Arbeitsdienst einberufen wurde, dann haben wir dies Foto gemacht. Damit er Kraft bekommt, und damit er sieht, dass ich mit Optimismus und mit Vertrauen in die Zukunft blicke.
INT: Danke. <Foto 6> MA: Und hier ist eine jung gebliebene Mama, mit ihren beiden großen Töchter zu sehen. Das war schön, manche Leute glaubten, dass wir Geschwister sind. Wirklich ei-, eine schöne Sache für Mutter und Kinder. INT: Sagen Sie von, von links nach rechts, wer, wer da_. MA: Marie, Nicole und ich. Wir haben uns prächtig verstanden, sehr schön miteinander gelacht. Ich war ziemlich jung, als ich sie bekam, und es war keine Kunst, so ein Verständnis aufzubauen. INT: Und wann und wo wurde das Foto gemacht? MA: Das wurde noch in Siebenbürgen gemacht, vor unserem Haus. Also, ich war ungefähr
42. Und die Mädchen waren siebzehn und neunzehn. INT: Danke. <Foto 7> INT: Ok. MA: Hier feiern wir unseren silbernen Hochzeit. Ja, wir sind glücklich, man sieht das, dass ein tiefes Verständni-, Verständnis unter uns ist. Wir haben uns ernsthaft geliebt. Auch nachdem diese flammende Jugendliebe erloschen ist, haben wir einander verehrt und geliebt. INT: Welches Jahr ist das? MA: <flüstert> 44, 45, 54,
sechziger Jahre, ja, sechziger Jahre [1960er-Jahre]. <Foto 8> INT: Ja. Ja. MA: Und hier ist das Bildnis von meiner über alles geliebten Mutti, Sidonie Willner, geborene Halász. Hier war sie ungefähr 33 Jahre jung. Ja. Sie sieht ein bisschen ernst aus, als ob sie ihren Schicksal kenne, ja. Mit fünfzig wurde sie grausamerweise in Auschwitz im Gaskammer umgebracht. Bis zum heutigen Tage beweine ich sie. Ich musste das ganze, schwere Leben ohne
meine liebende Mutti meistern. Und manchmal war es überhaupt nicht leicht. Aber irgendwo habe ich immer ihre Liebe gefü-, gespürt, zu spüren bekommen. Und ich hoffe, dass wir uns noch wiedersehen, wenn ich mal hinüber komme. <selbes Bild, Großaufnahme des Gesichts> INT: Wann wurde das Bild gemalt? Hier steht 1929 unten. MA: 29, ja, ja. INT: Und von wem, wissen Sie das? || Oder können Sie das lesen? MA: Ich kenn den Namen nicht mehr. ||| Nee. Das Bild war eigentlich viel schöner, nur es wurde restauriert. Und meiner Meinung nach
nicht fachgemäß genug. // INT: Hmhm. /// Es ist zumindest dunkel geworden und zu straff und zu strenge Züge hat sie bekommen. <Ende Band 4, Ende des Interviews>
Angriffe mit Hunden
Anpassungs- und Überlebensstrategien in den Lagern
Antisemitismus in Schulen
Auschwitz II-Birkenau (Polen : F790Vernichtungslager)
Befolgung religiöser und kultureller Bräuche (jüdisch)
Bekleidung in den Lagern
bildende Kunst (Fotos)
Blockälteste
Botschaft für die Zukunft
Budapest (Ungarn)
Deportation aus Hatvan (Heves, Ungarn : Ghetto)
Deportation nach Auschwitz II-Birkenau (Polen : Vernichtungslager)
Deportationen, Transportmittel
Deutsche Invasion Ungarns (19. März 1944)
Deutschland 1941 (22. Juni) - 1945 (7. Mai)
Deutschland 1945 (1. Januar - 7. Mai)
Deutschland 1945 (8. Mai) - 1990 (1. Juli)
Dokumente und Artefakte (Fotos) 1929
Ernährung in den Lagern
Erschießungen
Europa 1945
Europa 1945 (8. Mai) - 2000 (1. Januar)
Fotografien (Fotos) 1920er
Fotografien (Fotos) 1930er
Fotografien (Fotos) 1940er
Fotografien (Fotos) 1960er
Fotografien (Fotos) 1969
Fotografien von Interviewten (Fotos)
Frankfurt am Main (Deutschland)
Freundschaften
Göth, Amon
Häftlinge, männlich
Häftlingstätowierungen (Fotos)
Hatvan (Heves, Hungary : Ghetto)
Hilfe in den Lagern
Hilfe: bevorzugte Behandlung
Hinrichtungen während der Todesmärsche
Hochzeiten und Ehen
Interakation mit Familienmitgliedern während der Deportationen
Kenntnis von der Verfolgung von Juden
Kindheitserfahrung mit Antisemitismus
Kontakt mit nahestehenden Personen, erneuter
Konzentrationslager, deutsche
Krakau-Plaszow (Polen : Konzentrationslager)
Kriegsverbrecherprozesse, Zeugen
kulturelle und gesellschaftliche Aktivitäten
Lagerappell
Lageraufnahmeverfahren
Lagerwachen, deutsch
Lagerwachen, weiblich
Langenbielau I (Deutschland : Konzentrationslager)
Maßnahmen und Gesetzgebung gegen Juden
Mengele, Josef
Migrationsversuche
Mitglieder von SS/SD
Morde in den Lagern
Polen 1944
Rákosliget (Ungarn)
Reaktion von Tätern auf das Näherrücken der Alliierten
Reaktion von Zuschauern auf die Verfolgung von Juden
Rumänien 1945 (8. Mai) - 1947 (29. Dezember)
Schmuggel in den Lagern
Schulen
Schulen (katholisch)
Selektion in den Lagern
Soldaten, sowjetisch
soziale Beziehungen
Todesmärsche
Transport aus Krakau-Plaszow (Polen : Konzentrationslager)
Transport aus Langenbielau I (Deutschland : Konzentrationslager)
Transport in Lager
Transport nach Auschwitz II-Birkenau (Polen : Todeslager)
Trennung von nahestehenden Personen
Ungarn 1918 (11. November) - 1939 (31. August)
Ungarn 1939 (1. September) - 1941 (21. Juni)
Ungarn 1939 (1. September) - 1944 (18. März)
Ungarn 1944
Ungarn 1945 (4. April) - 1948 (11. Juni)
Verstecken und Untertauchen in den Lagern
Vorstellung von Freunden und/oder Familienangehörigen
Wiesau (Deutschland : Konzentrationslager)
Wohnverhältnisse in den Ghettos
Wohnverhältnisse in den Lagern
Züge, Fracht-
Zwangsarbeit in den Lagern
Zwangsarbeit: Arbeit am Bahnsteig
Zwangsarbeit: Arbeit im Steinbruch
Zwangsarbeit: Büroarbeit
Zwangsarbeit: medizinische Dienste
Zwangsarbeitsbedingungen
Zwangsarbeitskommandos, ungarisch
Ehemänner Nikolas Adam
Enkel Daniel Iranyi
Enkel Adam Iranyi
Enkelinnen Andrea Hideg
Freunde Edith*
Gefangene Scheye* Kreuzer*
Gefangene Gérard*
Großmütter, väterlicherseits Rosa Willner
Großmütter, väterlicherseits Ethel Willner
Großväter, väterlicherseits Ignatz Willner
Interviewer Andrew Hood
Interviewte Marianne Adam
Mütter Sidonie Willner
Onkel Ernestin Hidvégi
Onkel, mütterlicherseits Aladár Halász
Onkel, mütterlicherseits Ludwig Halász
Schwestern Edith Berhidi
Schwiegersöhne Peter* Iranyi
Schwiegersöhne Ernst* Hideg
SS/ SD-Personal Hans*
Tanten Regina László
Töchter Nicole Iranyi
Töchter Maria Hideg
Väter Michael Willner